Maischberger-Talk zum Islam "Manchmal erscheint es mir, als gebe es mehr Islam-Experten als Muslime"

Sendung versemmelt: Sandra Maischberger konnte beim Thema Islam nicht überzeugen.

(Foto: WDR/Max Kohr)

ARD-Talkerin Sandra Maischberger fragt nach Toleranz gegenüber dem Islam. Eine rein rhetorische Frage - ihre Runde diskutiert vor allem Fallbeispiele, die Vorurteile schüren.

TV-Kritik von Carolin Gasteiger

4,4 bis 4,7 Millionen Muslime leben aktuellen Studien zufolge in Deutschland. Knappe fünf von insgesamt gut 82 Millionen Menschen gehören also dieser Religion an. Gar nicht mal so viele.

Aber die treiben es offenbar ziemlich bunt. Vor allem die Männer. Sie haben mehrere Frauen, die sie auch noch verhüllen, sie lassen ihre Töchter nicht am Schwimmunterricht teilnehmen und zwangsverheiraten sie stattdessen. Und sie wollen Frauen nicht die Hand geben. Auf diese einseitigen Vorstellungen reduzierte die Diskussionsrunde bei Sandra Maischberger den Islam und ließ den Sendungstitel rein rhetorisch wirken: "Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?"

Allein diese Frage! Als wäre die Toleranz gegenüber 4,4 bis 4,7 Millionen Menschen so langsam ausgereizt. Jetzt ist es auch mal gut! Millionen integrierte Muslime, die Deutschland als ihre Heimat sehen oder gar hier geboren wurden, dürften angesichts dieser Suggestivfrage auf dem Sofa rot angelaufen sein. Vor Wut, Enttäuschung, vielleicht auch Fremdscham. Ehrlich, ARD?

Talkshows können beeinflussen, was Leute denken

In der Sendung sagt CDU-Ministerin Julia Klöckner an einer Stelle: "So wird Integration nie gelingen." Das hätte auch als Unterzeile für die Sendung gepasst. Oder als Bauchbinde, als Maischberger allen Ernstes fragte, wie bedrohlich ein muslimischer Präsident in Europa sei. Das sollte vermutlich eine Anspielung auf Erdoğan sein. Doch wer diese Frage so stellt, verkennt, dass selten die Religion einen politischen Zündler definiert und treibt. Sie ist, wenn überhaupt, ein vorgeschobener Grund, um Machtinteressen durchzusetzen.

Talkshows können beeinflussen, was Leute denken und sollten aus diesem Grund sorgsam mit der Wahl von Thema und Titel sein. In dieser Woche bewies die ARD dabei kein besonders gutes Händchen. Frank Plasberg provozierte am Montag bei "Hart aber fair" bereits mit der Frage, ob Flüchtlinge überhaupt integriert werden könnten. Am Mittwoch sollte Maischberger im Anschluss an die Spielfilm-Adaption von Michel Houellebecqs "Unterwerfung" über das darin vorkommende dystopische Gesellschaftsbild diskutieren (in "Unterwerfung" verwandelt sich Frankreich unter einem muslimischen Präsidenten in einen islamistischen und demokratiefeindlichen Staat).

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An sich ein hehres Anliegen. Aber mit ihrer Formulierung gab die Maischberger-Redaktion einer differenzierten Debatte keine wirkliche Chance. Ganz davon abgesehen, dass sie selbst vom Thema ablenkte, indem sie den Titel kurz vor der Sendung noch einmal änderte.