Presseschau zu Van der Bellens Sieg "Erst mal aufatmen - mehr nicht"

Stuttgarter Zeitung: Erleichterung

"Die Erleichterung in Wien ist riesengroß. Zuletzt hatten sich auch sämtliche Diplomaten, die um die aussenpolitische Ausrichtung fürchteten, für Van der Bellen ins Zeug gelegt. Alle Parteien - außer natürlich die FPÖ - hatten sich hinter den ehemaligen Grünen-Chef gestellt. Und am Ende hatte Van der Bellen offenbar genützt, dass Hofer zuletzt so aggressiv und unstaatsmännisch agierte."

Schwäbische Zeitung: Gespaltenes Land

"... Aber der Wahlsieg Van der Bellens muss auch nachdenklich stimmen. Gewonnen hat der Kandidat wohl nicht, weil er eine Lichtgestalt ist, die mit klaren, programmatischen Reden der Republik Österreich sagt, wo er dieses Land in Zukunft sieht. Der ehemalige Grünen-Chef wurde, so steht zu befürchten, vor allem gewählt, um ein Zeichen gegen die reaktionäre Politik seines Gegners zu setzen. Van der Bellen wird Visionen entwickeln und auf den politischen Gegner zugehen müssen. Allein mit einer Abgrenzung gegen reaktionäre Politik wird er Österreich nicht einen können.Denn auch wenn das Abstimmungsergebnis eindeutig war, zeigt es auch, dass Österreich ein gespaltenes Land bleibt. Knapp die Hälfte der Wähler hat für den eleganten Demagogen Hofer gestimmt."

Heilbronner Stimme: Fakten statt Hetze

"Prinzipientreue, Rechtsstaatlichkeit und gemeinsame Werte - Van der Bellen blieb sich treu. Und er grenzte sich damit von seinen Kontrahenten ab, die ihn als Lügner beschimpften, denen keine Diffamierung zu plump war. Alexander Van der Bellen ist als Ikone der Grünen in Österreich ein Seelenverwandter von Winfried Kretschmann. Keiner, der sich in eine Schublade schieben lässt. Dafür einer, der seiner Meinung treu bleibt. Auch in Zeiten, in denen viele Menschen in der globalisierten Welt verunsichert sind. Felix Austria - glückliches Österreich. Die Wahl in Österreich ist ein guter Tag für Europa und für alle Demokraten. Ein Resultat, das all jenen Hoffnung gibt, die auf Fakten und nicht auf Hetze setzen."

Rhein-Neckar-Zeitung: Rechtspopulismus hat sich noch lange nicht erledigt

"Ganz Europa jubelt? Schön wär's. Der Überschwang, mit dem SPD-Chef Sigmar Gabriel den Ausgang der Bundespräsidentenwahl in Österreich begrüßt, gibt ja gerade nicht die gesamteuropäische Stimmung wider. Und so schön und wichtig der Sieg des blassen Alexander Van der Bellen über den Aufsteiger Norbert Hofer auch ist: Das Thema Rechtspopulismus hat sich damit noch lange nicht erledigt. Dennoch: Ein Sieg Hofers hätte den Europa-Feinden enormen Auftrieb gegeben. Der bleibt nun aus."

Volksstimme (Magdeburg): Die Zeit der großen Volksparteien ist vorbei

"Ein einjähriger Wahlkampf hat am Sonntag in Österreich sein Ende gefunden. Grünen-Politiker Alexander Van der Bellen hat den FPÖ-Mann Norbert Hofer geschlagen. Damit ist die Befürchtung, dass die Alpenrepublik das erste EU-Land mit einem rechtspopulistischen Staatsoberhaupt wird, zwar nicht eingetreten. Ein politischer Ruck nach rechts ist in Europa aber dennoch unverkennbar. Die Abstimmung in Österreich führt erneut vor Augen, dass die Zeit der großen Volksparteien vorbei ist: SPÖ und ÖVP schafften es nicht einmal in die Stichwahl. In Deutschland ist der Stern der Sozialdemokraten gesunken, in Frankreich sind die Sozialisten in einer schweren Krise. Wenn dort nicht ein großer gesellschaftlicher Wandel einsetzt, wird der Front National im Frühjahr das höchste Staatsamt erringen. Bisher ist es den bewährten politischen Kräften in Europa nicht gelungen, die Rechtspopulisten zu entzaubern. Für überzeugte Europäer dürfte das die wichtigste Aufgabe dieses Jahrzehnts werden."

Kölner Stadt-Anzeiger: Ein Land verliert seine politische Mitte

"Der Siegeszug rechtspopulistischer Kandidaten und Parteien folgt keinem unabänderlichen Automatismus. An den Erfolg Alexander van der Bellens knüpft sich nun auch die Hoffnung, dass die europäischen Demokratien sich nicht zwangsläufig einer von aggressiven Stimmungen getriebenen Verachtung von Politik und deren Institutionen ergeben müssen. Österreich aber Land wird nicht einfach zur politischen Normalität zurückkehren können. Es gibt sie schlicht nicht mehr. Nicht erst in diesem Präsidentschaftswahlkampf hat das Land seine politische Mitte verloren. Auf Van der Bellen kommt nun die schwierige Aufgabe zu, der politischen Kultur seines Landes wieder zu mehr Akzeptanz zu verhelfen."

Nürnberger Nachrichten: Erst mal aufatmen - mehr nicht

"Das Land bleibt nach den Narben des Wahlkampfs gespalten. Und es gibt, wie in Deutschland, zwei absolut konträre Sichten auf jeweils ein und dieselbe Republik: In Österreich beschwört die FPÖ wegen der Flüchtlingskrise den drohenden Bürgerkrieg herauf - während die Etablierten auf die ja gerade von Wien herbeigeführte Wende hin zu einer restriktiveren Zuwanderung verweisen. Und darauf, dass dieses schöne Land wirtschaftlich stabiler dasteht als die meisten anderen EU-Staaten. Das Wiener Ergebnis lässt die Verteidiger der freien, offenen Gesellschaften und eines vereinten Europa erst mal aufatmen - mehr nicht. Mag sein, dass das Trump-Fanal nicht nur dessen politische Freunde geweckt hat, sondern auch die oft zu passiven Liberalen in Europa. Dann wäre Trumps Sieg für sie ein heilsamer Schock gewesen. Aber ausruhen dürfen sich überzeugte Demokraten nie - den Fehler haben sie zu lange gemacht, in zu vielen Staaten."