Literatur Da Schtruwlbeda und andere Bayern

"Da Schtruwlbeda af Bairisch" stammt aus der Feder des Regensburger Werbetexters Klaus Schwarzfischer.

(Foto: SüdOst Verlag)

Der Markt der Mundart-Bücher wächst, immer wieder werden Klassiker und Kinderbücher übersetzt. Besonders gut funktioniert das mit Comics. Mit Hörbüchern kurioserweise nicht.

Von Hans Kratzer

Genau vor 75 Jahren ist der weltweit geachtete Klassiker "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry erschienen, ein Buch, das in 180 Sprachen übersetzt wurde. Seit 2016 liegt es sogar in einer Fassung in bairischer Mundart vor, die sich allen Zweifeln zum Trotz allgemeiner Anerkennung erfreut (Da kloa Prinz, Allitera Verlag).

Der Münchner Autor Gerd Holzheimer hat das Werk sprachlich geschickt übertragen. Seine anfängliche Skepsis löste sich auf, wie er der SZ einmal verriet, als er sich beim Übersetzen an Luther orientierte, der die "Seele des Wortes in der Stimme" sah, und an Carl Orff, den Maestro der bairischen Sprachmelodie. Herausgekommen ist "eine mutige Interpretation, die, befreit von den Restriktionen des Dudens und mit einer gewissen Anarchie, zum einen der Klangschönheit und dem leisen Hintersinn der bairischen Sprache frönt", wie die SZ seinerzeit angemerkt hat.

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Nur der berühmteste Satz des Buchs ("man sieht nur mit dem Herzen gut") klingt bei Holzheimer etwas lätschert: "Ma siehgt ned gscheid, wenn's Herz ned dabei is. Des, worauf's okimmt, des seng d'Augn ned." Ungeachtet dessen bescherte das Buch dem Verlag einen Verkaufserfolg, der nicht zu erwarten war. Dem nachgeschobenen gleichnamigen Hörbuch, in dem die Klangschönheit der Übersetzung noch trefflicher zum Ausdruck kommt, blieb der Erfolg dagegen versagt. "Es wird nicht angenommen", teilte der Verlag mit.

Diese merkwürdige Ambivalenz prägt den Markt der Mundart-Bücher, der eher in der Nische blüht, ganz allgemein. Trotzdem wird er von den Verlagen und Autoren seit Jahrzehnten kräftig bedient.

Dafür gibt es viele Gründe und Motivationen. Der diesbezüglich erfahrene Autor Alfons Schweiggert vermutet, dass den Klassikern durch solche Übersetzungen ein neuer Pfiff und noch mehr Emotion verpasst werde. Sehr gut funktioniert die Dialektisierung in der Sparte Comics. Schon vor mehr als 20 Jahren wurde der erste Asterix-Band ins Bairische übersetzt ("Auf geht's zu de Gotn"), was sich als verlegerischer Glücksfall erwies. Laut Auskunft der Egmont Verlagsgesellschaften wurden von den bisher produzierten vier Asterix-auf-Boarisch-Bänden mehr als 200 000 Exemplare verkauft. Zur nächsten Wiesn soll ein Asterix auf Münchnerisch erscheinen. Asterix-Fans werden mittlerweile mit gut 30 Mundart-Versionen beglückt, sei es auf Hessisch, Sächsisch, Ostfriesisch oder Tirolerisch.

Auch den 1975 erschienenen Film "Asterix erobert Rom" gibt es in einer bairischen Fassung; der gestorbene Volksschauspieler Toni Berger gab damals dem Miraculix die Stimme. Ähnlich kurios wie dieser Streifen sind die Kommentare auf der Plattform Youtube. Der Begriff Dialekt wird hartnäckig durch Akzent ersetzt: "Endgeil mit diesem Akzent" oder: "Es gibt so tolle Akzente in Deutschland, die einem Film, den man schon 1000 Mal gesehen hat, neuen Schwung verleihen."

In seiner Muttersprache Bairisch kann Klaus Schwarzfischer, der den Struwwelpeter übersetzt hat, "Gefühle am besten ausdrücken."

(Foto: Verlag W. Ludwig)

Das neueste in Mundart übertragene Buch heißt "Da Schtruwlbeda af Bairisch" (SüdOst Verlag) und stammt aus der Feder des Regensburger Werbetexters Klaus Schwarzfischer. Dass den Struwelpeter schon im Original kaum noch jemand liest, das ficht Schwarzfischer nicht an. "Mit der Sprache, mit der ich aufgewachsen bin, kann ich Gefühle am besten ausdrücken." Er sagt, er trage die Geschichte mit Erfolg vor Publikum vor, etwa bei Poetry Slams, "geschrieben und gesprochen ist halt doch ein Unterschied." Zum besseren Verständnis bietet Schwarzfischer auf seiner Internetseite Anleitungen an (www.schwafi.com).

Zu nah an der Schriftsprache zu bleiben, wirkt gequält

Der Passauer Uni-Dozent Hans Göttler hat Wilhelm Buschs "Max & Moritz" ins Bairische übersetzt. Göttler trug den Text schon lange bei seinen Lesungen vor, "den Leuten hat's so gut gefallen, dass ich ihn ständig kopieren musste." Irgendwann wurde es ihm zu dumm, und er machte ein Buch mit Hör-CD daraus ("Und schupdiwup! Scho geht's dahi: / Ad Häh schwebts erschde Fedavieh . . ."). Alfons Schweiggert rät den Übersetzern, bei der Transkription nicht zu nah an der Schriftsprache hängen zu bleiben, "das wirkt steif und gequält." Erst die hinterkünftigen Veränderungen verliehen dem Stück neuen Reiz.

Der Regensburger Dialekt-Professor Ludwig Zehetner zeigt sich von dieser Literatursparte nicht sehr begeistert. "Ich gebe zu, ich bin kein Freund davon." Klassiker zu übersetzen, hält er für überflüssig, Märchen und Comics seien noch eher geeignet. Besser gefallen ihm eigenständische Mundart-Projekte wie "Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater", das demnächst den Dialektpreis Bayern erhält. Am besten gefällt Zehetner das Werk des oberpfälzischen Dichters Eugen Oker (1919-2006), dessen Mundartgedichte ("so wos schüins mou ma soucha") in ihrer Authentizität unerreicht seien. "Das war etwas Neues und Besonderes, dass Okers Bücher noch immer erscheinen, das spricht wahrlich für ihn."

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