Stressstudie Wir! Sind! Super!

Termine auf sich zukommen lassen wird selten. Die Uhr tickt mit gesellschaftlichen Verpflichtungen.

(Foto: imago/Westend61)

Wie wir mit Stress umgehen, ist vor allem eine Strategie, die wir erlernen können - auch später im Leben noch. Niemand muss in allen Lebenslagen perfekt sein.

Von Christina Berndt

Hans Selye hätte seine Erfindung doch irgendwie zum Patent anmelden müssen. Einmal das Wort "Stress" gesagt oder "Ich bin gestresst" - zehn Cent für Hans Selye. Seine Erben würden sich heute unvorstellbaren Wohlstands erfreuen. Einfach erfunden hatte der Wiener Arzt das Wort Stress im Jahr 1936. Er wollte ein Zeitgeistphänomen beschreiben, und tatsächlich nahmen die Menschen den Begriff begierig auf. Offenbar half er ihnen zu beschreiben, wie sie sich fühlten. "Ich habe allen Sprachen ein neues Wort geschenkt", sagte Selye gegen Ende seines Lebens.

Auch in Deutschland brächte eine Stress-Steuer gewaltige Summen ein. Das haben in den vergangenen Tagen erneut zwei Umfragen bewiesen. Am Dienstag zeigten AOK und Deutsches Studentenwerk, dass selbst das fröhliche Studentenleben von einst, als sich junge Leute noch freuten, an der Universität ihren Horizont zu erweitern, dem Gefühl von Dauerstress gewichen ist. Manch ein junger Mensch fürchtet sich gar vorm Semesterbeginn und dem damit verbundenen Leistungsdruck.

Und am Mittwoch präsentierte die Techniker Krankenkasse ihre neueste Umfrage, für die das Meinungsforschungsinstitut Forsa 1200 volljährige Personen befragt hat: 61 Prozent der Deutschen, so heißt es darin, fühlen sich gestresst. Besonders hoch ist der Stresspegel bei den Erwachsenen unter 40 Jahren, von ihnen stehen dreiviertel unter Druck. Insgesamt gab fast jeder vierte Befragte an, häufig gestresst zu sein.

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Als Ausruhen nicht zum Plan des Lebens gehörte

Das mag einem merkwürdig vorkommen, wo doch die Lebenssituation der Menschen zur Jahrhundertwende nicht minder belastend war - in einer Zeit also, als gewöhnliche Häuser nicht einmal Terrassen hatten, weil Ausruhen ohnehin nicht zum Plan des Lebens gehörte - und die Leute in den 1960er-Jahren mit ihrer Sechs-Tage-Woche keineswegs über mehr Freizeit verfügten. Und wir sind heute gestresst?

"Unser Problem ist, dass wir überall performen wollen", sagt Klaus Lieb, Direktor der Psychiatrischen Klinik an der Universität Mainz. Das gelte vor allem für die jüngere Generation: "Man will toll im Job sein, ein guter Partner, ein guter Vater und auch noch sportlich top." Und gewiss sind auch die Anforderungen im Beruf zum Teil stressiger geworden - vor allem, wenn man nie richtig abschalten kann. "Ständige digitale Erreichbarkeit" gaben 28 Prozent der Befragten in der TK-Studie als Stressfaktor in ihrem Leben an. Vor allem aber sind die Anforderungen im Privatleben stressiger geworden. Beachtlicher Stressfaktor laut TK-Studie: die "Termindichte in der Freizeit" (!) mit 33 Prozent.

"Das Problem ist, dass uns heute oft die Inseln der Erholung in unserem Alltag fehlen", sagt der Psychiater Lieb. "Früher gab es außer dem Hörfunk und zwei Fernsehprogrammen eben keine Möglichkeit, sich ständig weiter mit Reizen zu überfluten." Heute sei dagegen auch die Freizeit zum Optimierungsfeld geworden, auf dem man ständig Leistung bringt. "Ich wundere mich immer, dass da ein Manager, der sich am Wochenende einfach um seine Familie kümmern könnte, meint, da auch noch Marathon laufen oder stundenlang fahrradfahren zu müssen", sagt Klaus Lieb.