Justizopfer "Der Dicke war's"

Heute lebt Stellwag schwer krank in der Nähe von Rom.

(Foto: Privat)

Mit diesem Bild aus einer Nürnberger Sparkasse wurde Donald Stellwag zu Unrecht zum Bankräuber erklärt. Er verbüßte die Haft in Straubing und lebt heute, unheilbar krank, in der Nähe von Rom.

Von Olaf Przybilla

Es gibt Details aus dem Leben von Donald Stellwag, für die müssten sich Drehbuchschreiber rechtfertigen: Also bitte, ist das nicht etwas dick aufgetragen? Stellwag ist Justizopfer, sechs Jahre saß er zu Unrecht in Haft, eines komplett absurden Gutachtens wegen. Aber als wäre das nicht schlimm genug, stößt man in seiner Geschichte auf ein Detail, das einen fassungslos zurücklässt.

Hätte Stellwag in den Neunzigerjahren nicht erheblich an Masse zugelegt, dann wäre ein Polizist - als er das Fahndungsfoto eines korpulenten Mannes in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" sah - wohl nie auf den Gedanken gekommen, dass der Bankräuber im TV der ihm bekannte Stellwag sein könnte. Und dann wäre es nie zu dem Prozess gekommen, bei dem ein Gutachter erklärte, der Mann, der auf dem Schwarzweiß-Foto aus der Bank zu sehen ist, sei eindeutig Stellwag. Das erkenne er am Ohr.

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Nun, der Mann war definitiv nicht Stellwag. Was allerdings erst herauskam, als er seine Zeit im Gefängnis weithin abgesessen und in der Zeit immer wieder erklärt hatte: Ich war es nicht! Woher man das so sicher weiß? Der tatsächliche Bankräuber erleichterte irgendwann sein Gewissen. Er gestand, die Sparkasse an der Nürnberger Scharrerstraße überfallen zu haben, und entschuldigte sich bei Stellwag. Dessen Fall schrieb Rechtsgeschichte, weil danach erstmals ein Gutachter zu einer Schadenersatzsumme in sechsstelliger Höhe verurteilt wurde.

Der Gutachter hatte es sich bei seiner grotesken Ohrläppchen-Analyse zu leicht gemacht, und die Folgen waren zu dramatisch, als dass die Justiz das hätte auf sich beruhen lassen können. Zurück zu dem Detail, das aus einer tragischen Lebensgeschichte eine fast schon biblisch anmutende macht: Dickleibig war Stellwag nicht etwa, weil es ihm zu gut schmeckte. Seine Korpulenz war eine Folge von Medikamenten, die er einnehmen musste, um den ersten Tumor in seinem Körper zu bekämpfen. Das heißt: ohne Tumor keine Verurteilung als Bankräuber.

Stellwag hat seine Geschichte nach der Haft oft erzählt, die Talkshows rissen sich förmlich darum. Vor Gustl Mollath dürfte der gebürtige Unterfranke, unehelicher Sohn eines US-Soldaten, das bekannteste Justizopfer der Republik gewesen sein. Bis er vor einigen Jahren komplett von der Bildfläche verschwand. Im Juni 2010 wurde Stellwag, der inzwischen im mittelfränkischen Städtchen Lauf an der Pegnitz in der Uhren- und Schmuckbranche tätig war, vorläufig festgenommen, aus gesundheitlichen Gründen aber sofort wieder freigelassen. Stellwag litt da bereits an Tumoren, brüchigen Knochen, Anfällen und Diabetes. Hätte sich ein Drehbuchschreiber den Grund für seine kurzzeitige Festnahme ausgedacht, an dieser Stelle hätte er spätestens Ärger bekommen: Sorry, das klingt jetzt aber wirklich zu abgedreht.

Die Staatsanwaltschaft verdächtigte Stellwag, maßgeblich an einem Raubüberfall beteiligt gewesen zu sein. Stellwag wurde also exakt jenes Straftatbestands bezichtigt, für den er schon einmal sechs Jahre in Haft gesessen war - damals zu Unrecht. Und als wäre das nicht außergewöhnlich genug, war der Goldraub vom 15. Dezember 2009 alles andere als ein 08/15-Fall. Der Überfall auf einen Transporter auf der A 81 darf als einer der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre gelten. Die beiden Fahrer des Sprinters wussten hernach glaubhaft zu versichern, sie hätten erst in dem Moment realisiert, Opfer eines Überfalls geworden zu sein, als sie gefesselt im Wald saßen. Bis dahin hätten sie alles getan, was die angeblichen Beamten von ihnen verlangten.

Mit diesem Bild aus einer Nürnberger Sparkasse wurde Donald Stellwag zu Unrecht zum Bankräuber erklärt.

(Foto: Action Press)

Der Transporter war auf der Autobahn von einem dunklen BMW überholt und zum Anhalten gezwungen worden. Man stoppte gemeinsam unter einer Autobahnbrücke. Dort wurde den Fahrern eröffnet, dies sei eine Aktion von Steuerfahndern, zur selben Zeit sei in der Firmenzentrale ihres Chefs in Bayern eine Razzia im Gange. Täuschend echte Uniformen trugen die vermeintlichen Beamten, auch ihr Wagen war stilecht gewählt, also ließen sich die beiden Gold-Fahrer Handschellen anlegen und abführen. Nur, dass sie in einem Wald bei Heilbronn ausgesetzt wurden, erschien ihnen nicht so ganz stilecht. Kein Wunder: Das waren keine Beamten.

Der Drehbuchschreiber im Leben des Donald Stellwag, so weit dürfte es jetzt klar sein, neigt nicht dazu, allzu dünn aufzutragen. Und also waren die Herren, die da gemeinsame Sache machten, nicht irgendwelche No-Name-Räuber. Unter ihnen war ein bekannter Gangster-Rapper. Und Stellwag? Er soll den Gangstern den entscheidenden Tipp gegeben haben. Angeblich soll der Uhren- und Schmuckhändler Stellwag gewusst haben, wann der Sprinter mit dem Gold von Bayern nach Baden-Württemberg aufbricht.