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Virtual Reality:Ein kleiner Elefant erscheint, trötet niedlich und fliegt davon

Denn der Grad der Immersion, des Gefühls, wirklich in einer anderen Welt zu sein, ist bereits enorm. Neue VR-Systeme werden weitere Sinne stimulieren, insbesondere den Tastsinn. Mit speziellen Laufbändern zum Beispiel wird man Gamern mehr Mobilität geben. Irgendwann könnten Kontaktlinsen die klobigen VR-Brillen ersetzen; stark vereinfachte Prototypen werden bereits an Kaninchen auf ihre Verträglichkeit getestet. Die Rechnergeschwindigkeit wird so steigen, dass in 15 Jahren VR-Simulationen den sogenannten grafischen Turing-Test bestehen könnten. Man wird nicht mehr unterscheiden können, welche Bereiche einer VR-Umgebung auf realen Aufnahmen beruhen und welche simuliert sind - so wie es heute schon im Kino der Fall ist.

Fast noch beeindruckender könnte es werden, wenn Unternehmen wie Magic Leap in Fort Lauderdale, Florida, ihr Versprechen einer Mixed Reality wahrmachen. Es arbeitet an semitransparenten, leichten Brillen, die einen klaren Blick auf die normale Umgebung erlauben, dann aber virtuelle Objekte und Avatare einspiegeln können.

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Weniger Zombies als bei den Vorgängern - dafür Ich-Perspektive und virtuelle Realität. Unser Autor ist nach ein paar Minuten schweißgebadet.   Von Caspar von Au

Wie das einmal aussehen soll, zeigen surreale Videos auf der Webseite der Firma: Da sitzen Schüler am Rande einer Turnhalle, plötzlich bricht ein riesiger Blauwal aus dem Boden, springt in die Luft und fällt unter Getöse und Wassergespritze zurück. Zwei Kinderhände öffnen sich, ein kleiner Elefant erscheint, streckt den Rüssel, trötet niedlich und fliegt davon. Humanoide Roboter fallen von der Decke, der Spieler eröffnet das Feuer im eigenen Wohnzimmer. Bislang haben nur ausgewählte Tech-Journalisten und Investoren die Prototypen der Magic-Leap-Brille testen können. Doch offenbar haben sie überzeugt. Das 2010 gegründete Start-up hat bereits 1,4 Milliarden Dollar Kapital von Firmen wie Google und dem chinesischen IT-Giganten Alibaba eingesammelt.

Spätesten wenn Aliens auf dem Sofa sitzen, wird die Menschheit ein neues Stadium erreicht haben in jenem Prozess, der vor gut 30 000 Jahren begann, als Steinzeitkünstler etwa in der Höhle von Lascaux die ersten Stiere und Auerochsen mit Ocker malten: Die Wirklichkeit erneut gewaltig zu erweitern.

Die Realität endet nicht an der Oberfläche eines Bildschirms

Das ist eine zentrale Einsicht. Es ist ein Fehler, nur materielle Dinge mit Masse und räumlicher Ausdehnung, also das Körperliche, für wirklich zu halten; die Realität endet nicht an der Oberfläche eines Bildschirms. "Menschen haben häufig den falschen Eindruck, dass alles, was in einem Computer passiert, nicht wirklich ist", sagt der Philosoph Tobias Holischka von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlich hat: "CyberPlaces" (Transcript Verlag). "Man sollte vielmehr alles als wirklich verstehen, was eine Wirkung hat." Und eine Wirkung hat eben auch das Virtuelle, selbst das Bild eines Stieres auf der Höhlenwand oder ein Avatar im Computerspiel, der andere Teilnehmer beleidigt. Es kann ein zu Recht justiziabler Akt sein.

Heute muss man den Status von Objekten und Handlungen genauer bestimmen. Ein virtueller Apfel ist in der Tat nur ein Modell - so wie einer aus Gips. Man kann ihn ansehen, aber nicht essen. Anders ist es etwa beim Geld oder Aktenordnern: Es ist egal, ob man mit Scheinen zahlt, oder virtuell eine Online-Überweisung macht, die Funktionalität bleibt gleich. Auch symbolische Folder auf der Cloud können fast alle Funktionen von Aktenordnern erfüllen; zugleich kann man von überall auf sie zugreifen. Philosoph Holischka spricht von einer nur vermeintlichen"Entortung der Welt". Zwar verliert der geografische Ort an Bedeutung, zugleich entstehen immer mehr virtuelle Orte. Virtuelle und reale Welt verschränken sich, Aktionen in der einen Sphäre wirken sich auf die andere aus. Neue Chancen und Risiken eröffnen sich.