Pilotprojekt in Espoo Wenn der Postbote Schlaglöcher meldet

Symbolbild: Dieses Schlagloch befindet sich nicht in Finnland, sondern in Baden-Württemberg. Und der Smart ist kein Postauto, trotz der Farbe.

(Foto: dpa)
  • Im finnischen Espoo registrieren Postautos Schlaglöcher in der Fahrbahn und erkennen beschädigte Verkehrszeichen.
  • Per Sensoren und Videoaufnahmen von Smartphones sammeln sie Daten, die dann automatisch verarbeitet werden.
  • Die Technik soll nicht nur Geld einsparen, sondern langfristig auch Geld verdienen.
Von Jochen Bettzieche

Im finnischen Espoo sind die Postautos für mehr zuständig als nur für den Transport von Päckchen und Paketen. Sie registrieren auch Schlaglöcher in der Fahrbahn und erkennen beschädigte Verkehrszeichen. Die Wagen sollen helfen, die Infrastruktur der Stadt kostengünstig in Stand zu halten. Möglich machen das Sensoren und künstliche Intelligenz. Das Pilotprojekt ist eine Kooperation zwischen der Gemeinde, Posti, der finnischen Post, und Vaisala, einem Spezialisten für Messtechnik.

Espoo ist die zweitgrößte Stadt Finnlands, gleich westlich der Hauptstadt Helsinki gelegen. 30 Postautos sammeln dort im Rahmen des Projekts während ihrer Fahrten Daten. Zwar entwickelt Vaisala derzeit dafür spezielle Hardware. Noch genügen aber einfache Smartphones, die hinter der Windschutzscheibe befestigt werden. Smartphones seien nicht nur günstig, erklärt Olli Puuri, Mitarbeiter im Vertrieb bei Vaisala: "Sie haben auch unschlagbare Vorteile." So erlauben sie, Videoaufnahmen direkt per WLAN oder über das Mobilfunknetz zu übertragen. Und der Beschleunigungsmesser lasse Rückschlüsse über die Unebenheit der Straße zu.

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Computer erstellen aus den Aufnahmen dreidimensionale Punktwolken-Modelle. Algorithmen erkennen dann Objekte wie Autos, Menschen und Verkehrsschilder und ordnen diese entsprechenden Gruppen zu. Das System lernt dabei selbständig und vergleicht Informationen aus der Vergangenheit mit aktuellen Daten. So weiß es, wo sich welches Verkehrsschild befindet. Fehlt eines oder sieht es anders aus, weil es beschädigt ist, zeigt sich die Stärke der Maschine. "Ein Mensch könnte ein fehlendes Schild zwischen all den anderen Schildern übersehen, eine Maschine erkennt es automatisch", sagt Puuri. Bislang hätten die Postautos 45 000 Verkehrszeichen in Espoo entdeckt. Verändert sich eins, erhalten die zuständigen Behörden eine Nachricht. Gleiches gilt für Änderungen in der Fahrbahndecke, in der die Autos Schlaglöcher aufspüren.

Ziel sei es herauszufinden, ob der Computer Schadensmeldungen direkt an die Mitarbeiter des Bauamts schicken kann, damit diese den Schaden beheben, sagt Toni Korjus, Leiter der Instandhaltung in Espoo: "Es ist wichtig, die Schäden zu priorisieren, denn die künstliche Intelligenz kann selbst kleinste Schäden melden, und unser Ziel ist, die kritischen schnell zu identifizieren." Auch das ist ein Punkt, an dem der Computer noch lernen muss. Zwar melden die Postautos zuverlässig Daten. Aber die künstliche Intelligenz brauche noch Zeit, um all das zu lernen, was ihre Anwender benötigen, hat Korjus beobachtet: "Sie ist wie ein kleines Kind, aber die Zuverlässigkeit verbessert sich kontinuierlich."

In Finnland hoffen die Verantwortlichen nun, zügig voranzukommen. "Was Straßeninspektoren in den vergangenen Jahrhunderten manuell gemacht haben, kann jetzt schrittweise automatisiert werden", prognostiziert Puuri. Für die Gemeinde bringt das nicht nur den Vorteil besserer Straßen. Korjus erwartet, dass die Maschine die Arbeit von ein bis zwei Personen übernimmt: "Es ist an dieser Stelle des Pilotprojekts schwierig zu sagen, aber ich schätze, dass wir einen sechsstelligen Betrag pro Jahr sparen werden."

Defekte Verkehrsschilder und Schlaglöcher sind nur ein erster Schritt. "Wir brauchen noch Zeit um zu lernen, wie wir das Meiste aus den Daten herausholen", sagt Puuri. Und Gemeinden sind nicht die einzigen, die Interesse an solchen Daten haben. Posti verzeichne eine hohe Nachfrage, sagt Pasi Ilola, Vizepräsident für digitale Dienste: "Es gibt viel Interesse, da scheint es einen Markt zu geben, der aber noch jung ist." Langfristig will die finnische Post an den Datensammlungen verdienen. Gegenüber anderen Unternehmen und Organisationen sieht Ilola einen klaren Vorteil: "Wir besuchen jeden Ort jeden Tag."

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Er nennt eine weitere Anwendung: Die Fahrzeuge sind zusätzlich mit Temperatursensoren ausgestattet. Die erkennen, wenn auf der Straße bereits Minustemperaturen herrschen und sich Glatteis bilden kann, obwohl die Lufttemperatur noch über null Grad beträgt. "Versicherungskonzerne können ihre Kunden dann warnen", erklärt Ilola. Gerade in Finnland seien vereiste Fahrbahnen ein großes Problem. Auch Schnee auf den Straßen können die Autos melden. Die Gemeinde kann dann gezielt einen Schneepflug schicken.

Vorreiter sind vor allem große Städte. Turku, Tampere und Oulu sind laut Ilola die nächsten, in denen Postautos Daten sammeln sollen. Bei Vaisala denken die Verantwortlichen bereits über weitere Daten nach, die von den Algorithmen erkannt werden, darunter die Vegetation am Straßenrand und der Verkehrsfluss. Zudem eignen sich für manche Anforderungen auch Fahrzeugflotten, die nicht in jede Straße kommen, wie beispielsweise die Busse des öffentlichen Personennahverkehrs. Auch Eisenbahngesellschaften sind bereits bei Vaisala vorstellig geworden. Sie überwachen mit Video-Daten ihr Streckennetz. Laut Puuri ist das eine große Herausforderung: "Verglichen mit Straßen ist es viel schwieriger, von Bahngleisen Daten zu sammeln."

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