Aids "Ich habe meine Endlichkeit gespürt"

Maik Schoeneich: Das HI-Virus hat mich geprägt, es hat mich verändert. Es hat die Art verändert, wie ich mein Leben gestalte.

(Foto: Deutsche Aids Hilfe)

Maik Schoeneich erkrankte vor zehn Jahren an Aids und entging nur knapp dem Tod. Über sein Leben mit dem HI-Virus und wie ihn die Krankheit verändert hat.

Protokoll von Anna-Luise Baum

Aids bedeutet Tod. Davon war ich überzeugt. In den 90er Jahren habe ich viele Bekannte in der Schwulen-Szene sterben sehen, einige davon bei ihrer Krankheit begleitet. Sie waren zu gebrechlich, um allein einzukaufen oder Behörden-Gänge zu erledigen. In dieser Zeit hatte ich ein Date mit einem HIV-Positiven, aber ein mulmiges Gefühl dabei. Als One-Night-Stand geht das, man muss eben sehr aufpassen. Aber eine Partnerschaft hätte ich mir nicht vorstellen können. Ich hätte nie gedacht, dass sich die Rollen irgendwann umdrehen würden.

Früher dachte ich, es trifft nur die anderen - bis es mich selbst traf. In kürzester Zeit nahm ich dreißig Kilo ab, mein Rachen und meine Zunge wurden von einem weißen Pilz befallen, ich konnte kaum noch Essen bei mir behalten. Ich rannte von Arzt zu Arzt, doch keiner wusste, was mit mir los war. Einmal wurde ich gar mit Lutschpastillen nach Hause geschickt. Jeder Arzt fand einen scheinbaren Grund für meine körperlichen Beschwerden. Keiner von ihnen machte einen HIV-Test.

Dabei lebte ich als schwuler Mann mit einem erhöhten Risiko - und die Ärzte hätten die Schulbuch-Symptome eigentlich erkennen müssen. Doch keiner der vier konsultierten Ärzte sprach mich auf eine mögliche HIV-Infektion an, selbst der homosexuelle Arzt erkannte nicht die Zeichen in meinem Blutbild.

Unsere Beziehung hatte Aids überlebt, aber nicht eine neue Liebe

Nachdem ich innerhalb von einer Woche nochmals mehr als zehn Kilo Gewicht verloren hatte, war mein letzter Versuch ein Gastroenterologe. Der fragte mich dann tatsächlich danach, was ich lange Zeit verdrängt hatte: Wie lang mein letzter HIV-Test her sei? Der war vor acht Jahren, 1999. Bis 2007 hatte ich einen Test vor mir hergeschoben. Ein Risikokontakt bestand in meinen Augen schließlich nie. Zumindest fast nie. Und wenn er bestand, redete ich ihn mir schön. Zu groß war die Angst.

Zwei Tage später erfuhr ich in der Praxis, dass ich HIV-positiv bin. Im ersten Moment machte sich eine gewisse Erleichterung in mir breit. Endlich wusste ich, warum es mir so schlecht ging. Gleichzeitig dachte ich: Jetzt muss ich sterben. In meinem Kopf raste ein Karussell mit 1000 Gedanken. Dabei machte ich mir selbst die größten Vorwürfe, nicht den Ärzten. Wie konnte ich nur so dumm gewesen sein? Wo habe ich mich angesteckt und wann? Wie lange habe ich noch zu leben? Hat sich mein Partner angesteckt?

Zum Glück stellte sich im Anschluss heraus, dass mein damaliger Partner negativ war und sich nicht infiziert hatte. Ich stellte ihn noch direkt in der Arztpraxis vor die Wahl: Entweder er geht jetzt sofort oder er bleibt. Er blieb. Ich glaube, es war aus Liebe. Er hat mich gepflegt, mir geholfen und mich gestützt. Zwei Tage nach der Diagnose habe ich ihm noch mein Testament diktiert. Er war meine wichtigste Bezugsperson in der ersten Zeit, der Einzige, der mich berühren durfte. Drei Jahre nach meiner Diagnose lernte er einen Neuen kennen. Unsere Beziehung hatte Aids überlebt, aber nicht eine neue Liebe. Es war eine ganz normale Trennung, heute sind wir befreundet.