Leaks in der Popmusik Leiden am Kontrollverlust

Nun kann man sich auch als Nichtmusiker vorstellen, dass es ärgerlich ist, wenn unfertiges Material an die Öffentlichkeit dringt. Stars wie Lady Gaga, die ihr Image sorgfältig pflegen und keine Provokation dem Zufall überlassen, ertragen den Kontrollverlust schwer, den ein Leak - besonders von unfertigen Demo-Versionen - bedeutet. Deshalb sind sie vorsichtig: Über Jay-Z war zu hören, dass er kein Album-Material per E-Mail verschickt, sondern alles persönlich mit einem sehr kleinen Kreis von Mitarbeitern ausgehandelt habe. Und auch David Bowies neues Album leakte nicht, weil sehr lange niemand ahnte, dass es überhaupt eines geben würde. Geheimhaltung kann also klappen - bei den Superstars aber nur, wenn quasigeheimdienstliche Maßnahmen ergriffen werden oder niemand mehr mit ihnen rechnet.

Doch auch wenn es passiert, trifft das die Plattenfirmen heute nicht mehr unvorbereitet. "Die Branche hat in den letzten Jahren dazugelernt", sagt Sebastian Hornik, Leiter der Unternehmenskommunikation von Sony Music Deutschland. Die Musikindustrie habe auf die Digitalisierung reagiert und mache geleakte Songs schnell legal verfügbar. "Es gibt mittlerweile so tolle legale Angebote, Download-Plattformen und Streamingdienste - es lohnt sich gar nicht mehr, illegal zu konsumieren." Mit der Gefahr vorzeitiger Veröffentlichung gehe die Branche mittlerweile "proaktiv" um, sagt Hornik: Indem die Plattenfirmen selbst mit Ausschnitten aus neuen Songs für ein kommendes Album werben.

Die Gier nutzen

So ist es mittlerweile ein gängiger Marketing-Prozess, dass Künstler sich die Online-Gier nach Appetithäppchen zunutze machen. Die Kampagne für das neue Daft Punk-Album funktionierte so und Jay-Z schenkte in einer Kooperation mit Samsung deren Handynutzern sein Album "Magna Carta Holy Grail" vor der offiziellen Veröffentlichung.

Finanziell hingegen bedeuteten Leaks kaum direkte Einbußen für die einzelnen Musiker, schreibt Richard Hammond in seiner Studie. So ein Effekt sei "im Grunde nicht vorhanden", vielmehr profitierten etablierte Stars sogar von der größeren Verbreitung ihrer Musik im Netz.

Für die Musikindustrie insgesamt ist jegliche Form von Filesharing freilich verheerend. Als Ergebnis seiner Untersuchung schreibt Hammond, dass etablierte Künster durch Filesharing zwar erst einmal "eine größere Scheibe vom schrumpfenden Kuchen der Einnahmen in der Musikindustrie" abbekämen. Das heißt: Von den insgesamt sinkenden Verkaufszahlen machten die von sehr bekannten Popmusikern einen immer größeren Anteil aus. Trotzdem schrumpft der Kuchen und die Plattenfirmen leiden - auf Dauer wird das allen Musikern schaden, den unbekannteren zuerst.

Popstars wie Lady Gaga mit gut dotierten Verträgen merken nichts von der Krise der Branche. Wenn sie also klagen, dann geht es ganz allein um die Kunst - und um Kontrolle.