Umweltkatastrophe in Spanien:Todeszone Mar Menor

Tote Fische im spanischen Mar Menor

15 Tonnen verendete Tiere wurden in den vergangenen Wochen an die Ufer der Lagune gespült.

(Foto: Edu Botella/dpa)

Warum in Europas größter Salzwasserlagune Hunderttausende Fische, Seepferdchen und Muscheln sterben - und was das mit den Tomaten in deutschen Supermärkten zu tun hat.

Von Karin Janker

Die Seepferdchen waren einst die stillen Stars in Europas größter Salzwasserlagune, dem Mar Menor im Süden Spaniens. Viele ältere Spanier erzählen heute davon, wie sie als Kinder im Sommerurlaub im seichten Wasser der Lagune tauchten und darauf warteten, dass ein Seepferdchen seinen Schwanz um ihren Finger wickelte. Das kristallklare Wasser, der besondere Salzgehalt, etwas höher als der des Mittelmeers, von dem die Lagune nur eine schmale Landzunge trennt: Die Lebensbedingungen waren ideal für diese kleinen Fische mit ihren niedlichen Schnauzen.

Bald könnten die Seepferdchen im Mar Menor allerdings vollständig ausgerottet sein. 99 Prozent der Population des Langschnäuzigen Seepferdchens, Hippocampus guttulatus, habe die Lagune in den vergangenen acht Jahren verloren, warnt der Verein Asociación Hippocampus. Auf 200 000 Exemplare kam eine Schätzung im Jahr 2012 noch, im Dezember 2020 waren es dann nur noch 1350 Tiere, die laut Hochrechnung in der Lagune mit ihren rund 170 Quadratkilometern Fläche leben. Und das war noch vor dem massiven Fischsterben, das in diesem Sommer das Mar Menor laut Umweltschützern zu einer "Todeszone" gemacht hat.

Dead fish on the shores of Murcia's Mar Menor

Die toten Fische treiben Richtung Strand.

(Foto: EVA MANEZ LOPEZ/REUTERS)

15 Tonnen Fische, Krustentiere und Algen sind in den vergangenen Wochen in der Salzwasserlagune verendet. Hunderttausende Seepferdchen, kleine Fische, Muscheln und Krebse sind im Wasser der Lagune erstickt und wurden an die Ufer gespült. Schuld daran ist nach Einschätzung von Meeresbiologen der Mensch: Politisches Versagen im Zusammenspiel mit einer skrupellosen Agrarproduktion in der Region Murcia hätten zum Kollaps der einstigen Naturschönheit geführt.

Seit 2016 warnen Umweltschützer vor der "grünen Brühe"

Das Sterben im Mar Menor begann damit, dass die Wassertemperatur wegen der jüngsten Hitzewelle im August auf mehr als 30 Grad stieg. Doch die Hitze wirkte nur als Beschleuniger für Prozesse, die den Sauerstoffgehalt im Wasser rapide sinken ließen. Es war eine Katastrophe mit Ansage. Seit Jahren warnen nicht nur die Seepferdchenschützer davor, dass das Salzwasserbiotop vor dem Kollaps steht. Julia Martínez, Biologin und Direktorin der Wasserschutz-Stiftung FNCA, erstellte schon im Jahr 2019 einen Bericht, der einerseits auf den einzigartigen Wert des Ökosystems hinweist und andererseits auf die vielfältigen Bedrohungen, die in absehbarer Zeit zu seiner Zerstörung führen werden, wenn die Politik nicht schnell handelt.

Doch gehandelt wurde nicht, stellt Martínez heute bitter fest. Der entscheidende Faktor, so die Biologin aus Murcia, sei die intensive Landwirtschaft in der Region. Murcia und insbesondere die Gegend um die Küstenstadt Cartagena tragen den Beinamen "Garten Europas", weil dort große Teile jener Tomaten, Gurken und Zitrusfrüchte angebaut werden, die später auch in deutschen Supermärkten landen. Wobei "Garten" eine maßlose Beschönigung dafür ist, dass dort auf nacktem Wüstenboden unter massivem Einsatz von Bewässerung und Düngemittel Gemüse und Obst gezogen wird.

Eben jene Düngemittel erweisen sich als fatal für das Leben in der Lagune: Besonders bei Starkregen werden sie aus dem Boden ausgewaschen, so gelangen Unmengen an Stickstoff und Phosphor in das empfindliche Ökosystem. Angeregt durch die übermäßige Nährstoffversorgung beginnen sich im Wasser Algen massenhaft zu vermehren, irgendwann sind sie so dicht, dass nicht mehr genug Sonnenlicht durchdringt, sie sterben ab. Es entsteht eine grüne Brühe. Schon 2016 warnte die Umweltorganisation WWF, dass die grüne Farbe ein Alarmzeichen ist. Sind die Algen erst einmal abgestorben, verschlimmert sich der Prozess: Zersetzen Bakterien ihre Reste, verbrauchen sie Sauerstoff. Im schlimmsten Fall nimmt der Sauerstoffgehalt so stark ab, dass Fische und Krustentiere immer weiter Richtung Ufer flüchten und dort schließlich verenden.

Das Mar Menor wurde mehrfach unter Schutz gestellt, Folgen hatte das kaum

Wie Daten aus der Region Murcia zeigen, liegen als Folge der Überdüngung die Nitratwerte im Grundwasser und im Boden dort um ein Vielfaches höher als der Grenzwert, den die EU vorgibt. "Auf dem nackten Boden hält nichts das mit Nährstoffen vollgepumpte Wasser zurück", erklärt Biologin Julia Martínez. Sie kritisiert, dass zusätzlich zur erlaubten intensiven Bewirtschaftung noch weite Flächen hinzukämen, die ohne Genehmigung von der Agrarindustrie genutzt würden. "Die Politik schaute hier jahrzehntelang zu, wie Gesetze missachtet werden", so Martínez. Auflagen für die Landwirtschaft lägen eigentlich im Verantwortungsbereich der konservativen Regionalregierung von Murcia. Doch die macht für das aktuelle Fischsterben die Hitzewelle verantwortlich und die linke Zentralregierung in Madrid.

Umweltkatastrophe in Spanien: Ein Protestzeichen gegen die Verschmutzung des Mar Menor

Ein Protestzeichen gegen die Verschmutzung des Mar Menor

(Foto: JOSE MIGUEL FERNANDEZ/AFP)

Dabei scheint man sich inner- und außerhalb Spaniens einig darüber zu sein, dass das Mar Menor besonderen Schutz verdient. An die zehn Schutz-Titel trägt die Lagune: Sie ist unter anderem Vogelschutzgebiet und Besonderes Schutzgebiet von mediterraner Bedeutung der Vereinten Nationen, untersteht den Richtlinien der Ramsar-Konvention für Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung und dem besonderen Schutz der spanischen Regierung. So viel Schutz - und so wenig Folgen. 1987 gab es sogar ein eigenes Gesetz zum Schutz des Mar Menor, 2001 kassierte die konservative Volkspartei das Gesetz jedoch. Seither, so nehmen es die Umweltschutzverbände wahr, haben die Agrarkonzerne freie Hand. Dass vor einem Jahr ein neues Gesetz zum Schutz der Lagune verabschiedet wurde, konnte die voranschreitende Zerstörung nicht mehr bremsen.

Umweltschützer wollten die Lagune umarmen - dabei ist gerade die Nähe des Menschen fatal

Wenngleich die Landwirtschaft den massivsten Schaden in der Lagune anrichtet, so tragen auch andere Faktoren zu ihrer Zerstörung bei. Auch sie sind menschengemacht. Biologin Julia Martínez nennt den Klimawandel und den Tourismus, die das Problem weiter verschlimmerten. So habe der Klimawandel einerseits immer heißere Sommer zur Folge, die das Algenwachstum weiter befeuern. Andererseits komme es auch häufiger zu Starkregen, durch den nährstoffreiches Wasser in großen Mengen in die Lagune geschwemmt wird. Nach einem solchen Starkregen war im September 2019 ein Sauerstoffgehalt von null Milligramm pro Liter Lagunenwasser gemessen worden. Schon damals spülten die Wellen mehrere Tonnen Fischkadaver an Land.

Der Einflussfaktor Tourismus bringt einen zu den Seepferdchen zurück. Denn in den 1960er-Jahren, als jene Spanier, die heute nostalgisch an ihren Urlaub zurückdenken, am Mar Menor Seepferdchen beobachteten, begann die touristische Infrastruktur an der Lagune gerade erst zu wachsen. Inzwischen ist quasi kein Quadratmeter auf der schmalen Landzunge zwischen Mittelmeer und Lagune mehr unbebaut. Die vielen Motor- und Segelboote, die das Wasser durchpflügen, stören die Regeneration der Lagune, mitunter sind im Hochsommer auch die Kläranlagen von den Gästen in den Hotelburgen und Apartmenttürmen überfordert. In den vergangenen Jahren gelangten so immer wieder ungeklärte Abwässer ins Mar Menor.

Die Protestaktion von Umweltschützern, die vor einigen Tagen eine Menschenkette mit 70 000 Teilnehmern rund um die Lagune organisierten, entbehrt somit nicht einer gewissen Ironie: Die "Umarmung für das Mar Menor" brachte Aufmerksamkeit, doch es ist gerade die Nähe des Menschen, die die Lagune zu ersticken droht.

Human chain convened to mourn the Mar Menor, on 28 August 2021, in Murcia, (Spain). The ILP Mar Menor platform has orga

Die Menschenkette erstreckte sich über die 73 Kilometer der Salzlagune.

(Foto: Edu Botella/imago images/Lagencia)
© SZ
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