"Whores' Glory" im Kino Vom Gebrauchswert der Liebe

Thailand, Bangladesch, Mexiko: An drei Schauplätzen beobachtet der preisgekrönte Filmemacher Michael Glawogger Sex-Arbeiterinnen und ihre Freier. Ein grandioser Film über Wirklichkeit und Mystik der Prostitution.

Von Fritz Göttler

Ich komme her, um mir ein bisschen Glück zu kaufen, sagt der freundliche Mann etwa in den Fünfzigern, der entspannt im Schauraum des großen Bordells von Bangkok sitzt. Kein langdauerndes Glück, spezifiziert er dann, höchstens ein, zwei Stunden ... Er trägt Anzug und Krawatte, eine Brille und verbreitet eine Aura von Dignität und Durchschnittlichkeit. Diese Mädchen, sagt er dann noch, und meine Frau, das kann man nicht vergleichen.

Diese Mädchen sitzen aufgereiht hinter Glas, mit Nummern versehen, wie in einem riesigen Schaufenster oder einem spektakulären Zoo-Aquarium, und vor der Scheibe sitzen die Männer an Tischchen, sie trinken und unterhalten sich, und das ist schon das Vorspiel dessen, wofür sie, die Kunden und Konsumenten, gekommen sind. Auch das obligatorische Kundengespräch, in dem sie sich festlegen sollen, ihre Wünsche, ihre Vorlieben und das Mädchen, das sie wohl am besten erfüllen wird, gehört zum Service. Dann geht's an die Kassen, ein Extra für die Beratungskraft inklusive, und schließlich zum Aufzug und weiter zu den Zimmern.

"Der Fishtank" heißt der erste Teil von "Whores' Glory", der in Bangkok spielt, er entwickelt ein bizarres Gefühl von Luxus und von den Schauwerten, mit denen die Werbung im modernen Kapitalismus arbeitet. Ein Triptychon nennt der österreichische Filmemacher Michael Glawogger sein Werk, auf den Fishtank folgt "Haus der Freude" in Faridpur, Bangladesch, und "La Zona", im mexikanischen Reynosa. In der Reihe Orizzonti auf dem Filmfestival in Venedig wurde der Film vor wenigen Wochen erstaufgeführt und mit dem Spezialpreis der Jury bedacht. Bei Orange Press ist ein Buch von Glawogger zu seiner Arbeit und Konzeption erschienen (256 Seiten, 30 Euro).

Glawoggers grandiose Filme aus der Arbeitswelt - 1998 gab es Megacities, 2005 Workingman's Death - haben seine Spielfilme ein wenig ins Abseits gedrängt, die berühmten Nacktschnecken, 2004, das Vaterspiel, nach Josef Haslinger und Contact High, 2009 - die letzten Endes auch nichts anderes sind als Dokumentationen zum erdverbundenen, bekifften Highlife in Österreich.

In Whores' Glory, dem dritten Film über extreme Arbeitsformen im hochentwickelten rigiden Kapitalismus, sind die fiktiven Momente stärker als zuvor - weil die Arbeit, um die es geht, mit Darstellung, mit Selbstdarstellung zu tun hat. Es ist eine Arbeit, die sich selbst zur Schau stellt. Die keine Natürlichkeit kennt, erst recht nicht, wenn eine Kamera im Spiel ist. Als es am Ende tatsächlich eine Szene im Inneren einer mexikanischen Hurenbude gibt, ist das ein Dreier mit der routinierten Hure, dem unbedarften jungen Kunden und der Kamera.

Von Domenica bis Pretty Woman

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