TV-Kritik: Maybrit Illner "Machst du auch was Richtiges?"

Familienministerin Schröder diskutiert bei Maybrit Illner über die Quote. Die einzige Überraschung liefert aber ein Mann - er identifiziert die wahren Opfer der Debatte.

Eine kleine Nachtkritik von Maria Holzmüller

Ja, es gibt zu wenige Frauen in Führungspositionen, ja, es fehlen Kinderbetreuungseinrichtungen und nein, niemand möchte wegen seines Geschlechts eingestellt werden. Alles schon mal gehört? Klar, alles schon mal gehört. Die Diskussion um Fluch und Segen einer gesetzlichen Frauenquote kocht mal wieder hoch, und mal wieder hat man als Beobachter das Gefühl, in einer Endlosschleife gefangen zu sein. Nichts Neues bei Maybrit Illner also, die genau zu diesem Thema geladen hatte?

Zunächst sah es so aus, als gäbe es sogar noch weniger als die bereits bekannten Platitüden. Eine Viertelstunde lang drohte die Frauenquote in den Tumulten des Weltgeschehens gänzlich unterzugehen. Während nämlich Illner in illustrer Runde auf den Start der Sendung wartete, sprach auf der anderen Seite der Erde Hosni Mubarak - und für ein paar Momente glaubte die Welt, in Ägypten stände ein historischer Wandel an, es würde sich tatsächlich alles ändern. Doch Mubarak war nicht zu einem Rücktritt bereit, und Illner durfte doch noch auf Sendung.

"Muss man sich in einem Land, das von einer Frau regiert wird, noch Sorgen um Frauen machen?" war Illners Frage. Ja, das muss man, war die beinahe einhellige Antwort - und nicht nur das. Es gibt weit mehr Dinge, über die wir uns Gedanken machen sollten, wie sich im Laufe der Sendung herausstellte.

Zunächst einmal wurden jedoch artig all jene Argumente ausgetauscht, die eben auf der Hand liegen. "Ohne Quote geht gar nichts", sagte die 23-jährige Feministin und Attac-Aktivistin Kathrin Henneberger. "Die Quote ist Blödsinn, ich würde mich als Frau dafür schämen", sagte der 71-jährige Michael Rogowski, ehemals Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie - und einziger Mann in der Runde. Familienministerin Kristina Schröder warb für ihre flexible Quote, bei der Unternehmen sich selbst unter Druck setzen und eigene Regeln aufstellen sollen, und Publizistin Birgit Kelle dafür, dass Frauen auch einfach zu Hause bei den Kindern bleiben dürfen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Und dann war da noch Maria Furtwängler, die irgendwann mal gegen eine Quote war, inzwischen aber glaubt, dass nur eine gesetzliche Regelung einen wirklichen Wandel bewirken könne - und die irgendwie auch noch ihren neuen Film, den ZDF-Zweiteiler Schicksalsjahre bewerben musste.

Dass sie darin eine starke Trümmerfrau in der Nachkriegszeit spielt, die ihren Lebenssinn dennoch darin sieht, ihren Mann glücklich zu machen, verlieh der ganzen Diskussion unvermittelt historisch-philosophischen Tiefgang - oder sollte es wohl zumindest. Es stand die Frage im Raum, wie die deutschen Frauen überhaupt in ihre heutige Lage kommen konnten, wo sie doch einst die treibende Kraft beim Aufbau des Landes gewesen waren. War es ein freiwilliger Rückzug in die Idylle des trauten Heims? Sind nicht Frauen generell zu feige und zu wenig ehrgeizig, um sich dem rauen Klima in den Führungsetagen zu stellen? Und liegt ihre wahre Bestimmung nicht doch darin, eine liebende Mutter zu sein, die erkennt, dass es Wichtigeres im Leben gibt als Vorstandsposten?

Vielleicht, meinte Publizistin Kelle, selbst Mutter von vier Kindern - doch keine Frau in Deutschland dürfe das zugeben, ohne belächelt zu werden. "Machst du auch was Richtiges, oder erziehst du nur die Kinder?", sei nur ein Spruch, der zeige, wie groß der Druck auf Frauen sei, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen - und dabei am besten noch grandios auszusehen.

Denn, dass das auch auf Führungsebene eine Rolle spiele, das räumte Michael Rogowski freimütig ein. Er, der noch nie unter einer Frau gearbeitet habe, mache sich schon Gedanken, wie das wäre: "Da denkt man als Mann darüber nach: Ist die hübsch? Mag ich die? - und schon ist wieder eine Stunde vergangen, in der ich hätte arbeiten sollen."

Studentin Henneberger konnte da nur entrüstet den Kopf schütteln, blieb ansonsten mit ihren Phrasen über die Ungerechtigkeit des Systems und das unzeitgemäße Modell der Ehe dann aber doch eher farblos. Neues bekam der Zuschauer kaum zu hören.

Auch nicht von Kristina Schröder. Die rezitierte die gleichen Sätze wie immer - zur Quote und zu den angestrebten familienfreundlichen Arbeitszeiten, die alles besser machen sollen. "Viele glauben noch immer, der Mitarbeiter, der am längsten im Büro sitzt, ist der beste. Dabei ist er vielleicht nur der ineffizienteste." Wie passend, dass vor wenigen Tagen das Spitzengespräch mit Angela Merkel und der Wirtschaft genau zu diesem Thema geführt wurde - da ließ sich dieser Satz auch schon passgenau einwerfen.

Wirklich tiefe Emotionen schienen in der ganzen Diskussion nur einmal auf. Dann nämlich, als Schröder auf die Meinungsverschiedenheit mit Kabinettskollegin Ursula von der Leyen angesprochen wurde. "Ich bin die zuständige Ministerin, ich habe einen Vorschlag gemacht - und ich habe die Rückendeckung der Kanzlerin", versuchte sie da betont cool klarzustellen. Das triumphierende Grinsen konnte sie dann aber doch nicht ganz unterdrücken. Von Solidarität unter Frauen in Führungspositionen sprach in diesem Zusammenhang leider keiner.

Dafür aber über die wahren Opfer der ganzen Debatte: die Männer. Die identifizierte Coach Maximilian Pütz gerade noch rechtzeitig vor Ende der Sendung. Er, der Männern hilft, die Angst vor Frauen haben - nach seinen Schilderungen so gut wie alle -, plädierte dafür, sich lieber um die verletzten Seelen der verunsicherten Herren zu kümmern, als über die Frauenquote zu fabulieren. Auch viele Männer würden gerne zu Hause bei den Kindern bleiben - trauten sich nur nicht: "Hausfrauen und Hausmänner - beide sind gearscht." Da mag sich Studentin Henneberger noch so wünschen, dass "alle Menschen nach ihrem Wesen beurteilt werden und nicht nach ihrem Geschlecht".

Am Ende hatte der Zuschauer die Erkenntnis: Alle Beteiligten hatten ihre Argumente schön gesammelt und tadellos auswendig gelernt. Es wurde alles gesagt - beinahe auch von jedem. "Am Ende diskutieren wir hier über eine Maßnahme, die nur 200 oder 300 Frauen betreffen würde", zog Birgit Kelle in Hinblick auf die Quote für die Vorstandsebene Bilanz. Die Zahl der Fernsehzuschauer, die der Diskussion etwas Neues abgewinnen konnten, mag ebenso gering gewesen sein. An den Realitäten in den Unternehmen wird all das wenig ändern. Endlosschleife, nächste Runde.

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