"Wetten, dass..?" aus Wien Schwer beschwipst

"Harlem Shake" mit ZDF-Chef Thomas Bellut und Wörter wie "Geschlechtsverkehr", "Arsch" und "Hintern" im Familienprogramm: Das Zweite geriert sich als Jugendsender. Markus Lanz nimmt ein Schokoladenbad - und moderiert "Wetten, dass ...?" aus Wien ziemlich übertourt, auf jeden Fall aber völlig unzurechnungsfähig. Verrückt, verrückt.

Eine TV-Kritik von Hans Hoff

Meine Güte, sind die crazy, die Leute beim ZDF. Gerade werden sie 50 Jahre alt, und doch sind sie kein bisschen greise, sondern herrlich hip und für jeden Spaß zu haben. In Wahrheit kann das kein Sender sein, da in Mainz, es ist ein riesiges gebührenfinanziertes Ferienlager.

Und der Verrückteste im Lager ist der Lanz, der Markus, der Animateur vom Dienst. Der weiß, wie man die Massen motiviert, und er traut sich was. Er sagt am Samstagabend böse Worte wie "Arsch", "Hintern" und "beschissen".

Er schickt Heiner Lauterbach samt Gattin auf ein Kloschüsselrennen und sagt "Horchen Sie mal rein in die Kloschüssel ihres Vertrauens." Vorher musste schon Oliver Pocher seinen Hintern hinhalten. Auf den durfte jeder, der wollte, Fußbälle feuern. Unterhaltung durch demonstrative Demütigung. Uiuiui. So etwas kennt man sonst nur von Kindergeburtstagen bei den Geissens.

Auch so kann eine "Wetten, dass...?"-Ausgabe aussehen. Schwer beschwipst und kein bisschen zurechnungsfähig. Gnadenlos um Publikumszuspruch bemüht. Das ist schon beim Start zu spüren, als der Lanz in Wien auf die Bühne tigert. Da ist es erst erstaunlich still, und dann explodieren plötzlich alle in den "Harlem Shake". In der ersten Reihe tanzt Intendant Thomas Bellut leibhaftig aus derselben. Was für ein verrückter Hund.

Der Fisch swingt vom Kopf

Wenn der Chef schon so agiert, verwundert es wenig, dass das Personal auch außer Rand und Band gerät. Der Fisch swingt halt vom Kopf her. Cindy aus Marzahn rappt für den US-Star 50 Cent und sagt das Wort "Geschlechtsverkehr". Im ZDF. Das wird sogar dem Lanz zu viel. "Das war bis jetzt eine Familiensendung", sagt er, kriegt die Bande aber nicht mehr in den Griff. Und in Sachen Kandidaten-Geschenke droht auch noch neuer Ärger. Tierschützer beschweren sich lautstark über das Geschenk für den Kandidaten der Kinderwette Schwimmen mit Delfinen. Ein neuer Shitstorm? Vielleicht sollte Lanz mal bei 50 Cent nachfragen.

Als guter Rapper vom Dienst sagt 50 Cent natürlich auch Worte mit viel Shit drin. Die aber hört der Lanz gar nicht mehr richtig, denn er ist längst investigativ unterwegs. "Du wurdest angeschossen. Was ist da passiert?", will er wissen und kriegt eine verblüffende Antwort von 50 Cent. "Ich wurde angeschossen", sagt der, aber so lässt ihn der Lanz nicht davon kommen. Er hakt nach.

Dann spricht er 50 Cent noch mit Vornamen an. Fifty nennt er ihn keck, und es wirkt ein bisschen, als würde er in dem Moment rüber schielen zu seinem Intendanten. Da hat er doch den 50. Geburtstag des ZDF mit einem ultrahippen Rapper zusammen gebracht. Das muss ihm erst einmal jemand nachmachen.

Und er kann noch mehr. Als "wahnsinnig sympathisch, wahnsinnig gut drauf und wahnsinnig talentiert" kündigt er Depeche Mode an, so als handele es sich bei der Band um eine Newcomer-Formation. Nur: die hatte schon am Donnerstag bei der Echo-Verleihung mit ihrem neuen Titel Einschlafstimmung verbreitet. Nach dem Lied fragt er Sänger Dave Gahan dienstbeflissen, wann die Gruppe denn auf Tournee zu kommen gedenke. Das solle er mal auf den gängigen Seiten nachschauen, belehrt ihn der Popstar. Tja, so wird man behandelt, wenn man Dinge einfach so wegmoderiert.