Historie Dieser Mittelfranke war der Rivale von Galileo Galilei

Das einzige Bildnis des Astronomen Simon Marius ist seinem Hauptwerk "Mundus Iovialis" entnommen.

(Foto: Wikimedia Commons)
  • Simon Marius (1573-1624) war einer der wichtigsten Sternenforscher seiner Zeit. Als erster Europäer beschrieb er den Nebel der Andromeda.
  • Jahrhundertelang glaubte man, er sei ein Plagiator. Dabei hatte er die Jupitermonde zur selben Zeit entdeckt wie Galilei, seine Beobachtungen allerdings erst einige Jahre später veröffentlicht.
  • Das Bild von Marius hat sich mittlerweile geändert. Die Astronomische Gesellschaft Nürnberg möchte dazu beitragen, ihn vollständig zu rehabilitieren.
Von Hans Kratzer, Nürnberg

Die Geschichte der Wissenschaften kennt strahlende Helden, aber auch viele Pechvögel und Verlierer. Zu denen, die von der Sonne des Ruhms nur spärlich beschienen werden, zählt der aus dem mittelfränkischen Gunzenhausen stammende Astronom Simon Marius (1573-1624). Das klingt zunächst verwunderlich, immerhin war Marius einer der wichtigsten Sternforscher seiner Zeit. Zum Beispiel hat er um dieselbe Zeit wie der große Galileo Galilei die vier Jupitermonde entdeckt. Überdies beschrieb er als erster Europäer den Andromedanebel.

Und doch stand Marius, der den Ansbacher Markgrafen seit 1606 als Hofmathematicus diente, stets im Schatten anderer Astronomen. Ihm widerfuhr nämlich eine dumme Geschichte, die seinen Ruf beschädigte. Zwar hatte er die Jupitermonde gleichzeitig mit Galilei gefunden, aber er veröffentlichte seine Ergebnisse erst einige Jahre nach diesem. Galilei bezichtigte ihn daraufhin des Plagiats, und die zeitgenössischen Astronomen haben dies überwiegend akzeptiert. Heute steht fest, dass Galilei dem Marius Unrecht tat und dieser völlig unabhängig von Galilei auf die Jupitermonde gestoßen war.

Postkarten aus dem Sonnensystem

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Marius' Beobachtungen waren teilweise sogar genauer als die des Galilei. Im Sommer 1609 hatte er sein erstes Fernrohr erhalten. Mit dessen Hilfe sah er winzige Sternchen bald hinter, bald vor dem Jupiter. "Simon Marius hat also auf dem gleichen Niveau wie ein Galileo Galilei gearbeitet", erklärt Pierre Leich, der Leiter der Arbeitsgemeinschaft "Simon Marius" der Nürnberger Astronomischen Gesellschaft.

Diese hat es sich zum Ziel gesetzt, den Namen des Astronomen und sein beeindruckendes Werk zu rehabilitieren. Für Leich besteht kein Zweifel, dass Marius' Hauptwerk "Mundus Iovialis", in dem er seine Beobachtung der "Pünktchen beim Jupiter" und ihre Bewegung beschrieb, von ebenso zentraler Bedeutung für die Entwicklung des heutigen Weltbildes war wie jenes von Galilei. Freilich, durch Galilei diskreditiert, wurde Marius fast drei Jahrhunderte lang als Plagiator gehandelt.

"Die Wissenschaftsgeschichte hat ihm deshalb nur geringe Aufmerksamkeit gewidmet", bedauert Pierre Leich. Da Marius bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts warten musste, bis die Unabhängigkeit und Qualität seiner teleskopischen Beobachtungen erwiesen waren, wurde auch sein Hauptwerk erst spät in andere Sprachen übersetzt. Außerdem waren viele seiner weiteren Schriften und Kalender bis vor Kurzem schwer zugänglich.

Die Wende in der Wahrnehmung des Simon Marius erfolgte im Jahr 2014, in dem das 400-jährige Bestehen seiner Hauptschrift gefeiert wurde. In jenem Jahr rief die Nürnberger Astronomische Gesellschaft ein "Simon-Marius-Jubiläumsjahr" aus, das von einer Reihe von Vorträgen und wissenschaftlichen Veranstaltungen flankiert wurde. Vor allem wurde im Internet ein Marius-Portal freigeschaltet, in dem das Leben und Schaffen des Astronomen in aller Breite präsentiert wird. Die Webseite stellt die umfangreichste und wichtigste Informationsquelle zu Marius dar.

Marius' Darstellung der Jupitermonde von 1612 (links) und eine Berechnung über die Bewegung der Jupitermonde.

(Foto: Staatsarchiv Nürnberg)

Eine späte, aber umso spektakulärere Rehabilitierung erfuhr Marius in jenem Jubiläumsjahr durch die Internationale Astronomische Union, die überraschend einen Kleinplaneten nach ihm benannte. Der im Planetoidengürtel zwischen Mars und Jupiter kreisende Asteroid "1980 SM", der vor 36 Jahren entdeckt wurde, wird jetzt offiziell "7984 Marius" genannt.

Den neuesten Forschungsstand über Marius enthält ein soeben erschienener Tagungsband, der die Ergebnisse eines wissenschaftlichen Symposiums im Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg zusammenfasst. Simon Marius - das wurde bei der Tagung deutlich - gehörte zweifellos zu den wenigen Astronomen, die unmittelbar nach der Vorstellung des ersten Teleskops damit den Sternenhimmel beobachteten. "Und er war sich bewusst, dass die neuen Befunde Auswirkungen auf die Frage nach dem richtigen Weltbild hatten", sagt Leich. Marius löste sich zwar vom alten ptolemäischen Modell (die Erde steht im Mittelpunkt des Weltalls), rang sich aber nicht zum Heliozentrismus durch und favorisierte das tychonische Weltsystem (Erde im Zentrum der Welt, die anderen Planeten bewegen sich um die Sonne).

Gerade die Darstellung der packenden Genese des modernen Weltbildes zeichnet den Sammelband aus und motiviert den Leser zu einer weitergehenden Beschäftigung mit Marius. Wie Leich in seinem Aufsatz nachweist, positionierte sich Marius bereits im Jahr 1596 gegen das ptolemäische Weltsystem und vertrat ein Modell, das ihm erst im Jahr darauf als tychonisches Weltmodell bekannt wurde.

Ein Mäzen verschaffte Marius sein erstes Fernrohr

Auf Basis des damaligen Wissensstandes, der noch keinen Beweis des Heliozentrismus erlaubte, war dieses System durchaus fortschrittlich. Es konnte nämlich sowohl die scheinbaren Planetenschleifen als auch die mit dem Fernrohr entdeckten Phänomene wie Jupitermonde, Venusphasen und veränderliche Größe der Planetenscheiben erklären, ohne in Widerspruch zur aristotelisch-ptolemäischen Naturphilosophie sowie zum gesunden Menschenverstand zu treten.

Positiv vermerkt sei auch, dass die ebenfalls in dem Band enthaltene Marius-Biografie von Hans Gaab mit zahlreichen Legenden aufräumt und die Person Marius damit glaubwürdiger und präziser als bisher darstellt. Aufschlussreich auch die Betrachtung von Wolfgang R. Dick zu Hans Philip Fuchs von Bimbach, dem Mäzen von Simon Marius, durch den dieser so früh in den Besitz eines Fernrohrs gelangte. Klaus Matthäus stellt Marius darüber hinaus als den Herausgeber jährlicher Kalender vor. Allerdings hat sich Marius von den gängigen Kalendern seiner Zeit abgehoben und für sich in Anspruch genommen, die neuesten mathematischen Berechnungsmethoden zu verwenden. Zumindest auf diesem Feld musste er sich nicht mit Plagiatsvorwürfen herumärgern.

Hans Gaab und Pierre Leich: Simon Marius und seine Forschung, Akademische Verlagsanstalt, Leipzig 2016, 481 Seiten, 34 Euro.

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