Obdachlosigkeit in Nürnberg Daheim bei Klaus

3,20 Meter lang, 1,20 Meter breit und 1,90 Meter hoch. Klein, aber sein: Klaus ist nun Besitzer eines Eigenheims. Wenn er eine Wohnung findet, soll er es weitergeben.

(Foto: Peter Roggenthin)

Klaus Billmeyer lebt seit acht Jahren auf der Straße. Bei seinen Stadtführungen geht er offen damit um. Nun wohnt er in Bayerns erstem Miniaturhaus für Obdachlose.

Von Claudia Henzler

Klaus Billmeyer macht es den Leuten leicht, Berührungsängste zu verlieren. Er begrüßt die Teilnehmer seiner Stadtführung mit festem Händedruck, dann kommt er recht schnell auf den Sinn der Veranstaltung zu sprechen. "Wir wollen zeigen, dass wir auch noch was können, dass wir noch zu was nütze sind. Auch wenn viele Probleme mit Alkohol oder anderen Dingen haben." Das mit den anderen Dingen betreffe ihn persönlich übrigens nicht. "Ich bin nur Alki."

Wem es angesichts dieser Offenheit nicht die Sprache verschlägt, muss womöglich beim nächsten Satz schlucken. "Ich lebe seit acht Jahren auf der Straße", erzählt Klaus so nüchtern, wie andere von ihrem jüngsten Kurzurlaub berichten. Seine Zuhörer sind diesmal junge Menschen, die alle ein Freiwilliges Soziales Jahr machen und gerade auf Fortbildung in Nürnberg sind. Einer der Jungs macht große Augen. Krass.

Die Gruppe hat eine der Touren gebucht, die vom "Straßenkreuzer" organisiert werden. Der Verein gibt Nürnbergs Obdachlosen-Zeitschrift heraus und wirbt mit dem Leitspruch "Auf uns. Auf euch. Auf Augenhöhe." Dieser Spruch steht auch auf der schwarzen Weste, die Klaus Billmeyer über einer dicken braunen Fleecejacke trägt. "Man muss keine Freundschaften schließen", sagt er seiner Gruppe. "Aber ich kann den Menschen zumindest respektieren." Für die Teilnehmer ist er mit Nachdruck nur "der Klaus".

"Das ist eine Parallelwelt"

In der Bahnhofsmission landen jene Menschen, die anderswo nicht mehr aufgefangen werden - und von denen viele nicht einmal wissen. Ein Besuch. Von Anna Hoben mehr ...

Während des zweistündigen Spaziergangs führt er nicht zum Christkindlesmarkt und zur Kaiserburg, sondern zu Einrichtungen, die Bürgern in sozialen Schwierigkeiten helfen. Unterwegs berichtet er von seinen eigenen Erfahrungen.

Klaus zeigt zuerst die sozialen Brennpunkte am Bahnhof, Umschlagplätze, Treffpunkte. Hier stehen die Deutschen, daneben die Osteuropäer, hier drüben werden oft Drogen verkauft, weil man schnell abhauen kann. Kurze Anweisung: "Bitte starrt die Leute nicht an."

Weiter zur Bahnhofsmission, eine Oase der Ruhe und der Sauberkeit im Bahnhofstrubel. Der Aufenthaltsraum ist vorweihnachtlich geschmückt, Klaus zieht seine Jacke aus. Das ist wichtig, wenn man auf der Straße lebt, erklärt er den Jugendlichen, sonst friert man später umso mehr. Die Bahnhofsmission macht auch normalen Reisenden Angebote, die einfach mal durchschnaufen wollen, erzählt Klaus und führt in das farbenfroh eingerichtete Spielzimmer für Kinder. Aber die Bahnhofsmission kann auch eine erste Anlaufstelle für Obdachlose sein, die neu in der Stadt sind. Hier können sie sich nach den vielen Hilfsangeboten erkundigen: Wärmestube, Straßenambulanz, Notschlafstellen beispielsweise.

Denn eigentlich müsste niemand auf der Straße leben, sagt Klaus, "Im Grunde gibt es Obdachlosigkeit nicht." Wer seine Wohnung verliert, wird von der Stadt untergebracht - in einem Heim, einer eigens dafür angemieteten Pension oder in einer Wohnung. "Nur: Wenn du in solche Pensionen reingehst, gehst du wahrscheinlich gleich wieder raus." In den Pensionen muss man in Doppel- oder Drei-Bett-Zimmern mit anderen Wohnungslosen zusammenleben, meist mit Toilette und Dusche auf dem Flur. "Wir sind halt nicht immer die reinlichsten", sagt Klaus. "Darum schaut's da entsprechend aus."

Als Wohnungsloser gilt, wer keinen eigenen Mietvertrag hat. Das trifft in Nürnberg auf etwa 1800 Menschen zu. Wegen des angespannten Wohnungsmarktes steigt die Zahl jährlich um etwa fünf Prozent. Die Hälfte ist in Pensionen einquartiert, der Rest teilt sich auf Plätze in betreuten Wohnheimen auf und in städtischen Wohnungen, die vor allem an Familien vergeben werden. Die Zahl der echten Obdachlosen, also jener Menschen, die keine feste Bleibe haben, beläuft sich nach Schätzungen des Sozialamts auf 50 bis 100. Sie alle könnten untergebracht werden, betont auch Sozialamtsleiter Dieter Maly. "Aber es gibt Leute, die lieber auf der Straße leben." Leute, die nicht von Sozialpädagogen betüttelt und bequatscht werden wollen, die öffentliche Hilfen ablehnen. Sobald man in eine der städtischen Unterkünfte zieht, hat man auch wieder mit dem Sozialamt zu tun.