Antibiotika Kinder werden häufig falsch behandelt

Antibiotika helfen nur gegen Bakterien - trotzdem verschreiben Ärzte die Mittel gerade Kindern besonders häufig sogar dann, wenn Viren im Spiel sind. Experten warnen davor, die Medikamente als "Beruhigungspille für die Eltern" einzusetzen. Schließlich drohen Nebenwirkungen und Resistenzen.

Kindern werden in Deutschland nicht nur deutlich mehr Antibiotika verordnet als Erwachsenen. Oft ist die Behandlung auch noch unnötig. Das geht aus einem "Faktencheck Gesundheit" hervor, den die Universität Bremen im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh unternommen hat.

Ist das Kind krank, wünschen sich Eltern umgehend Hilfe. Doch Ärzte sollten nicht auf Antibiotika setzen, um sie zu beruhigen.

(Foto: dpa)

Demnach verschreiben Ärzte Kindern die entsprechenden Rezepte häufig bei einer Virusinfektion. Gegen diese Erreger aber wirken sie gar nicht, sondern nur gegen Bakterien.

Im Jahr 2009 erhielten den Zahlen zufolge 33 Prozent der Erwachsenen ein Antibiotikum, bei Kindern und Jugendlichen zwischen 0 und 18 Jahren waren es 38 Prozent, wie die auf Versichertendaten der Krankenkasse Barmer GEK beruhende Untersuchung ergab. Jedes zweite Kind im Alter zwischen drei und sechs Jahren (51 Prozent) bekam demnach ein Antibiotikum verordnet. Besonders oft wurde ein solches Präparat bei akuter Mittelohrentzündung, fiebriger Erkältung und Grippe eingesetzt.

Warum die Mittel auch häufig verordnet werden, wenn es nicht angebracht ist, lässt sich nur vermuten. "Ich glaube, es ist eine schwierige Situation zwischen Ärzten auf der einen Seite und Eltern auf der anderen Seite", sagt Studienleiter Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Bremer Universität auf der Seite antibiotika.faktencheck-gesundheit.de. "Eltern verlangen häufig Antibiotika, Ärzte fühlen sich geneigt, Antibiotika zu verordnen - möglicherweise aus einem Gefühl heraus, den Eltern helfen zu wollen. Oftmals ist das Antibiotikum eine Beruhigungspille für die Eltern."

Vor allem ängstliche Eltern verlangten oft "vorsichtshalber" ein Antibiotikum für ihr Kind, erklärte auch der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, in Köln. Vor allem Eltern aus bildungsfernen Schichten und Eltern mit Migrationshintergrund forderten ihm zufolge häufig Antibiotika.

Doch bei zu häufiger und unnötiger Einnahme von Antibiotika besteht die Gefahr, dass die Mittel keine Wirkung mehr zeigen, wenn sie wirklich notwendig sind. Bereits jetzt stellen gegen Antibiotika resistente, bakterielle Erreger in Krankenhäusern ein großes Problem dar. Dazu kommt, so Gerd Glaeske, dass Antibiotika auch Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden und Allergien hervorrufen können.

Glaeske empfiehlt deshalb, zum Beispiel bei einer Mittelohrentzündung erst einmal abzuwarten und dem Kind Schmerzmittel zu verabreichen, bevor Antibiotika ins Spiel kämen. Und Eltern sollten bedenken, dass ein Arzt, der nicht gleich Antibiotika verschreibt, kein schlechter Arzt ist.

Zur Überraschung der Wissenschaftler stellten sie große regionale Unterschiede in der Verschreibungspraxis fest - obwohl es Leitlinien gibt, an die sich die Ärzte halten sollten. So erhielten Kinder im Nordosten Deutschlands doppelt so häufig Antibiotika wie Kinder in Süddeutschland. Am häufigsten wurden Antibiotika in Sachsen-Anhalt, im Saarland und in Thüringen verschrieben, am seltensten in Schleswig-Holstein, Bremen und Baden-Württemberg. Allerdings wurden auch innerhalb einzelner Bundesländer große Unterschiede registriert.

Laut der Studie unterscheiden sich die Verschreibungen von Antibiotika auch zwischen den Facharztgruppen erheblich. "Bei nicht eitrigen Mittelohrentzündungen, bei denen Antibiotika laut Leitlinien nur in Ausnahmefällen angezeigt sind, verordneten 33 Prozent der Hausärzte Antibiotika, aber nur 17 Prozent der Kinderärzte und neun Prozent der HNO-Ärzte. Bei Lungenentzündung, wo die Verordnung von Antibiotika angezeigt ist, waren es 80 Prozent der Kinderärzte, aber nur 66 Prozent der Hausärzte", erklärte Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bertelsmann-Stiftung.

Kinder müssten weniger Antibiotika schlucken, wenn sie von Kinder- und Jugendärzten behandelt würden, sagte Wolfram Hartmann. "Kinder- und Jugendärzte sind die Fachärzte für junge Menschen, sie behandeln ihre Patienten leitliniengerecht", betonte er.