Gleichberechtigung Jeder muss sich kümmern

Der Großteil der sogenannten Care-Arbeit wird von Frauen geleistet.

(Foto: imago/Westend61)

Frauen sorgen viel mehr für andere als Männer. Doch in der Debatte um Care-Arbeit geht es nicht um Gleichberechtigung - sondern darum, was wir wichtig finden.

Von Barbara Vorsamer

"Who cares" lässt sich mit "Wen interessiert's" übersetzen - eine rhetorische Frage, auf die die Antwort meistens lautet: Niemanden. Wörtlich übersetzt könnte es aber auch "Wer kümmert sich?" bedeuten. Gerade am Equal Care Day ist das eine gute Frage.

Wer kümmert sich um die Kinder, um die Alten und um die Kranken? Wer besorgt Geburtstagsgeschenke? Wer organisiert, dass jemand zu Hause ist, wenn der Heizungsableser kommt und schaut, dass etwas fürs Abendessen im Kühlschrank ist?

Haben Sie gerade "Ich" gedacht? Dann sind Sie vermutlich eine Frau, denn der Großteil der sogenannten Care-Arbeit wird von Frauen geleistet. Das Fürsorgeproblem jetzt aber flugs zum Frauenthema zu machen und zu denken: "Dann kann es mir ja egal sein" wäre fatal. Das eigentliche Problem ist, dass wir jede und jeden, der sich kümmert, abwerten und nur Erwerbsarbeit gelten lassen.

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Wer Arbeit sagt, meint Geldverdienen

Das zeigt schon das Vokabular. Wer Arbeit sagt, meint eine Tätigkeit, für die jemand bezahlt wird und die im Allgemeinen außerhalb der eigenen Wohnung stattfindet. Für all die anderen Aufgaben, die tagtäglich zu erledigen sind, fehlt uns ein Begriff - obwohl dafür mehr Zeit draufgeht als fürs Geldverdienen. 20,5 Stunden pro Woche verbringen die Deutschen laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich mit Erwerbsarbeit, 24,5 Stunden verwenden sie auf unbezahlte Aufgaben wie Wohnung putzen, Gartenarbeit oder Kinderbetreuung. Falls die Zahlen irritieren: Es sind Durchschnittswerte, in die alle Deutschen miteingerechnet werden - Angestellte und Selbständige, Hausfrauen und Renter et cetera.

Männer arbeiten demnach insgesamt 44 Stunden in der Woche, davon entfallen 25 Stunden auf Erwerbsarbeit und 19 auf den Rest. Frauen stecken zwei Drittel ihrer Arbeit in unbezahlte Arbeit, nur für ein Drittel der Zeit werden sie entlohnt. Haben die Menschen Kinder, arbeiten sie fast 60 Stunden in der Woche und das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern verstärkt sich weiter.

Auf der Website für den Equal Care Day heißt es: "80% der Care-Arbeit wird von Frauen geleistet, sowohl im professionellen Bereich und mehr noch im privaten." Die Initiative um Almut Schnerring und Sascha Verlan will auf diesen Missstand aufmerksam machen und hat dafür den 29. Februar zum Equal Care Day ernannt. Es ist ein Schalttag, den es nur alle vier Jahre gibt - weil Männer angeblich vier Jahre brauchen, um die Fürsorgearbeit zu leisten, die Frauen schon im Jahr 2012 geleistet haben. Basis für diese Behauptung ist ein Papier der Bundesagentur für Arbeit, wonach im Gesundheits- und Pflegesektor vier von fünf Beschäftigten weiblich sind.

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Kümmerarbeit, wie sie im Folgenden genannt werden soll, ist also nicht gerecht zwischen den Geschlechtern verteilt, egal, ob es um professionelle oder um private Fürsorge geht. Das ist ein Problem für die Frauen - und ein noch viel größeres Problem für uns alle. Die Publizistin Antje Schrupp schreibt: "Unser gesellschaftlicher Wohlstand, unser aller Wohlergehen, wäre ohne diese unsichtbare Arbeit nicht denkbar."

Politische Bemühungen um die Gleichberechtigung erschöpfen sich oft darin, mehr Frauen in besser bezahlte Berufe und höhere Positionen zu bringen. So entsteht eine große Lücke: Wenn Frauen mehr (erwerbs-)arbeiten - wer kümmert sich dann? Die Antwort lautet oft: andere Frauen.