Jugend und Technik Die Generation Smartphone ist stabiler als die Apokalyptiker behaupten

Weniger Sex, weniger Freiheitsdrang: Das Essay der US-Psychologin Jean Twenge liest sich wie ein Bericht über das Ende der Jugendrebellion.

(Foto: mauritius images)

Machen die Geräte Kinder einsamer, dümmer, depressiver? Es gibt viele Wissenschaftler, die von solchen Warnungen leben - und deren Ratgeber von Eltern leider verschlungen werden.

Gastbeitrag von Jan Kalbitzer

Unter Psychologen und Psychiatern, die zu den Auswirkungen des Internets auf den Menschen forschen, kommt als Antwort auf die Frage nach ihrer Einschätzung des wissenschaftlichen Fortschritts oft die Antwort: Das Wichtigste wissen wir eigentlich schon. Es gibt keine Zweifel, dass es zu Stress führen kann, wenn mit der Vernetzung von Menschen der ständige Vergleich und damit der Konkurrenzdruck zunimmt. Dass massiver Informationsfluss als Überforderung wahrgenommen und die Möglichkeit des permanenten Konsums bei unzureichender Fähigkeit zur Impulskontrolle zu Kontrollverlust führen kann. Auch was dagegen zu tun ist, scheint klar zu sein.

Der Berliner Psychiater Mazda Adli, der kürzlich ein bemerkenswertes Buch über die Auswirkungen des Stadtlebens auf die Gesundheit veröffentlichte, brachte das in einem Gespräch auf den Punkt: Wissenschaftler untersuchen die Auswirkungen der Moderne. Im Zentrum der Untersuchung stehen aber letztendlich nicht die Metropolen oder einzelne neue Technologien wie das Fernsehen oder das Internet, sondern die Frage, was der Verlust von haltgebenden Traditionen und göttlich gegebenen Moralvorstellungen mit den Menschen macht. Und welche Folgen die damit verbundene permanente Zunahme an Verantwortung für das eigene Leben und das der eigenen Kinder hat.

Eine Weile schien sich nicht nur unter Wissenschaftlern, sondern auch bei immer mehr Eltern die Einsicht durchzusetzen, dass die beste Lösung darin besteht, gesellschaftliche Veränderungsprozesse aktiver zu gestalten. Etwas zu tun gegen eine entfesselte Marktwirtschaft mit ihrer perfiden Verführung zum Dauerkonsum und gegen die Haltlosigkeit der Einzelnen in zunehmend fragmentierten sozialen Strukturen.

Kinder verbringen ihre Zeit immer noch am liebsten mit Freunden, Lesen, Fußballspielen

Doch nun erschien ein Artikel der amerikanischen Psychologin Jean Twenge im Magazin The Atlantic, der unter Eltern und auch einigen Wissenschaftlern wieder für neue Zweifel gesorgt hat. Unter dem Titel "Have Smartphones Destroyed a Generation?" (Haben Smartpones eine Generation zerstört?) mischt Twenge Anekdoten aus Kontakten mit Jugendlichen und ausgewählte Studien und Statistiken zu einer eindrücklichen emotionalen Mischung, die am Ende nur ein Urteil zulässt: Seit Smartphones den Alltag von Jugendlichen erobert haben, sind sie ganz anders als die Jugendlichen der Generationen vor ihnen.

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Sie verlieren ihre sozialen Fähigkeiten, sind viel einsamer und depressiver. Dieser Eindruck wird im Artikel mit anschaulichen Zahlen und Grafiken untermauert, die zeigen, wie es seit der Einführung des iPhones bergab geht bei ihnen. Die Zahl der Jugendlichen, die Sex haben, hat laut einer US-Studie um 40 Prozent abgenommen. Die Zahl der älteren Jugendlichen, die sich ihr eigenes Geld verdienen, sei von 77 auf 55 Prozent gesunken. Als alarmierendes Zeichen sieht Twenge auch, dass sie später und seltener den Führerschein machen, sie sind also unselbständig und wollen herumgefahren werden.

Angestiegen sei dagegen die Zahl der Jugendlichen, denen es aufgrund von Smartphones schlecht geht. Um 56 Prozent erhöht sei das Risiko für "schlechte Stimmung" bei Jugendlichen, die zehn oder mehr Stunden pro Woche mit ihrem Smartphone verbringen. Diese Zahlen klingen in der Tat beängstigend. Sie sind in dieser Form jedoch falsch.

Die Mahnerin stellt willkürliche Zusammenhänge her

Die Psychologin Sarah Cavanagh hat bereits eine sehr kluge Entgegnung für die Zeitschrift Psychology Today geschrieben, in der sie darlegt, wie Twenge in ihrem Artikel nur Studien auswählt, die ihre Thesen untermauern und solche abtut, die ihr widersprechen. Dass die Vernetzung durch das Internet für Jugendliche hilfreich sein kann, gerade wenn sie unter Depressionen oder Ängsten leiden, weil sie dort Freunde finden können und Zugang zu Hilfsangeboten haben.

Cavanagh kritisiert auch, dass Twenge Zusammenhänge herstellt, die willkürlich sind. Denn genauso, wie Twenge den Rückgang von Sexualkontakten unter Jugendlichen auf die Einführung des iPhones zurückführt, kann man auch die Dating-App Tinder für den Anstieg der Geburtenrate in den letzten Jahren verantwortlich machen. Oder eine Zunahme der lokalen Storchenpopulation. Zuletzt führt Cavanagh aus, dass man eine neue Generation, die weniger raucht, weniger trinkt und weniger Auto fährt, wohl kaum als eine zerstörte Generation bezeichnen kann.