Presseschau zu Van der Bellens Sieg "Ist nun alles gut? Mitnichten"

Mannheimer Morgen: Der Trend Richtung Populismus ist aufzuhalten

"Die Erleichterung, dass der Rechte Norbert Hofer nicht in die Hofburg einzieht, ist auch innerhalb der EU groß. Denn obwohl Österreich mit seinen nur achteinhalb Millionen Einwohnern nicht bedeutend ist, so ist doch die Stimmung in dem Staat, der politisch und kulturell zwischen West- und Osteuropa angesiedelt ist, durchaus ein Gradmesser. Die Wahl Van der Bellens nach dem Brexit und der Wahl von Donald Trump zeigt, dass es möglich ist, den Trend Richtung Populismus aufzuhalten. Das könnte auch auf die Wahlen im kommenden Jahr in anderen EU-Ländern ausstrahlen."

Saarbrücker Zeitung: Die Rechten sind schlagbar

"Die Österreicher haben Europa überrascht. Nach dem Brexit und dem Erfolg Donald Trumps schien ein erneuter Triumph der sogenannten Rechtspopulisten greifbar nahe. Das Horrorszenario eines sich in Nationalismen auflösenden Europa stand schon am Horizont. (. . .) Das Ergebnis zeigt auch: Die Rechten, die immer wieder beanspruchen, für das einfache Volk zu sprechen, sind schlagbar - und zwar durch das Volk."

Allgemeine Zeitung (Mainz): Kein Aufatmen

"Erneut endet eine Wahl mit einer Überraschung, wennauch unter umgekehrten Vorzeichen: Nicht der Rechtspopulist, sondernder gemäßigte Kandidat wird Präsident in Österreich, und das auch noch mit klarem Vorsprung. Das ist mal was Neues im Brexit-Trump-Jahr 2016. Vorab wurde die Wahl als richtungsweisend für Europa erachtet,doch dafür taugt der Sieg Alexander van der Bellens nur sehr begrenzt. Er ist allenfalls ein kleiner Hoffnungsschimmer in einer Zeit, in der Anti-EU-Polemik, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit die politische Diskussion bestimmen und verpesten. Für einweitreichendes Signal allerdings ist die Präsidentenwahl in Österreich - bei allem Respekt für die Nachbarn - zu unbedeutend für das Gesamtgefüge der EU. Wenn Wilders in den Niederlanden und Le Pen in Frankreich verlieren, dann kann Europa wirklich aufatmen. Zudem sind auch in Österreich selbst die Rechtspopulisten von der FPÖ nun keinesfalls gestoppt. Die Große Koalition aus SPÖ und ÖVP siecht seit Jahren dahin, die Bezeichnung "Zweckbündnis" ist eine beschönigende Beschreibung für diesen Zustand. Beide Volksparteien haben ihren Rückhalt im Volk verloren, bei der nächsten Wahl hat die FPÖ beste Chancen, stärkste Partei zu werden. Nur in einer Hinsicht gibt der Wiener Wahlsonntag Anlass zur Hoffnung: Der von den Populisten erwartete Trump-Effekt könnte sich in Europa ins Gegenteil verkehrenund zur Mobilisierung gerade derjenigen führen, die mit der Demokratie zufrieden sind. Es kann nämlich auch ein heilsamer Schock sein, wenn Wählern sehr plastisch vor Augen geführt wird, wer oder was bei einer Protestwahl tatsächlich droht."

Märkische Oderzeitung (Frankfurt/Oder): Ist nun alles gut? Mitnichten

"Ist nun alles gut? Mitnichten. Zeigt das knappe Ergebnis doch, dass die österreichische Gesellschaft in zwei Hälften gespalten ist. So wie in den USA, wie in Großbritannien, wie in Polen. Die Politik muss endlich wieder beweisen, dass sie die Probleme der Menschen ernst nimmt. Das Ausklügeln eines Bundespräsidenten im Hinterzimmer - wie hier in Deutschland - ist genau das Gegenteil."

Der neue Tag (Weiden): Ein Vorzeige-Ösi

"Der neue Präsident ist dem Grünen-Superstar Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, nicht unähnlich. Keine abgehobenen Typen, sondern Pragmatiker ohne Profilneurosen. Van der Bellen hat dabei sein Biedermann-Image zuletzt mit einigen Tricks abgelegt. Auf einmal war er im Trachtenjanker unterwegs, ein Vorzeige-Ösi."

Westfalen-Blatt (Bielefeld): Hallodri und Harakiri liegen verdammt nah beieinander

"Und es gibt sie doch: die politische Vernunft. Selbst in einem gespaltenen Land wie Österreich wird dem Populisten Norbert Hofer am Ende der Kandidat der Grünen, Alexander Van derBellen, vorgezogen. Es war der dritte Anlauf zur Wahl eines Bundespräsidenten. Er war in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich und erstmals ein Urnengang mit Bedenkzeit. Österreichs Bürger haben am Ende des Jahres der Sicherheit den Vorzug gegeben. Die großen Volksparteien SPÖ und ÖVP waren außen vor, das gab es in Österreichnach der ersten Runde noch nie. Der zweite Wahlgang am 22. Mai mit dem hauchdünnen Vorsprung für Van der Bellen durfte nicht gewertet werden. Das System hatte technisch versagt. Das roch nach einer Empfehlung für Hofer. Schließlich will seine FPÖ mit "denen da oben" aufräumen und den Schlendrian der Behörden abschaffen. Gottlob lagen die Experten mit dieser Vorhersage genauso falsch wie mit ihrer Prognose des Endergebnisses. Das historisch wirklich einmalige an dieser Wahl aber war, dass der dritte Anlauf den Wählern eine zweite Chance gab, ihr Votum zu überdenken. Und das ist die gute Nachricht.Bei aller Wut im Bauch auf Europa und Angela Merkels Flüchtlingspolitik verschob sich zu guter letzt das Gewicht auf die Seite derer, die sahen, was auf dem Spiel stand. Es muss an DonaldTrump gelegen haben. Nach dessen in Westeuropa als unmöglicherachteten Sieg hat es genug Österreichern gedämmert: Hallodri und Harakiri liegen verdammt nah beieinander. Ihr Land braucht keinen Abklatsch des künftigen US-Präsidenten, der in der Riege der Unberechenbaren irgendwo zwischen Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan irrlichtert."

Rheinpfalz (Ludwigshafen): Die nächste Kraftprobe steht schon an

"Der Wahlausgang zeigt, dass das Land gespalten ist. Zu tief sind die Wunden, die ein überaus hässlicher Wahlkampf gerissen hat. Er hat, ähnlich wie in den USA, die Grenzen des Anstands gesprengt. Und die nächste Kraftprobe steht schon an: Die Parlamentswahl könnte früher kommen als zum regulären Termin 2018. Die Koalition aus Sozialdemokraten (SPÖ) und Konservativen (ÖVP) tut sich zunehmend schwer."