Filmprojekt von Michael Glawogger Vom Zauber des Augenblicks

Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Michael Glawogger ist zu einer ungewöhnlichen Reise aufgebrochen: Ohne Script und ohne Plan will er sich ein Jahr lang um die Welt treiben lassen und spontan alles Interessante aufnehmen. Mit dabei ist Süddeutsche.de: Der Filmemacher berichtet über seine Abenteuer im Doku-Blog.

Von Paul Katzenberger

Kameramann Attila Boa, Michael Glawogger und Tonmann Manuel Siebert (von links) beim Start ihrer Reise.

Der Dokumentarfilmer Michael Glawogger ist zu einer ungewöhnlichen Reise aufgebrochen: Etwa ein Jahr lang will er sich um die Welt treiben lassen und spontan alles Interessante filmen, ohne vorher ein Thema zu definieren. Mit dabei ist "Süddeutsche.de" - der Filmemacher wird hier regelmäßig über seine Abenteuer im "Doku-Blog" berichten.

Wie kommt ein bekannter Dokumentarfilmer dazu, einen "Film ohne Namen" zu drehen, der kein Thema hat, und in dem keine Wertung gesucht und kein Ziel verfolgt werden soll? Michael Glawogger, dessen bekannteste Dokumentationen "Whores' Glory", "Workingman's Death" und "Megacities" bislang durchaus von Themen getrieben sind, wie etwa der Prostitution oder den unmenschlichen Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt, hat genau dies vor: Ein Jahr lang will er mit einem Kamera- und einem Tonmann um die Welt reisen und dabei versuchen, sich keinem konkreten und vorher definierten Gegenstand auszuliefern, sich treiben zu lassen und die Dinge so zu nehmen, wie sie auf ihn zukommen.

Glawogger erklärt seine Motivlage für den "Film ohne Namen" anhand eines Erlebnisses: Bei den Recherchen für seine preisgekrönte Doku "Whores' Glory" seien er und seine Filmcrew bei einer Überlandreise im Jahr 2009 in Nigeria von Wegelagerern auf freier Strecke durch eine Straßenbarriere gestoppt und um eine illegale Maut erleichtert worden.

An den Streit, der dabei zwischen ihm und seinen Begleitern sowie den Banditen entbrannt sei, habe er sich noch lange erinnert, denn die Szene sei in jeder Hinsicht auf das Schönste dokumentarisch gewesen: "Menschen, die sich in einem alltäglichen Streit befinden, öffnen nicht nur laut ihren Mund und ihr Herz - sie schreien alles heraus, was sie, ihre Umgebung und ihr Land betrifft, und vergessen dabei die Welt um sich herum."

Mehr Raum für das wirklich Dokumentarische

Die Begebenheit hätte genug Ansatzpunkte dafür geliefert, zu erzählen, wie Nigeria funktioniert, mit all seinen Irritationen und Absurditäten. Wenn er nur ein, zwei Tage bei dieser illegalen Mautstation mit Kamera und Ton zu Gast gewesen sei, hätte er genug Stoff im Kasten gehabt, ist sich Glawogger sicher.

Doch das habe er nicht getan. Warum? Weil es weder in seinem Kopf noch im Konzept des gerade in Arbeit befindlichen Dokumentarfilms Platz dafür gegeben habe. Sein Fokus lag auf dem Thema Prostitution. Der streng dokumentarische Entwurf habe dem wirklich Dokumentarischen keinen Raum gelassen.

Mit dem "Film ohne Namen" wolle er diesen Widerspruch nun brechen, so der Filmemacher. Die Recherche soll gleichzeitig der filmische Akt sein, Kamera und Ton immer in Bereitschaft, und immer in einer Lebenshaltung, die es möglich mache, sofort das zu filmen, was passiert.

Mit dabei sein

Das könne vieles sein: ein Streitgespräch im Hof der Stockholmer Uni, eine Stadt, in der jeden Abend der Strom ausfällt, und die man nur im Dunklen wirklich porträtieren kann oder ein Rudel Hunde, das irgendwo in Mittelamerika auf Beutezug ist.

Zu diesen Orten der unmittelbaren Recherche ist der Filmemacher mittlerweise unterwegs: Anfang Dezember brach Glawogger gemeinsam mit Kameramann Attila Boa und Tonmann Manuel Siebert im roten VW-Bus von seinem Haus im niederösterreichischen Pitten zu seiner Weltreise auf.

Mit dabei ist Süddeutsche.de - Glawogger wird hier im lockeren Wochen-Rhythmus über die Abenteuer auf seiner Tour bloggen. Unsere Leser haben damit die seltene Möglichkeit, die Entstehung der ungewöhnlichen Doku mitzuverfolgen, und bereits involviert zu sein, wenn "Der Film ohne Namen" eines Tages ins Kino kommt. Der "Doku-Blog" bietet zudem einen Vorgeschmack auf das Buch "69 Hotelgeschichten", das Glawogger 2015 in der Anderen Bibliothek herausbringen wird. Diese Geschichten werden im Stil der Blog-Einträge geschrieben sein. Die erste Geschichte liegt schon vor: Sie spielt in Medari, Kroatien.

https://www.facebook.com/MichaelGlawogger