Süddeutsche Zeitung

Namibia:"Lieber drei kaputte Reifen als einen Überschlag"

Lesezeit: 5 min

Namibia erkunden Touristen am liebsten per Geländewagen. Doch Autofahrer leben in dem afrikanischen Land gefährlich. Ein deutscher Farmer bietet deshalb Sicherheitstrainings an.

Von Dominik Prantl

Der dicke Toyota Hilux scheint nach Luft zu schnappen, macht einen kleinen Stotterer; und Uwe Schulze-Neuhoff weiß natürlich sofort, was dem Wagen seines Gasts fehlt. "Da wirst du langsam den Allradantrieb brauchen." Ein kurzer Stopp, ein kleiner Handgriff, dann geht es hochtourig weiter durch das sandige, weil ausgetrocknete Flussbett, gen Westen. Auf dem Beifahrersitz schaut Schulze-Neuhoff zufrieden drein. Er will jetzt nicht stecken bleiben. Schließlich ist dies hier sein Revier.

Am Rande der Wüste Namib, nicht weit von den berühmten roten Dünen Namibias entfernt, bietet der aus Nordrhein-Westfalen immigrierte Farmer zwischen vielen Steinen und vereinzelten Akazien ein ADAC-zertifiziertes Sicherheitstraining an, ob für den normalen namibischen Straßenverkehr oder im Gelände. Angestellte der deutschen Botschaft in Namibia haben hier schon ihren Fahrstil verfeinert, ebenso Delegierte der EU und Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Denn wenn es etwas gibt, wovor Reisende in Namibia wirklich gewarnt werden müssen, dann sind das weniger Kleinganoven in der ausgesprochen übersichtlichen Hauptstadt Windhoek und noch weniger gelegentlich Amok laufende Elefanten oder bissige Schwarze Mambas. Am meisten Angst muss einem das Autofahren bereiten.

Laut dem Crash Report des Motor Vehicle Accident Fund of Namibia (MVA) hat sich die Zahl der Verkehrstoten in Namibia im Laufe der Jahre kontinuierlich erhöht und lag 2016 bei 731. Bei den nur etwa 2,3 Millionen Einwohnern, die sich auf Namibias gewaltig großes Staatsgebiet verteilen, entspricht das mehr als 30 Verkehrstoten pro 100 000 Einwohnern. Zum Vergleich: In Deutschland sind es vier. Bei den tödlich Verunglückten pro 100 000 Kraftfahrzeugen liegt das Verhältnis sogar bei 197 zu sechs.

Außerdem kann nahezu jeder Autovermieter wahre Horrorgeschichten von ausländischen Kunden erzählen, deren Urlaub noch am Ankunftstag im Krankenhaus endete. Entsprechend teuer sind die Autoversicherungen in dem afrikanischen Land, wobei der Vermieter Asco Car Hire die Versicherungsprämie für jene deutlich reduziert, die bei Schulze-Neuhoff das Fahrsicherheitstraining für umgerechnet rund 75 Euro absolvieren. Und nicht umsonst wünschen einem die Namibier eine sichere Reise mit den Worten "Gute Pad". Gute Straße.

"So ein 4x4-Fahrzeug fällt einfach schneller um"

Genau dort beginnt dann auch das Problem. Zwar ist man häufig ganz allein auf weiter Flur unterwegs, doch besteht der Straßenbelag über weite Strecken aus Schotter und Sand, ein gerade in Kurvenfahrten extrem rutschiger Untergrund. Noch dazu ist für die immer häufiger selbst fahrenden Touristen ein mehrere Tonnen schwerer Geländewagen ein eher ungewohntes Vehikel - dessen Schwerpunkt und Fahrverhalten meist noch durch ein Dachzelt verändert wird. Schulze-Neuhoff spricht dann auch von einem anderen Unfallmuster als in Europa: "So ein 4x4-Fahrzeug fällt einfach schneller um als ein normaler Pkw. Vor allem nach einer schnellen Lenkbewegung."

Wer das nicht glaubt, kann auf den hinteren Seiten des namibischen Crash Report nachlesen, dass fast ein Drittel der exakt 4134 dokumentierten Unfälle durch Überschläge zustande kam. Schulze-Neuhoffs Frau Kathrin musste - kurz nachdem das Ehepaar 2001 die Farm Ababis übernommen hatte - selbst die Erfahrung einer solchen unfreiwilligen Rolle im Wagen machen. "Das war auch der Grund, weshalb wir das ADAC-Fahrtraining in Deutschland überhaupt gemacht haben."

Und auch wenn ein Überschlag in vielen Fällen erstaunlicherweise ohne schwere Verletzungen endet, zieht solch ein Malheur gerade für Touristen häufig Ärger nach sich. Denn in den Versicherungsbedingungen von Autovermietern steht gerne sinngemäß der Hinweis, dass bei Fahrlässigkeit der Schaden vom Mieter zu zahlen ist. Versicherungsbedingungen werden von manchen bis ins kleinste Detail gelesen und von anderen wiederum überhaupt nicht, was bei einem Überschlag auch nicht mehr viel bringt. Dann wird gerne unangepasste Fahrweise vorausgesetzt, was man als engen Verwandten der Fahrlässigkeit sehen darf.

Ein Training, das Geduld und Langsamkeit lehrt

Schulze-Neuhoff steht jetzt in dem kleinen Vortragsraum seiner liebevoll eingerichteten Farm zwischen viel dunklem Holz und redet davon, wie sich der Überschlag vermeiden lässt. Das ist im Prinzip auch gar nicht so schwer. Er kommt ja anders als ein Frontalzusammenstoß eher selten durch Fremdverschuldung zustande oder gar aus heiterem Himmel, sondern ist die Folge eines Traktionsverlusts. Der wird neben Straßenbeschaffenheit, Fahrzeugschwerpunkt und Feinheiten wie Lenkbewegung und Reifenprofil wiederum vor allem vom Tempo beeinflusst. Es hat auch einen Grund, warum namibische Autovermieter ihre Wagen mit einem nervigen Piepston ausstatten, sobald ein bestimmter Stundenkilometer-Wert auf Schotterstraßen überschritten wird. Die wohl wichtigste Regel von Schulze-Neuhoff setzt genau dort an: "Fuß vom Gas. Und nicht über 80 Kilometer pro Stunde fahren."

Damit gibt er den Grundton seines eigentlichen Fahrsicherheitstrainings vor. Das soll trotz aller praktischen Tests mit dem eigenen Wagen primär eher ein Erlernen von Geduld und Langsamkeit sein als eine wilde Kurbelei in der Ausweichmanöver-Tradition des Elchtests. Die radikale Temporeduktion hilft schließlich auch bei anderen Verkehrseigenheiten des Landes wie dem plötzlichen Wildwechsel von durchaus kräftigen Oryxantilopen oder einem hinter der Kuppe dahinzuckelnden Eselskarren. "Anders als die Autos produzieren die auch keine Staubwolken und sind daher auch nicht schon von Weitem zu sehen", meint Schulze-Neuhoff.

Ihm geht es allgemein mehr um das Sensibilisieren für die Eigenheiten von Namibias Straßen und das Entwickeln eines Gefühls für das Auto als um das Pauken von technischen oder mathematischen Details, die man nur wenige Kilometer später womöglich schon wieder vergessen hat. Ein wichtiger Punkt seines Theorieteils ist neben nur vermeintlichen Banalitäten wie der richtigen Sitzposition aber schon auch die Berechnung des Bremswegs. "Doppelte Geschwindigkeit heißt doppelte Strecke, bis es zur Reaktion kommt - und dann vierfacher Bremsweg."

Das heißt nicht, dass für weite Bremswege auf seiner Farm nicht genug Platz wäre. Sie ist in etwa so groß wie das Münchner Stadtgebiet und ein sehr trockenes Stück Land. Im Schnitt regnet es nur 100 bis 150 Millimeter im Jahr, von den einst mehr als 300 Rindern sind weniger als 30 übrig. Die Gäste sind vielleicht nicht unbedingt genügsamer, aber rentabler als die Viehwirtschaft.

Namibia kann noch ein echtes Abenteuer sein

Ihnen bietet sich außerdem neben allerlei Wild und Wildnis auf der Farm auch das perfekte Terrain, um im zweiten Kurs, dem Offroad-Training, über den Schotterstraßenrand hinauszublicken. Dort ziehen sich die nur während der Regensaison Wasser führenden Flussläufe, Rivieren genannt, durchs Land; bestes Gelände, um das Fahren im Sand ausgiebig zu üben. So bieten die vielen Hügel haarsträubende Steilauffahrten, die "Bergwertung", wie Schulz-Neuhoff die Disziplin nennt. Und immer mal wieder schwingt unterschwellig der Hinweis mit, dass Namibia noch ein echtes Abenteuer sein kann, mit allen Vor- und Nachteilen. "Hilfe ist oft weit."

Nutzt Schulze-Neuhoff einmal nicht die natürliche Geografie seines Anwesens, schickt er seine Schüler einfach in einen eigens angelegten Parcours, über steile Sandhügel, durch tiefe Schlaglöcher. Er sagt dann Sätze wie: "Gerade stand der hintere Reifen richtig weit in der Luft." Oder: "Was man mit dem Wagen machen kann, ist unglaublich." Oder auch: "Frauen sind die besseren Schüler. Die sind langsamer, vorsichtiger." Natürlich bekommt jeder bei Bedarf neben geschlechtsspezifischen Eigenheiten auch Technikdetails erklärt. Differentialsperre. Wagenheber. Seilwinde. "Das sind dann vor allem Leute, die für mehrere Wochen auf große Tour fahren."

Und wer sich schließlich endgültig auf die Piste begibt, auf große oder nur kleine Tour, dem bleibt womöglich ein großer Vorteil Namibias in Erinnerung: "Es gibt rechts und links von der Straße meistens genügend Platz." Statt den Wagen mit aller Gewalt auf der Straße zu halten versuchen, sollte man ihn notfalls in den Graben setzen, meint Schulze-Neuhoff. "Lieber habe ich drei kaputte Reifen, als nach einem Überschlag auf dem Dach zu liegen."

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Quelle:
SZ vom 12.05.2018/harl
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