Fernsehen mit Social-Media-Anbindung Wenn Webdialog und TV-Programm verschmelzen

Fernsehen soll wieder ein Gruppenerlebnis werden: Mit Mitmachangeboten im Netz versuchen die TV-Sender, ihre Zuschauer enger an sich zu binden. Während früher mit Oma Rudi Carrells Anzüge kommentiert wurden, lässt sich heute via Web mit dem Freundeskreis die Frisur von Heidi Klum bewerten. "Social TV" verändert so auch die Erzählweisen des Fernsehens.

Von Niklas Hofmann

Social TV heißt das Schlagwort, das für die Fernsehsender im Augenblick den Klang von Zukunft hat. Es geht um die Rückkehr zum Fernsehen als Gemeinschaftserlebnis. Wenn in früheren Jahrzehnten gemeinsam mit Oma bei Salzstangen und Essiggürkchen Kulenkampffs Gewicht oder Rudi Carrells Anzüge kommentiert wurden, soll sich nun ein (realer oder rein virtueller) Freundeskreis über die Frisur von Heidi Klum oder die Fehlpässe von Bastian Schweinsteiger austauschen, live und in Echtzeit, aber eben über das Internet. Webdialog und Fernsehprogramm, so die Vision, verschmelzen.

Auch das ZDF möchte in Zukunft eine umfassende Begleit-App zu ihrem kompletten Fernsehprogramm anbieten.

(Foto: dpa)

Natürlich ist die Interaktion online keine reine Plauderei. Im Netz kann bewertet und gevotet werden, Zuschauer können im Social Web längst Sendungswiederholungen und exklusive Zusatzinhalte sehen, und sie können mit den Sendern über direkte Feedback-Kanäle interagieren. Was die Menschen online im Einzelnen machen, ist zweitrangig. Es geht um die Verwandlung der Zuschauerschaft in Nutzer-Communitys - und die Hoffnung der Sender, diese eng an sich zu binden.

Derzeit sind Deutschlands Sender dabei, diesen Gemeinschaften die virtuellen Wohnzimmer einzurichten. Das entscheidende Element des Sozialen Fernsehens wird, jedenfalls auf absehbare Zeit, der Second Screen sein. Als "zweiten Bildschirm" bezeichnen die Medienmacher internetfähige Geräte, ob Laptop, Tablet-Computer oder Smartphone, die Zuschauer während des Fernsehens parallel nutzen. Was sie zunehmend tun. Einer gerade erschienenen Befragung der Unternehmensberatung Anywab zufolge haben 49 Prozent der Deutschen mit Internetzugang zwischen 14 und 49 bereits einen Second Screen genutzt.

Später einmal könnten über das neue sogenannte Hbb-TV, das Internet und Fernsehen nahtloser ineinander integriert, alles noch näher zusammenkommen - und zwar, so die Hoffnung der Verantwortlichen, eher auf dem großen Schirm des Fernsehgeräts als auf dem kleinen Display des digitalen Helferleins. Doch bis es so weit ist, muss eben das Zweitgerät den Zugang zum Online-Mehrwert eröffnen.

In den vergangenen zwei Jahren haben die Sender auf diesem Feld einiges ausprobiert. Sie glauben heute zu wissen, welche Programmformen sich besonders eignen, um die Social-TV-Communitys zu füttern. Shows sind das vor allem, und Serien, wohl auch Sportereignisse. Markan Karajica, der bei Pro Sieben Sat 1 die Geschäfte der Digitalsparte führt, beschreibt das auch als einen Wendepunkt in der eigenen Arbeit. Noch vor ein paar Jahren habe man im Netz Inhalte nur "verlängert, also zum Beispiel aus einer Serie nachher Clips rausgezogen. Das dreht sich jetzt aber. Wir bieten inzwischen entsprechend der Nutzersituation den passenden Content an."

Neue Erzählweisen des Fernsehens

Wie man die eigenen Programme online auswertet, welches Zusatzmaterial man später anbieten könne, das werde nun "schon während der Phase des Drehbuchs und der Konzeption" mitgedacht. Germany's Next Top Model etwa wird online mit Backstagereportagen begleitet, Nebenfiguren in Serien könnten zukünftig eigene Web-Spinoffs erhalten. Die Möglichkeiten des Internet verändern auch die Erzählweisen des Fernsehens.

Mit einem Facebook-Konto kann man sich bereits jetzt im Netz auf der Plattform Pro Sieben Connect einloggen. Eine App für Second-Screen-Geräte, auf der dann zu nahezu allen Formaten Zusatzinhalte angeboten werden und im Social Web geteilt werden können, soll im Oktober auf den Markt kommen. Damit die Menschen einen Grund haben, sich zur Pro Sieben-Gemeinschaft zu bekennen, wird es für sie gewissermaßen Loyalitätsanreize geben. Besonders treue Nutzer könnten Badges - virtuelle Statusabzeichen - sammeln.

Über ähnliche Belohnungssysteme, die man etwa vom Dienst Foursquare kennt, über den man beim Besuch von Geschäften oder Lokalen "einchecken" kann, denkt auch RTL nach. Ganz so massiv auf Facebook wie Pro Sieben will man sich in Köln nicht stützen. Marc Schröder, der Geschäftsführer von RTL Interactive, sieht Zuckerbergs Netzwerk eher als Wettbewerber, dessen Dienste man einbezieht, um Nutzer möglichst schnell auf die eigenen Plattformen zu leiten. Und die Kölner sind bei den Anwendungen für den zweiten Bildschirm sogar einen Schritt voraus. Die hauseigene Smartphone-App ist in ihrer aktuellen Version bereits seit Frühjahr auf dem Markt. Mit der Resonanz ist man zufrieden: "Wir registrieren durch die RTL Inside App ein höheres Involvement" der Nutzer, berichtet Schröder, eine stärkere Beteiligung. Deutschland sucht den Superstar und Let's Dance stießen dort auf besonders viel Interesse.