Namibia "Lieber drei kaputte Reifen als einen Überschlag"

Weil Touristen die Schotterpisten nicht gewohnt sind, zählen Statistiker auf den Straßen Namibias viele Verkehrstote.

(Foto: Prantl)

Namibia erkunden Touristen am liebsten per Geländewagen. Doch Autofahrer leben in dem afrikanischen Land gefährlich. Ein deutscher Farmer bietet deshalb Sicherheitstrainings an.

Von Dominik Prantl

Der dicke Toyota Hilux scheint nach Luft zu schnappen, macht einen kleinen Stotterer; und Uwe Schulze-Neuhoff weiß natürlich sofort, was dem Wagen seines Gasts fehlt. "Da wirst du langsam den Allradantrieb brauchen." Ein kurzer Stopp, ein kleiner Handgriff, dann geht es hochtourig weiter durch das sandige, weil ausgetrocknete Flussbett, gen Westen. Auf dem Beifahrersitz schaut Schulze-Neuhoff zufrieden drein. Er will jetzt nicht stecken bleiben. Schließlich ist dies hier sein Revier.

Am Rande der Wüste Namib, nicht weit von den berühmten roten Dünen Namibias entfernt, bietet der aus Nordrhein-Westfalen immigrierte Farmer zwischen vielen Steinen und vereinzelten Akazien ein ADAC-zertifiziertes Sicherheitstraining an, ob für den normalen namibischen Straßenverkehr oder im Gelände. Angestellte der deutschen Botschaft in Namibia haben hier schon ihren Fahrstil verfeinert, ebenso Delegierte der EU und Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Denn wenn es etwas gibt, wovor Reisende in Namibia wirklich gewarnt werden müssen, dann sind das weniger Kleinganoven in der ausgesprochen übersichtlichen Hauptstadt Windhoek und noch weniger gelegentlich Amok laufende Elefanten oder bissige Schwarze Mambas. Am meisten Angst muss einem das Autofahren bereiten.

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Laut dem Crash Report des Motor Vehicle Accident Fund of Namibia (MVA) hat sich die Zahl der Verkehrstoten in Namibia im Laufe der Jahre kontinuierlich erhöht und lag 2016 bei 731. Bei den nur etwa 2,3 Millionen Einwohnern, die sich auf Namibias gewaltig großes Staatsgebiet verteilen, entspricht das mehr als 30 Verkehrstoten pro 100 000 Einwohnern. Zum Vergleich: In Deutschland sind es vier. Bei den tödlich Verunglückten pro 100 000 Kraftfahrzeugen liegt das Verhältnis sogar bei 197 zu sechs.

Außerdem kann nahezu jeder Autovermieter wahre Horrorgeschichten von ausländischen Kunden erzählen, deren Urlaub noch am Ankunftstag im Krankenhaus endete. Entsprechend teuer sind die Autoversicherungen in dem afrikanischen Land, wobei der Vermieter Asco Car Hire die Versicherungsprämie für jene deutlich reduziert, die bei Schulze-Neuhoff das Fahrsicherheitstraining für umgerechnet rund 75 Euro absolvieren. Und nicht umsonst wünschen einem die Namibier eine sichere Reise mit den Worten "Gute Pad". Gute Straße.

"So ein 4x4-Fahrzeug fällt einfach schneller um"

Genau dort beginnt dann auch das Problem. Zwar ist man häufig ganz allein auf weiter Flur unterwegs, doch besteht der Straßenbelag über weite Strecken aus Schotter und Sand, ein gerade in Kurvenfahrten extrem rutschiger Untergrund. Noch dazu ist für die immer häufiger selbst fahrenden Touristen ein mehrere Tonnen schwerer Geländewagen ein eher ungewohntes Vehikel - dessen Schwerpunkt und Fahrverhalten meist noch durch ein Dachzelt verändert wird. Schulze-Neuhoff spricht dann auch von einem anderen Unfallmuster als in Europa: "So ein 4x4-Fahrzeug fällt einfach schneller um als ein normaler Pkw. Vor allem nach einer schnellen Lenkbewegung."

Wer das nicht glaubt, kann auf den hinteren Seiten des namibischen Crash Report nachlesen, dass fast ein Drittel der exakt 4134 dokumentierten Unfälle durch Überschläge zustande kam. Schulze-Neuhoffs Frau Kathrin musste - kurz nachdem das Ehepaar 2001 die Farm Ababis übernommen hatte - selbst die Erfahrung einer solchen unfreiwilligen Rolle im Wagen machen. "Das war auch der Grund, weshalb wir das ADAC-Fahrtraining in Deutschland überhaupt gemacht haben."

Und auch wenn ein Überschlag in vielen Fällen erstaunlicherweise ohne schwere Verletzungen endet, zieht solch ein Malheur gerade für Touristen häufig Ärger nach sich. Denn in den Versicherungsbedingungen von Autovermietern steht gerne sinngemäß der Hinweis, dass bei Fahrlässigkeit der Schaden vom Mieter zu zahlen ist. Versicherungsbedingungen werden von manchen bis ins kleinste Detail gelesen und von anderen wiederum überhaupt nicht, was bei einem Überschlag auch nicht mehr viel bringt. Dann wird gerne unangepasste Fahrweise vorausgesetzt, was man als engen Verwandten der Fahrlässigkeit sehen darf.