Geschenke in letzter Minute Die besten Bücher des Jahres 2011

Jetzt aber hurtig: Wer noch auf den letzten Drücker nach einem Weihnachtsgeschenk sucht, dürfte in unseren Buchtipps fündig werden. 52 Dichter und Denker, Künstler und Intellektuelle empfehlen ihre Lieblingsbücher - von Elke Heidenreich über Roger Willemsen bis zu Juli Zeh. Ein Überblick.

Geschenke in letzter Minute gefällig? Die Feuilleton-Redaktion der Süddeutschen Zeitung hat 52 Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle gefragt: Was war Ihr Buch des Jahres 2011? Und warum war es so wichtig? Die meisten Bücher stammen aus dem Jahr 2011, einige wenige sind älter - und trotzdem gerade aktuell. Viel Spaß beim Schmökern und Schenken!

Lesen! Elke Heidenreich empfiehlt das Buch "Jacob beschließt zu lieben" von Catalin Dorian Florescu.

(Foto: dpa)

Das Lieblingsbuch von Jan Assmann (Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler):

Mein Buch des Jahres 2011 ist "Krieg und Frieden" von Tolstoi in der neuen Übersetzung von Barbara Conrad (Hanser, 2010), die zum ersten Mal die Vielstimmigkeit dieses Epos zum Ausdruck bringt. Die zwei Bände haben mich zwei Wochen lang begleitet, die ich unter teilweise sehr lästigen Umständen in einer Klinik verbringen musste, und mich bei Tag und bei Nacht derart in die erzählte Welt entführt, dass ich an diese Zeit mit ganz besonderem Vergnügen zurück denke. Wo sonst in der Weltliteratur gibt es ein Werk, das Fiktion und Geschichte so ergreifend miteinander verbindet?

Dirk Baecker (Soziologe):

Mein Buch des Jahres ist David Simons "Homicide - Ein Jahr auf mörderischen Straßen" (Kunstmann Verlag, 2011). Es ist das Porträt einer Behörde, die in Baltimore, Maryland, einer der rauesten Städte der USA, Mordfälle aufzuklären hat. Präzise recherchiert, zeigt es, wie es einer Behörde gelingt, Beamten, die mit dem Alltag des Verbrechens konfrontiert sind, mit einem bürokratischen Alltag zu Hilfe zu kommen. Eine exemplarische Studie in Sachen Organisation und Management.

Ulrich Beck (Soziologe):

Während Europa, von Mutlosigkeit gelähmt, an sich selbst zweifelt und verzweifelt, bleibt es eine Verheißung für die da draußen am unteren Ende der Welthierarchie, so wie früher Amerika für verarmte und verfolgte Europäer. Die Flüchtlinge und Migranten sind Symbol für eine umfassende Entwicklung: Das Andere und die Anderen, Armen, Ausgeschlossenen sind nicht nur neben uns, sondern bei uns, manchmal sogar in uns. Dies zeigt sich alltäglich in Fernliebesbeziehungen und Weltfamilien, an der philippinischen Pflegerin der Oma, an den radikal ungleichen Konsequenzen des Klimawandels und der Finanzrisiken, ja, sogar an der Transplantationsmedizin, der die Ausgeschlossenen der Welt - Flüchtlinge, Obdachlose, Straßenkinder, Migranten ohne Papiere, Häftlinge, alternde Prostituierte, Zigarettenschmuggler und Diebe - Teile ihres Körpers liefern. Das Schicksal von Bewohnern der Wohlstandsregion ist gekoppelt mit dem Schicksal von Bewohnern der Armutsregionen. Für beide Gruppen geht es um Existentielles im Wortsinn, um Leben und Überleben. In "The Haves and the Have-Nots" (Basic Books, 2011) befreit Branko Milanovic den Blick auf dieses Ineinander der ungleichen Welten von seinen nationalstaatlichen Bornierungen. Und dem Autor gelingt dies in einer Mischung von Wissenschaftlichkeit und Anekdote, die im deutschsprachigen Raum ganz, ganz selten geworden ist.

Karin Beier (Theaterregisseurin und Intendantin):

Sie sind zwar aus dem vergangenen Jahr, schafften es aber erst jetzt auf meinen Nachttisch aus dem Stapel der ungelesenen Bücher, Manuskripte und Kladden, die Theatermenschen immer drohend bis leicht beleidigt aus den Regalen anstarren: Fritz J. Raddatz' "Tagebücher: 1982-2001" (Rowohlt, 2010). Neben ihrem literarischen Wert lege ich diese Ergüsse der Diva des Feuilletons jedem ans Herz, der einen brillanten Sparringspartner sucht, um sich einzuüben in Sottisen, Finten und Ausfällen und zugleich davor zu wappnen. All jenen, die im Haifischbecken schwimmen müssen, in dem jeder erst dann auspackt, "wenn die Gäste weg sind", bis er schließlich ganz alleine ist. Raddatz erzählt die Geschichte der Kulturindustrie anhand der beiden Jahrzehnte, die auch mich geistig geprägt haben, und ist so scharfzüngig und skelettierend, dass all diese Aufzeichnungen ein grandioses Nichts wären, wenn er vor sich selbst halt machte. Und da liegen dann auch die Kurzweil und die Tragödie so nah beieinander, dass der Inhalt seiner Tagebücher außerhalb des Lockendrehens auf der Glatze, der Indiskretionen und Anekdoten über Kulturprominenz und Dandytum zu einer Reflektion über den eigenen Ehrgeiz und Vergänglichkeit wird, die ethisch weit über die beschriebenen Ereignisse hinausreicht. Und das in einer knappen Sprache, die immer wieder wie Feuerwerkskörper zündet, brutal bösartig jauchzend und unendlich traurig zugleich. Und es schärft den Wunsch, bei allem Respekt, nie so zu werden.

Horst Bredekamp (Kunsthistoriker):

Abgestoßen von den Geißelschwüngen einer Angst, die Bürger vor einer geheim agierenden Hochfinanz tanzen lässt, und ermüdet von dem hiermit einhergehenden Konformismus des Negativen, ist für mich "New Pott. Neue Heimat im Revier" (Christoph Keller Editions, 2011) das Buch des Jahres. Es ist human - und darin rebellisch. Herausgegeben von dem Künstler Mischa Kuball und dem Soziologen Harald Welzer, zeigt es in berührenden Aufnahmen und Interviews die hoffnungsvolle Düpierung aller Erwartungen, Urteile und Vorurteile. Inmitten der Bedrückung, die das Fremdsein grundsätzlich bedeutet, werfen Zugereiste den Deutschen vor, den Habitus der Ausländer zu stark angenommen zu haben, zürnen Moslems, dass Deutsche mit dem Christentum die Transzendenz verloren haben und bekunden Immigranten ihre Bewunderung für die Verkehrsmittel, ihre Liebe zur Landschaft, ihr Glück, deutsche Freunde gefunden und ihr Vergnügen, den ersten Schnee erlebt zu haben. Es sind keine Weihnachtsgeschichten, sondern 100 assoziative Momentaufnahmen über das Leben als Prozess von Überraschungen, aus denen die Stabilität einer neuen "Heimat" entstehen kann: das Ruhrgebiet als Modell dessen, was New York als melting pot zu sein versprach. Das Buch handelt nur von einer Region. Aber es wendet sich gegen jene Art der Freiheitsberaubung, die von einer allgegenwärtig gesteuerten Lebensangst ausgeht.

Jan Peter Bremer (Schriftsteller):

Wer die Lust und den Mut hat, einen neuen Planeten zu betreten, wer bereit dazu ist, sich herauszufordern und gleichzeitig empfänglich dafür, sich berauschen zu lassen, wer die eigenen Gedanken mal in glühend heiße Luft werfen möchte, um sie dann neu geschmiedet wieder aufzufangen, dem empfehle ich den Essayband "Textleben" (S. Fischer, 2011) von Michael Lentz. Ein Buch nicht nur über Literatur, sondern über die innersten Bewegungen des Lesens und Schreibens selbst, ein Buch für Insider natürlich, aber auch für Abenteurer und solche, die am Denken wachsen wollen.

Chris Dercon (Kurator, Museumsdirektor):

Ich liebe Bücher. Sie stapeln sich in meinem Büro, zu Hause, sogar in meiner Tasche. Ich habe einfach zu viele. Deswegen habe ich mir in der Nähe meiner neuen Wohnung in London einen Lagerplatz gesucht, ich nenne ihn "Fortbox". Den Sommer über spielte ich dann "Ich packe meine Bibliothek aus". Und ich habe Walter Benjamins gleichnamigen Essay immer wieder gelesen. Seine inspirierenden Gedanken über Bücher beschäftigten mich viel. Das Ordnungssystem meiner Bibliothek funktioniert nach dem Prinzip Rätselraten und Gedächtnistraining. Ich durchsuche einen Stapel hier, einen Haufen dort. Oft finde ich so interessante Bücher, nach denen ich gar nicht gesucht hatte. Ich wünschte, ich könnte mir eine Bibliothek anlegen, in der Ordnung und Chaos Hand in Hand gehen. Gleich mehrmals habe ich mir im Sommer die Ausstellung "Architektur und Geschichte von Bibliotheken" in der Pinakothek der Moderne in München angesehen. Nach Walter Benjamin war das die andere aufschlussreiche Erfahrung zu dem Thema. Wenn Sie weder Benjamins Aufsatz noch die Ausstellung kennen, dann tun Sie etwas für Ihre Bildung und legen Sie sich den Katalog von Winfried Nerdinger zu: "Die Weisheit baut sich ein Haus. Architektur und Geschichte von Bibliotheken" (Prestel, 2011). Es ist die perfekte Anleitung für "Do it yourself"-Bibliothekare.

Diedrich Diederichsen (Autor, Journalist, Poptheoretiker):

Navid Kermani hat in seinem neuen Roman "Dein Name" (Hanser, 2011) so etwas wie den absolut relationalen Erzähler erfunden: eine Figur, die ausschließlich durch ihren jeweiligen Bezug zu Objekten, Personen, Institutionen, Lebenden, Toten bestimmt ist - und eine Einheit erst in der Montage, in der Akkumulation von Text gewinnt (oder eben auch nicht). Sie spricht, die ganze Zeit und sagt niemals ich, nur in der Formel: "Der Roman, den ich schreibe".

Kurt Flasch (Philosophiehistoriker):

Thea Dorns und Richard Wagners Buch "Die deutsche Seele" (Knaus, 2011) ist gescheit und kritisch, die deutsche Seele wird zwischen Abendbrot und Strandkorb ohne Gejammer erforscht, immer an meist zusammengesetzten Substantiven entlang. Zum Glück nicht gar zu "tief", dafür mit schönen Bildern.