SZ-Klimakolumne:Das Auto mal stehen lassen

SZ-Klimakolumne: "Wenn es ein Sonntag ist, werde ich mit meinem Rennrad über die gesperrte Autobahn fahren": Das sagt ausgerechnet Markus Duesmann, der Audi-Chef!

"Wenn es ein Sonntag ist, werde ich mit meinem Rennrad über die gesperrte Autobahn fahren": Das sagt ausgerechnet Markus Duesmann, der Audi-Chef!

(Foto: Sepp Spiegl /imago)

Der Audi-Chef spricht sich für autofreie Tage aus, und das EU-Parlament verbietet den Verkauf von Verbrennern ab 2035. Das Lieblings-Fortbewegungsmittel der Deutschen steht wieder im Fokus - und das ist gut so.

Von Vivien Timmler

Heute Morgen habe ich einen Fehler gemacht. Ich könnte jetzt nach Ausreden suchen, Ihnen sagen, dass ich spät dran war, die Bahn so unzuverlässig ist, ich einen wichtigen Termin hatte. Ich kann es aber auch lassen und zugeben: Ich war einfach bequem. Ich bin mit dem Auto zur Arbeit gefahren.

Viele von Ihnen werden nun wahrscheinlich denken: Ist doch kein Problem, kann man doch mal machen. Der Punkt ist: Immer, wenn ich es tue, merke ich: Das "mal" ist das Problem. Mit "mal" ist es nämlich immer noch bei viel zu vielen Menschen nicht getan. Zumindest drängt sich der Eindruck auf, wenn ich mir den Münchner Mittleren Ring um sieben Uhr morgens ansehe.

Deshalb ist es für mich die Nachricht der Woche, dass das nun sogar ein deutscher Autoboss so sieht, oder zumindest so ähnlich. Er sagt zwar nicht direkt, dass die Straßen der Republik zu voll sind und wir dem Klima zuliebe langsam alle auf Bahn und Rad umsteigen sollen. Das wäre vielleicht auch etwas viel verlangt. Aber, er plädiert immerhin für autofreie Tage. "Wenn es ein Sonntag ist, werde ich mit meinem Rennrad über die gesperrte Autobahn fahren", sagte er noch. Markus Duesmann, der Audi-Chef!

Ich finde das einigermaßen verrückt. Zwar argumentiert Duesmann nicht mit dem Klima, sondern im Sinne des Sparens in Zeiten hoher Energiepreise. Aber mittlerweile hat sich meine Sichtweise auf wirksame Klima-Maßnahmen ohnehin ein wenig geändert. Früher kam ich aus der klassischen gesinnungsethischen Ecke: Ich fand, wir dürften ausschließlich jene Maßnahmen ergreifen, von denen wir überzeugt sind, beziehungsweise bei denen sich seriös begründen lässt, dass wir mit ihnen die Klimaziele erreichen. Mittlerweile bin ich zumindest ein Stück weit zur Verantwortungsethikerin geworden. Soll doch ruhig eine andere Motivation hinter den Maßnahmen stehen (in dem Fall das Sparen): Solange sie auf das Ziel einzahlen und etwas für das Klima bewirken, warum nicht.

Der Druck ist nötig

Was hingegen klar aufs Klima-Ziel einzahlt ist der Schritt, auf den sich die Verhandler des Europaparlaments und des Ministerrats heute Nacht geeinigt haben. Ab 2035 werden EU-weit keine Verbrenner mehr verkauft. Okay, solche mit E-Fuels vielleicht noch, auch wenn das außer der FDP und Porsche-Fahrern so ziemlich niemand für wirklich sinnvoll hält. Trotzdem: Für das Klima ist das neue Gesetz eine gute Nachricht. Es erzwingt die Treibhausgas-Einsparungen regelrecht.

Dass Lobbygruppen wie der VDA, der Verband der Automobilindustrie, das nicht gut finden und den Beschluss kritisieren, war klar. Das Argument, auf das sich der Verband stützt, ist jedoch entlarvend. Es sei fahrlässig, "Ziele für die Zeit nach 2030 festzulegen, ohne entsprechende Anpassungen aufgrund aktueller Entwicklungen vornehmen zu können." Denn der Punkt ist ja: Genau die Entwicklungen, die VDA-Chefin Hildegard Müller meint, den Ausbau der Ladeinfrastruktur und der Erneuerbaren Energien, wird die EU-Einigung anschieben, forcieren, alternativlos machen. Industrie und Verbraucher brauchen klare Ansagen genauso wie die Politik, die nun die Weichen noch entschiedener stellen muss. Mit der Entscheidung aus der Nacht haben sie Planungssicherheit und können die Augen nicht mehr davor verschließen, dass die Zukunft elektrisch ist. Oder wie es mein Kollege Jan Schmidbauer ausdrückt: "Der Verbrenner ist so gut wie nie. Aber die Zeit sprach noch nie so sehr gegen ihn."

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende - lassen Sie doch mal das Auto stehen.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

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