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Silicon Valley:Schnell Geld verdienen

Besonders die Universität Carnegie Mellon in Pittsburgh leidet unter dem Aderlass. Sie ist berühmt für ihr KI- und Roboter-Programm, doch allein die Taxi-App Uber hat dem Roboterzentrum der Eliteuni vor drei Jahren 40 Mitarbeiter abgeworben. Auch Facebook hat sich gerade wieder zwei Professoren für die neuen KI-Labore gesichert. Laut Medienberichten wechselte außerdem Manuela Veloso, Carnegie Mellons Leiterin für die Forschung zu maschinellem Lernen, zur Bank JPMorgan Chase.

Auch dort interessiert man sich inzwischen für künstliche Intelligenz. Es sind sowieso nicht mehr nur IT-Firmen, die um die wenigen KI-Experten buhlen. Autobauer brauchen sie für selbstfahrende Autos, Industrieunternehmen wie Siemens für automatisierte Fabriken, Agrarkonzerne für schlauere Saatmaschinen. Zu den großen Konzernen kommen Tausende KI-Start-ups, in die zuletzt viel Wagniskapital floss. Auch sie sind zum Teil in das große Wettbieten um die besten neuen Mitarbeiter eingestiegen.

Neben der Lehre leidet selbstverständlich auch die Forschung, wenn Professoren ihre Lehrstühle aufgeben. In der freien Wirtschaft verlagert sich meist auch der Forschungsschwerpunkt der Experten. Statt an Grundlagenthemen zu tüfteln, deren direkter Nutzen vielleicht über Jahre hinweg verborgen bleibt, aber grundlegende Durchbrüche bringt, arbeiten sie in der Industrie tendenziell eher an Produkten, mit denen sich schnell Geld verdienen lässt.

"Es stellt sich natürlich die Frage, in welchem Ausmaß Konzerne wie Google oder Facebook in Zukunft die Forschungsagenda bestimmen sollten", sagt Etzioni. Hoffnung macht ihm zumindest, dass einige wenige Top-Wissenschaftler so umkämpft sind, dass sie nebenher trotzdem an ihren Lieblingsthemen weiterarbeiten dürfen. Auch wenn das dem neuen Arbeitgeber nur indirekt nutzt. Ein Top-Name in den eigenen Reihen reicht schon aus, um zahlreiche neue Talente anzulocken.

"Heutzutage können Top-Universitäten die Absolventen mit den nötigen KI-Qualifikationen gar nicht schnell genug produzieren"

Etzioni hofft, dass die Unternehmen künftig mehr Einsicht zeigen und es allen Professoren erlauben, ihre Arbeitszeit frei aufzuteilen. Sie könnten dann zum Beispiel zur Hälfte weiter an den Universitäten lehren. Ein Modell, das sich angeblich die meisten Kollegen wünschen. Einerseits können sie so die hohen Gehälter in der freien Wirtschaft einstreichen und müssen keine Zeit mehr für aufwendige Fördermittelanträge verschwenden. Andererseits würden sie weiterhin gerne den Nachwuchs ausbilden. So viel Universitätsbegeisterung ist übrig geblieben.

Wahrscheinlich stoßen die Sillicon-Valley-Konzerne bald an eine natürliche Grenze: Sie können unmöglich alle KI-Experten von außen anheuern. Deshalb werden die Mitarbeiter nun verstärkt intern ausgebildet. Facebooks KI-Labore sind zum Vorbild für andere geworden, Google betreibt ähnliche Forschungszentren und auch das Karrierenetzwerk LinkedIn hat verkündet, ein internes Weiterbildungsprogramm namens "AI Academy" zu starten.

"Heutzutage können Top-Universitäten die Absolventen mit den nötigen KI-Qualifikationen gar nicht schnell genug produzieren", fasst es LinkedIn-Chefingenieur Craig Martell zusammen. Deshalb ist seine Firma zum Ausbilder für KI-Experten geworden. Auch wenn das mühsamer ist als die Talente woanders abzuwerben.

Der Wettlauf ist längst eine nationale Angelegenheit geworden. Jahrzehntelang lagen die USA vorne bei Forschung und Entwicklung zu KI. Die chinesische Regierung hat sich aber vorgenommen, dass die eigene KI-Industrie im Jahr 2030 150 Milliarden Dollar schwer und weltweit führend sein soll. Das ist dem Land Milliardeninvestitionen wert. Amerika will selbstverständlich dagegenhalten. Viele Experten kritisieren aber, dass sich Donald Trump zu sehr auf alte Industrien wie Stahl und Kohle konzentriert. Stattdessen fordern sie mehr Investitionen in KI, etwa als Unterstützung für Universitäten. Trumps Abschottungsrhetorik und die schärfere Visumvergabe hilft jedenfalls nicht, um ausländische Experten anzulocken.

Mehr chinesische Studenten kehren inzwischen nach einem Abschluss in den USA wieder in ihr Heimatland zurück. Die chinesischen Internetkonzerne Tencent und Alibaba warben im Februar bei einer großen KI-Konferenz in New Orleans offensiv um Uni-Absolventen. Google wiederum hat in diesem Frühjahr ein KI-Zentrum in Peking eingerichtet, um Talente in China zu rekrutieren. Auch in andere Länder haben die Tech-Konzerne ihre Fühler ausgestreckt.

Amazon zum Beispiel hat ein KI-Zentrum in der Nähe der Universität Cambridge in England und plant eine ähnliche Einrichtung in Barcelona. Auf Dauer wird das nicht reichen. "Wir müssen die KI-Forschung auf eine breitere Basis stellen, wenn wir zukunftsfähig bleiben wollen", sagt der Wissenschaftler Etzioni. Er denkt an noch mehr Menschen aus dem Ausland und an mehr Frauen. An den Geige spielenden Avatar von Facebook denkt er nicht.

© SZ vom 30.06.2018/fehu
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