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Psychologie:Lampenfieber und die große Angst des Versagens

Patti Smith singt bei der Nobelpreisverleihung einen Song ihres Freundes Bob Dylan - und patzt. Nervöse Musiker leiden an Perfektionismus und zu viel Adrenalin. Das Publikum kann helfen.

But I'll know my song well before I start singin'

And it's a hard, it's a hard, it's a hard, it's a hard

It's a hard rain's a-gonna fall

Und so ist es, wie im echten Leben, auch auf dem edlen Nobelpreisparkett, es ist schwer, es ist schwer, und selbst wenn man sein Leid genau kennt, bevor die ersten Töne aus den Stimmritzen schwingen, stockt dann doch der Atem, das Herz, es pocht und plötzlich siegt die Aufregung, auch, nein vor allem bei den Profis.

Bei der Verleihung der Nobelpreise lässt sich Bob Dylan von seiner langjährigen Freundin Patti Smith vertreten. Und während es draußen regnet, singt sie im Saal Dylans Song "A Hard Rain's A-Gonna Fall" - bis sie mitten im Lied stoppt. "Entschuldigung, es tut mir leid, ich bin so nervös", sagt Smith. Die Bühnenmusiker lächeln, klar, wer kennt das nicht: "Aber ich werde mein Lied genau kennen, bevor ich zu singen beginne."

Die Hände beginnen zu zittern

Lampenfieber ist die große Angst von Bühnenmusikern, nichts scheint peinlicher, als wenn die Stimme versagt, die Hände auf der Klaviertastatur nicht mehr schweben oder der Violinenbogen zittert. Der Begriff Lampenfieber ist in der medizinischen Literatur nicht ganz eindeutig definiert, allgemein versteht man darunter eine nervöse Anspannung, Schweißausbrüche und weiche Knie, meist vor einem wichtigen Auftritt oder einer entscheidenden Prüfung. In der Psychologie wird das Phänomen unter dem Begriff "performance anxiety" untersucht.

Der Prüfling oder der Bühnenmusiker erlebt dabei typische Symptome eines aktivierten vegetativen Nervensystems, dem sogenannten Sympathikus. Die Nebennieren schütten vermehrt das Stresshormon Adrenalin aus, Herzschlag, Blutdruck steigen an, Niere und Gehirn werden stark durchblutet, die Hände beginnen zu zittern.

Menschen reagieren unterschiedlich auf Stress und manche Künstler empfinden Lampenfieber sogar als positiv. Die Anspannung hilft ihnen, sich auf den kommenden Auftritt zu konzentrieren und Ablenkung auszublenden. Andererseits kann die Aufregung die Konzentration auch mächtig zerstören, Sänger vergessen ihren Text, Prüflinge wichtige Details, Musiker die Noten. Tatsächlich kann sich die Angst vor solchen Patzern zu einer Phobie entwickeln. Die Angst vor der Angst steigert sich vor jedem Auftritt, Musiker berichten von einem schwer zu durchbrechenden Kreislauf - denn jeder Aussetzer steigert diese Angst, und die Angst führt erst recht zu Aussetzern.

Patienten riskieren bei falscher Dosierung einen Herzstillstand

Aus dem psychiatrischen und psychotherapeutischen Alltag ist bekannt, dass Bühnenmusiker immer wieder zu Alkohol und Drogen greifen, um sich von dieser Spirale zu befreien. Häufig fragen Betroffene nach sogenannten Betablockern, Medikamente, die die beta-Rezeptoren am Herzen belegen und damit die Wirkung des Adrenalins abschwächen. Placebokontrollierte Studien mit Musikern konnten allerdings nicht eindeutig zeigen, dass diese Behandlung tatsächlich wirkungsvoll ist.

Zudem riskieren Patienten bei falscher Dosierung Herzrhythmusstörungen, Asthmaanfälle und Durchblutungsprobleme sind weitere mögliche Nebenwirkungen. Ärzte raten ihren Patienten daher in der Regel, die Bühnenangst mithilfe von Gesprächstherapien und Entspannungsübungen in den Griff zu bekommen. Bei manchen Musikern ist Lampenfieber allerdings derart stark ausgeprägt, dass sie sich über Monate oder gar Jahre hinweg nicht mehr in der Lage sehen, eine Bühne zu betreten. An verschiedenen Kliniken finden Betroffene spezielle Behandlungsangebote.

Lampenfieber hängt übrigens eng zusammen mit dem eigenen Anspruch der Perfektion und der Angst vor dem Verlust des Ansehens bei Kollegen und Publikum. Gelingt es einem Musiker, die Konzertbesucher und deren Reaktionen auszublenden, gelingt der Auftritt meist besser. Was auch hilft: Als Zuhörer dem Musiker das Gefühl zu geben, dass Fehler erlaubt sind. Dass man seinen Song eben nicht so genau kennen muss, bevor man zu singen beginnt, dass der Regen, der fallen wird, gar nicht so schwer ist. Als Patti Smith nach ihrem Patzer das Nobelpreispublikum um Entschuldigung bittet, klatschen die Gäste verständnisvoll. Danach singt Smith fehlerlos: "But I'll know my song well before I start singin."

© SZ.de/fehu/bön

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