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Naturerlebnis:Wer Pech hat, hat auf der Kamera nach einer Nacht am Fluss nur Videos von wogendem Schilfgras

Weniger glücklich ist Wilting allerdings über den Freizeithype um die Trailcams, der habe nämlich technische Konsequenzen. "Die Weiterentwicklung dieser Kameras ist heute vollständig auf die Bedürfnisse von Jägern und Hobbynutzern ausgerichtet", sagt der Forscher. So seien lichtstarke Blitze von diesen Zielgruppen unerwünscht, wegen der Auffälligkeit der Kameras und weil helle Blitze die Tiere verschrecken könnten. Die meisten neuen Geräte arbeiten daher mit Infrarot oder sogar Schwarzlicht und werden mit Labeln wie Low- oder No-Glow beworben. Das gilt auch für die Kameras des US-Jagdwaffenherstellers Browning, für die Tim Harrell mit seinen Youtube-Videos nicht gerade die schlechteste Reklame macht. "Für die Wissenschaft ist helles Blitzlicht jedoch essenziell, um Tiere wie das Kantschil eindeutig identifizieren zu können", sagt Wilting.

Dazu komme, dass die meisten Kameras auch in ihrer Wettertauglichkeit auf kühlere, trockenere Bedingungen ausgerichtet seien. "Wir haben praktisch keine Geräte, die für tropische Regenwälder geeignet sind", sagt Wilting. Länger als 60 Tage könne man sich deshalb nicht darauf verlassen, dass die Elektronik dem eingedrungenen Wasser in der Wärme standhält. Danach müsse man die Geräte trocknen, einige gehen trotzdem kaputt. "Wir würden uns Kameras wünschen, die unter diesen Bedingungen länger halten, um Tiervorkommen längerfristig dokumentieren zu können." Bislang gibt es nach Wiltings Aussage allerdings nur eine Organisation, die sich der Entwicklung solcher speziellen Forschungskameras gewidmet hat.

Den Normalbürger, der das Treiben auf dem eigenen Grundstück oder im nahen Wald verfolgen will, ficht das natürlich nicht an. Dafür hat er andere Probleme. Das erste ist die Handhabung. Einen guten Platz für die Kamera zu finden, ist nämlich nicht so einfach, denn jede Bewegung löst eine Aufnahme aus - und bewegen können sich nicht nur Tiere. Wer Pech hat, findet nach einer Nacht am Fluss statt des vermuteten Bibers dann 450 Videos von wogendem Schilfgras auf der Speicherkarte.

Das zweite Problem ist juristischer Natur und dürfte nur wenigen Hobbynutzern bewusst sein, insbesondere, wenn sie die Kameras eher für die Überwachung des eigenen Grundstücks benutzen: Trailcams dürfen weder im öffentlichen Raum, noch ohne Einverständnis der Besitzer auf Privatgrundstücken installiert werden. Das gilt auch, wenn die fraglichen Areale dabei nur zufällig ins Bild geraten. Wanderwege, staatliche Forste und auch Nachbars Garten sind deshalb tabu, auch die kleine Straße vor dem Haus sollte nicht erfasst werden. Ausnahmen gibt es nur unter Auflagen. Forscher und ehrenamtliche Naturschützer wie Constanze Eiser sind zum Beispiel verpflichtet, alle Aufnahmen von Personen umgehend zu löschen.

Auf die heikle juristische Situation weisen die wenigsten Hersteller von Trailcams hin

Von den Anbietern wird auf diesen Umstand, wenn überhaupt, nur selten mit Nachdruck hingewiesen. Das Geschäft ist ja verlockend, die Hersteller haben das wachsende Interesse von Laien jenseits des Jagdbedarfs längst erkannt. So bekommt man Wildtierkameras inzwischen sogar schon für um die 50 Euro bei Lidl, Aldi oder auf Amazon. Die Qualität der Bilder fällt bei solchen Geräten zwar weniger gut aus als bei den hochwertigen Kameras für um die 180 Euro, auch Laufzeit und Speicherkapazität sind geringer. Wer es wirklich ernst meint mit der Tierbeobachtung, greift deshalb lieber zu den teureren Modellen, von denen sich einige inzwischen per Mobilfunk ansteuern lassen.

Auf der anderen Seite tut es bei den Billig-Trailcams nicht so weh, wenn die Dinger geklaut werden. Und das werden sie oft. "Uns sind schon mehrere der teuren Leihgaben gestohlen worden", sagt Constanze Eiser. Und auch Tim Harrell musste im März feststellen, dass zwei seiner Trailcams aus den Florida-Swamps entwendet wurden. Er fand nur die Spuren von zwei Quads, auf denen die Diebe gekommen waren. Dass die Kameras die Räuber gewiss in ihrem Tun dokumentiert haben, half dem Naturfan dann auch nicht mehr.

© SZ vom 20.12.2019
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