Internationale Presseschau "Sie haben eine Medien-Stasi geschaffen"

Die Übergriffe von Köln haben ein weltweites Medienecho ausgelöst. Die schrillen Töne überwiegen.

Es ist selten, dass deutsche Themen von US-amerikanischen Zeitungen aufgegriffen werden, geschweige denn auf den Titelseiten. Doch die Übergriffe der Kölner Silvesternacht haben es in die Headlines des Wall Street Journal und der New York Times geschafft. Das Wall Street Journal titelt: "In Deutschland fordern Übergriffe die Flüchtlingspolitik Merkels heraus". Und auch die New York Times stellt einen Zusammenhang zwischen Migranten und Köln her: "Attacken auf deutsche Frauen entzünden Debatte über Migranten".

CNN berichtete ausführlich über die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof. Dem US-Nachrichtensender zufolge geht ein Aufschrei durch Deutschland: "In den sozialen Netzwerken beschuldigen manche die Medien, wegen der vermuteten ethnischen Identität der Täter erst spät von den Vorfällen berichtet zu haben."

Auch die Washington Post bemängelt, dass die Vorfälle von Köln fünf Tage lang nicht öffentlich bekannt geworden seien. Die Medien hätten dieses Versäumnis aber erkannt, schreibt das Blatt weiter: "Das ZDF, einer der wichtigsten Fernsehsender des Landes, entschuldigte sich dafür, die Vorfälle so lange ignoriert zu haben. [...] Presse und Fernsehen erweckten den Eindruck, als ob sie dieses Versäumnis durch eine erweiterte Berichterstattung ausgleichen wollten."

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Die Chicago Tribune bemüht sich um Sachlichkeit: Es gebe immer noch vieles, was man über die Vorkommnisse in Köln nicht wisse, schreibt das konservative Blatt. Gleichzeitig weist es darauf hin, dass der Vorfall unabhängig von den Details politischer Sprengstoff für Kanzlerin Merkel sein werde: "Was in Köln passiert ist, wird Vorurteile bestätigten. Es wird die Einschätzung verstärken, dass muslimische Migranten keinen Platz in europäischen Gesellschaften haben. Dieses Bild aber ist falsch; eine große Zahl wurde erfolgreich integriert. Viele allerdings auch nicht, und sie zu erreichen, ist schwierig und auf kurze Sicht teuer."

Auch die belgische Zeitung De Standaard sieht wegen Köln Probleme auf Merkel zukommen: "Die dramatischen Geschehnisse haben die ohnehin schon prekäre Asylpolitik von Angela Merkel noch weiter unterminiert. [...] Merkel und mit ihr alle europäischen Führer müssen zähneknirschend zur Kenntnis nehmen, dass ihre populistischen Herausforderer mit jedem derartigen Vorkommnis stärker werden. Die Probleme waren schon vorher sehr groß, nun wird der Kampf noch schwieriger."

"Die deutsche Presse stellt sich blind"

In den osteuropäischen Ländern, die der Aufnahme von Flüchtlingen überwiegend ablehnend gegenüberstehen, fühlen sich die Zeitungskommentatoren durch die Ereignisse von Köln bestätigt.

Die konservative Tageszeitung Lidové noviny aus Tschechien schreibt: "Die Ereignisse der Silvesternacht stellen das bisher stärkste Argument für Vorsicht bei der Aufnahme von Migranten dar. [...] Bisher wurde uns gesagt, dass No-go-Zonen, in denen das Gesetz nicht gilt, eine reine Erfindung seien. Jetzt sagte Justizminister (Heiko) Maas: 'Es darf keine rechtsfreien Räume geben.' Kämpft er also gegen eine nicht existierende Gefahr, gegen Windmühlen? Oder hat er die Ernsthaftigkeit der Probleme zugegeben?"

Die regierungsnahe Budapester Tageszeitung Magyar Idők geißelt die späte Berichterstattung der deutsche Medien über die Vorfälle: "Das bisherige, naive Bild von den vor Elend und Krieg fliehenden Familien wäre ordentlich erschüttert worden, hätte man in der besagten Silvesternacht eine Live-Schaltung zum Kölner Hauptplatz vorgenommen. Dank der inneren seelischen 'politischen Korrektheit' der deutschen Journalisten wird aber so etwas verschwiegen. [...] Aus ihren liberalen Prinzipien und irgendwelchem Menschenrechts-Zeug haben sie eine Medien-Stasi geschaffen. [...] Das Ergebnis ist, dass sich die deutsche Presse blind stellt, wenn die geliebten Einwanderer deutsche Mädchen vergewaltigen."

Einen deutlich gemäßigteren Tonfall findet die liberale slowakische Tageszeitung Sme: "In den vergangenen Jahren kamen Millionen Menschen aus islamischen Ländern nach Europa und weitere sind wohl auf dem Weg hierher. An dieser Tatsache wird sich auch nichts ändern, wenn man sie jetzt zu dämonisieren beginnt oder wenn sie zur Zielscheibe für Zorn und Beschimpfungen werden. Notwendig ist jetzt, die zu integrieren, die schon da sind. Das heißt, ihnen den wirtschaftlichen Aufschwung zu ermöglichen und zugleich von ihnen das Akzeptieren europäischer Gesetze und Traditionen zu verlangen."

Die liberale rumänische Tageszeitung Adevărul sorgt sich um den freien Personenverkehr in Europa: "Schritt für Schritt wird sich die bisher gegen Flüchtlinge gerichtete Rhetorik gegen Migration wenden. Man darf sich nicht wundern, wenn es den Schengen-Raum nicht mehr geben wird, wenn Sicherheitsmaßnahmen verstärkt und Visa verlangt werden. Und wo werden wir (Rumänen) dann stehen? Auf welcher Seite des Zauns? Wird es euch gefallen, wenn Rumänien draußen bleibt und wir ebenso wie die Flüchtlinge behandelt werden?"

"Wer Flüchtlinge als Sexmonster verunglimpft, reagiert dumm"

Um Augenmaß bemüht sich Der Standard in Wien: "Politik und Polizei werden sich angesichts dieser neuen Dimension von Bedrohung rasch Maßnahmen überlegen müssen. Dies aber sollte mit kühlem Kopf geschehen und nicht unter Druck des Volkszorns. [...] Auch wenn die Integration an einigen Stellen verbesserungswürdig oder gar gescheitert ist, in weiten Teilen funktioniert sie. Wer Flüchtlinge aufgrund dieser Vorfälle nun pauschal als kriminelle Sexmonster verunglimpft, die es auf deutsche Frauen abgesehen haben, der reagiert genauso unsinnig und dumm wie jemand, der Kritiker von Merkels Asylpolitik einfach nur als Nazis abqualifiziert."

Die Boulevardzeitung Österreich wendet sich hingegen dem Spott zu, den Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker in den sozialen Netzwerken mit ihrem Tipp an Frauen auf sich gezogen hatte, zu Männern mehr als eine Armlänge Distanz zu halten.

Eine Armlänge Empörung

Kölns Oberbürgermeisterin Reker spricht auf einer Pressekonferenz über Tipps zum Schutz vor sexuellen Übergriffen. Prompt bricht unter dem Hashtag #einearmlaenge Empörung los. Von Esther Widmann mehr ...

Der britische Daily Express befasst sich ebenfalls mit Rekers Äußerung. Nachdem der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers die Übergriffe als "Straftaten einer völlig neuen Dimension" bezeichnet habe, sei Rekers Ratschlag an die Adresse der Frauen auf Unverständnis gestoßen, so die Boulevardzeitung: "Die Verärgerung war groß, weil die Kölner Oberbürgermeisterin die Opfer für die Übergriffe verantwortlich zu machen schien."