Pop und Antisemitismus Nein, dies ist keine Zensur

Roger Waters verstieg sich etwa in Berlin auf offener Bühne zu einem wüsten Angriff gegen Felix Klein, den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung.

(Foto: AFP)
  • In Deutschland scheint 2018 das Jahr des Antisemitismus im Pop zu sein.
  • Einige der Vorfälle, die mit Antisemitismus in Verbindung stehen, hatten mit der BDS-Bewegung zu tun, einer Kampagne, die die Boykottierung Israels fordert.
  • Wenn Festivals in Deutschland Auftritte BDS-naher Künstler absagen, wird den Verantwortlichen häufig Zensur vorgeworfen.
Von Jens-Christian Rabe

Sind die Kids in Ordnung, so wie einst und für alle Zeiten die Who das erste, erstaunlich wirksame Klischee-Gebot des Pop formulierten - oder doch nicht? Ist man ein Antisemit, wenn man gut findet, was Antisemiten gut finden? Sind bestimmte Meinungen eigentlich noch dieselben, wenn sie an einem anderen Ort geäußert werden? Ist es Zensur, wenn ein Veranstalter eine Band doch nicht auf seinem Festival auftreten lassen möchte? Und was sagt das alles über das aus, was an Popmusik womöglich immer noch tatsächlich politisch ist? Das sind einige der Fragen, die die laufenden Ereignisse aufwerfen, denn zumindest in Deutschland scheint 2018 das Jahr des Antisemitismus im Pop zu sein.

Zuerst bekamen die beiden deutschen Rapper Felix Blume alias Kollegah und Farid Hamed El Abdellaoui alias Farid Bang den öffentlichkeitswirksamsten deutschen Pop-Preis Echo verliehen für ihr Album "Jung, brutal, gut aussehend 3". Darauf vergleicht der Rapper seinen Körper mit dem eines "Auschwitzinsassen". In der Folge wurde der Echo abgeschafft und Blume und El Abdellaoui legten Blumen in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau nieder. Die Ermittlungen der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung wurden mit Verweis auf die Kunstfreiheit eingestellt, die überfällige große Debatte allerdings über Antisemitismus im deutschen Rap im Allgemeinen und den Antisemitismus des - insbesondere bei Schülern und jungen Erwachsenen extrem erfolgreichen - Rappers Kollegah im Besonderen hallt nach.

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Die Ausladung von einem Festival ist keine Befürwortung eines generellen Auftrittsverbots

In seinem Video "Apokalypse" trägt das Böse einen Davidstern, und auch sonst jonglieren Text und Bild mit allerlei antisemitischen Verschwörungstheorien. Der Clip - den Youtube zum Bedauern des Künstlers mittlerweile weltweit gesperrt hat - ist zweifellos ein einsamer Tiefpunkt des deutschen Mainstream-Pop. Danach sorgte die Ausladung des gefeierten britischen Avantgarde-Hip-Hop-Trios "Young Fathers " von der im August beginnenden Ruhrtriennale für Aufregung. Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp hatte bei der Verpflichtung der "Young Fathers" offenbar übersehen, dass sich die Band - die aus zwei schwarzen und einem weißen Musiker besteht - nicht nur gegen Atomwaffen, Rechtsradikalismus und das gesellschaftliche Establishment engagiert, sondern auch für die BDS-Bewegung. BDS steht für "Boycott, Divestment and Sanctions" - Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen - und ist eine im Jahr 2005 von über hundertfünfzig zivilgesellschaftlichen palästinensischen Gruppen gegründete internationale politische Kampagne, die sich für die Rechte der Palästinenser einsetzt, sich aber im Laufe der Jahre radikalisierte. Die Grenze zwischen der Kritik an der Politik des Staates Israel, Antizionismus und blanker antisemitischer Hetze wird von sehr vielen BDS-Unterstützern längst gewohnheitsmäßig überschritten.

Und schließlich trat im Mai und Juni im Rahmen seiner "Us + Them"-Tour in den größten Hallen in Hamburg, Berlin, Mannheim, Köln und München auch noch der BDS-Freund Roger Waters auf. Seine fliegenden Gummischweine trugen zwar, anders als noch vor ein paar Jahren, keine Davidsterne mehr, aber Roger Waters verstieg sich etwa in Berlin auf offener Bühne zu einem wüsten Angriff gegen Felix Klein, den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, der die antisemitische Stoßrichtung von BDS kritisiert. Natürlich unterschrieb Waters auch den offenen Brief von 79 Künstlern und Intellektuellen gegen die Ausladung der "Young Fathers" aus der Ruhrtriennale, den die Londoner Zeitung Guardian veröffentlichte: "Wir sind beunruhigt von Versuchen in Deutschland, Künstlern politische Auflagen zu machen, wenn sie sich für die Menschenrechte von Palästinensern einsetzen."

Ach, wenn es so einfach und gut gemeint wäre, gäbe es nicht all diese Fragen. Und man müsste nicht an Adornos und Horkheimers Wort von der "Dummheit des Gescheitseins" aus der "Dialektik der Aufklärung" denken. Wenigstens drei der fünf anfangs gestellten Fragen lassen sich nämlich ziemlich leicht beantworten:

Nein, bestimmte Meinungen und Einstellungen sind nicht überall dasselbe. Israelkritik zum Beispiel kann in Ländern, zu deren Geschichte nicht die Ermordung von sechs Millionen Juden gehört, anders formuliert werden. Und nein, die Ausladung von einem Kulturfestival hat nichts mit Zensur zu tun, die per definitionem staatlich ist. Gewiss, Autokratien kennen auch Selbstzensur. Aber Deutschland ist keine Autokratie. Eine Ausladung wie im Falle der "Young Fathers" - die im übrigen wieder eingeladen wurden - bedeutet schlicht, dass ein Veranstalter einem Künstler, der im Pop im Zweifel mehr ist als ein musikalischer Pausenclown (sondern ein Beispiel für eine Weltanschauung), sein Forum nicht zur Verfügung stellen will. Es bedeutet keine generelle Befürwortung eines Auftrittsverbots. Eher Sensibilität.

Und ja, wenn man gut findet, was Antisemiten gut finden, also zum Beispiel die pauschalisierende Boykottierung Israels, dann sollte man nicht meinen, man sei nun aber wirklich absolut kein Antisemit.

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