Film "Untitled" auf der Berlinale "Sagt niemandem, dass ich hier bin"

Schwarze Ringkämpfer im Sand: Alltag in Afrika, wie ihn die Doku "Untitled" zeigt.

(Foto: Lotus-Film)

Michael Glawogger wollte sich um die Welt treiben lassen und daraus einen Film machen. Dann starb der Regisseur unterwegs. Er ließ 70 Stunden Material zurück, aus dem nun "Untitled" entstanden ist.

Von Paul Katzenberger

Es sind Worte, die auf SZ.de schon einmal zu lesen waren: "Sagt niemandem, dass ich hier bin. Bis ich so lange da war, dass mich keiner mehr sieht." Die zwei Sätze fallen in dem Film "Untitled" des österreichischen Filmemachers Michael Glawogger, der jetzt bei der Berlinale Premiere feierte. Doch mit diesen Worten malte sich Glawogger bereits im April 2014 in einem Blog-Beitrag auf SZ.de aus, wie es sein würde, wenn er im letzten Zipfel Westafrikas - in der abgelegenen Küstenstadt Harper, Liberia, das machen würde, was er sich als Kind immer vorgenommen hatte: Einfach in den Weiten dieser großen Welt zu verschwinden.

Nur vier Tage danach verschwand Michael Glawogger tatsächlich. Es war allerdings kein Verschwinden, wie er sich das und seine vielen Freunde gewünscht hätten. Der österreichische Filmemacher verstarb in Liberia völlig unerwartet an Malaria.

Es war ein Schock für alle, die ihn kannten - auch für die SZ.de-Redaktion. Denn sie hatte mit Michael Glawogger bei seinem letzten Projekt zusammengearbeitet. Im Wochenrhythmus hatte er auf SZ.de zwischen Dezember 2013 und April 2014 kleine Geschichten von einer Weltreise gebloggt, die das Ziel hatte, spontan auf alles reagieren zu können, was Regisseur, Kameramann Attila Boa und Tonmann Manuel Siebert so antrafen.

Grenzgänger zwischen Fiktion und Realität

Für seine Filme bereiste Michael Glawogger die ganze Welt. Von seiner letzten Recherchetour schrieb er regelmäßig Beiträge für den Doku-Blog auf Süddeutsche.de. Nun ist der Filmemacher überraschend im Alter von 54 Jahren bei Dreharbeiten in Afrika gestorben. Von Paul Katzenberger mehr ...

Glawogger war diese Spontanität wichtig, weil er sich bei seinen vorherigen preisgekrönten Dokumentarfilmen "Working Man's Death" und "Whores' Glory" durch die jeweilige Thematik (Unmenschliche Arbeitsbedingungen und Prostitution in der Dritten Welt) zu sehr in ein Korsett gedrängt gefühlt hatte.

Interessante Situationen habe er filmisch nicht weiter verfolgen können, weil es weder in seinem Kopf noch im Konzept des aktuellen Projekts Platz dafür gegeben habe, sagte er SZ.de damals.

"Das Material war ja da"

Beim "Film ohne Namen" sollte der Verzicht auf ein übergeordnetes Thema den Raum für alles Interessante öffnen, das einem in fernen Ländern ja ständig zufällig über den Weg läuft. In den vier Monaten, die Michael Glawogger dafür noch beschieden waren, entstanden 70 Stunden gefilmtes Material.

Glawoggers Freunde und Mitstreiter brauchten einige Zeit, die Lähmung ausschleichen zu lassen, die sein Tod bei ihnen ausgelöst hatte: "Aber das Material war ja da, und der Respekt davor gebot es, das Projekt so gut wie möglich zu Ende zu führen", sagt Monika Willi, Glawoggers Cutterin, die aus dem Footage schließlich den Film unter dem neuen Titel "Untitled" montierte.

Die Berlinale nahm die Doku in diesem Jahr in ihr Programm auf und sorgte so dafür, dass der Verstorbene bei einem vollen Haus im Kino international eine letzte große Bühne für seine Arbeit bekam. Ein Glück.

Hände, die im Sand scharren

Denn ohne Zweifel ist "Untitled" ein Glawogger-Film, der einmal mehr durch jenen ganz besonderen Blick besticht, der sein Werk immer ausgezeichnet hat: Kinder, die gemeinsam mit Ziegen riesige Abfallberge nach Verwertbaren durchstöbern. Schwarze Ringkämpfer, die im Sand scharren, um ihre Hände grifffester zu machen. Was in Marokko oder im Senegal zu beliebigen Alltagsszenen zu gehören scheint, wirkt auf den Leinwänden unserer Welt plötzlich exorbitant. Die Wirkung steigert sich durch das Wissen des Zuschauers, dass diese Bilder dokumentarisch sind und keine Fiktion.

Seine Reise führte Glawogger von Österreich über Kroatien und Serbien nach Italien, von wo er über das Mittelmeer nach Marokko fuhr. Von dort ging es weiter Richtung Süden: Mauretanien, Senegal, Guinea-Bissau, Guinea, Sierra Leone und schließlich Liberia waren die Stationen, von denen er sich im SZ.de-Blog regelmäßig meldete. Im Film ist diese Chronologie nun aufgebrochen, wird zwischen Ländern, meist zwischen dem Balkan und Afrika hin und her gesprungen.

Unterlegt sind die Aufnahmen von Auszügen aus den Blog-Texten Glawoggers. Und so verschweigt der Film auch nicht, an wen sich die Bitte richtete, niemandem zu sagen, dass er da sei: An "eine junge Frau, die ein großes Mayonnaise-Glas voller Benzin auf der Schulter trug." Ein typisches Glawogger-Bild, das von ihm durch "Untitled" erhalten bleiben wird.