Arzneimittel:Gefährliche Engpässe

Arzneimittel: In Marburg übernahm Biontech die stillgelegte Pharmafabrik von Novartis. Ein Glück für die Impfstoffproduktion. Es zeigt aber auch, dass sich die Arzneimittelproduzenten in den vergangenen Jahrzehnten aus Deutschland zurückgezogen haben.

In Marburg übernahm Biontech die stillgelegte Pharmafabrik von Novartis. Ein Glück für die Impfstoffproduktion. Es zeigt aber auch, dass sich die Arzneimittelproduzenten in den vergangenen Jahrzehnten aus Deutschland zurückgezogen haben.

(Foto: Thomas Lohnes/AFP)

Einst war Deutschland führend in der Pharmaproduktion, heute hängt die Republik von Importen aus Indien und China ab. Das muss sich ändern - so schnell wie möglich.

Von Christina Berndt

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Für die Leute von Biontech war es ein großes Glück. Als sich mehr und mehr abzeichnete, wie fantastisch ihr Impfstoff gegen Covid-19 wirkt und dass sie davon in kürzester Zeit viele, viele Millionen Dosen würden herstellen müssen, suchten sie einigermaßen verzweifelt nach zusätzlichen Produktionskapazitäten. Und so hörten sie, dass der Schweizer Pharmagigant Novartis seine Fabrik auf dem Gelände der altehrwürdigen Behringwerke in Marburg verkaufen wollte. Eine großartige Gelegenheit für das kleine Biotech-Start-up, in großem Umfang in die Impfstoffproduktion einzusteigen. Die Leute, die dort bislang für Novartis gearbeitet hatten, konnten ja alles. Seit Jahren und Jahrzehnten hatten sie in den Behringwerken Impfstoffe hergestellt. Nun musste man sie nur auf mRNA-Impstoffe umschulen.

Einst war Deutschland die Apotheke der Welt

Doch so groß das Glück in diesem Moment für Biontech und dessen unglaubliche Erfolgsgeschichte in der Pandemie auch war: Der Verkauf der Novartis-Produktionsstätte in Marburg war eigentlich kein Grund zum Feiern. Er ist vielmehr ein weiteres Zeichen für den Weggang pharmazeutischer Produktion aus Deutschland ebenso wie aus ganz Europa. Einst galt Deutschland wegen seiner innovativen Kraft und der vielen pharmazeutischen Betriebe als die Apotheke der Welt, heute werden hier kaum noch Arzneimittel produziert. Deutschland ist ebenso wie die meisten Länder der westlichen Welt mittlerweile darauf angewiesen, dass Medikamente und Impfstoffe in ausreichender Zahl in Indien und China hergestellt werden - und dann auch ihren Weg nach Europa finden. Aber das tun sie nicht immer.

Die Covid-19-Pandemie hat wie mit dem Brennglas und für jedermann erkennbar gezeigt, wie problematisch es mit der medizinischen Versorgung werden kann, wenn die Lage aus politischen, pandemischen oder schlicht aus produktionstechnischen Gründen einmal schwierig wird. Masken und Schutzkleidung waren früh in der Pandemie Mangelware. Aber als es davon endlich genug gab, haben die Probleme mit der medizinischen Versorgung nicht aufgehört - und sie waren auch schon vor der Pandemie immens.

Immer wieder werden Medikamente für Deutschlands Kliniken und Patienten knapp. Lieferengpässe betreffen zum Teil Allerweltsmedikamente wie Blutdrucksenker, Magensäureblocker und selbst Schmerzmittel wie Ibuprofen. Diese sind relativ leicht durch andere Prädikate zu ersetzen, wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nicht müde wird zu betonen - Tenor: Lieferengpässe sind nicht zwingend Versorgungsengpässe. Aber knapp werden auch immer wieder einmal Impfstoffe und so sensible Medikamente wie Antidepressiva. Deren Fehlen kann für die Patienten zu einem echten Problem werden. Wer nach oft wochen- und monatelangem Erproben endlich gut auf ein Präparat eingestellt ist, kann nicht einfach so ein anderes Mittel nehmen. Mitunter fehlt es sogar an Krebsmedikamenten, etwa dem für Leukämiepatienten überlebenswichtigen Cytarabin. Auch fiel die Versorgung mit dem Präparat Melphalan, das in Chemotherapien eingesetzt wird, zuletzt immer wieder aus.

Fehlen Antidepressiva, wird das für die Patienten zu einem echten Problem

Ein weiteres besonders drastisches Beispiel: das Antidepressivum Venlafaxin. "Lieferausfälle von Venlafaxin können für Patienten und die behandelnden Ärzte ein besonderes Problem darstellen", sagt Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des Arznei-Telegramms. Denn relativ häufig sei nach plötzlichem Absetzen mit quälenden Entzugserscheinungen zu rechnen. Schon wenn die Einnahme nur einer einzelnen Tablette versäumt werde, treten Missempfindungen auf, die sich wie Stromschläge oder Elektroschocks anfühlen, so Becker-Brüser. Auch Schwindel, Empfindungsstörungen, Schlafstörungen, Übelkeit, Kopfschmerzen, Zittern und Angst gehören zu den häufig berichteten Reaktionen.

Insgesamt listete das BfArM Ende Oktober für 224 Medikamente Lieferengpässe auf seiner Homepage, darunter das Parkinsonmedikament Levobeta und das Migränemedikament Rizatriptan. Für Apotheker ist es längst Alltag, dann eine Lösung zu suchen: Im Jahr 2020 waren 16,7 Millionen Packungen Arzneimittel in Deutschlands Apotheken nicht lieferbar. Einziger Lichtblick: Es war immerhin ein leichter Rückgang im Vergleich zum Vorjahr: 2019 waren es noch knapp 18 Millionen verordnete Medikamente - doppelt so viele wie im Jahr 2018, in dem auch schon eine Verdopplung im Vergleich zu 2017 zu verzeichnen war.

Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, denn die Lieferengpässe werden von den Herstellern in freiwilliger Selbstverpflichtung gemeldet. "Die BfArM-Liste aktueller Lieferengpässe gibt die tatsächlich bestehenden Defizite somit nicht realistisch wieder", beklagt das Arznei-Telegramm. "Sie verharmlost die tatsächliche Versorgungslage und erscheint uns daher in dieser Form irreführend." Die bereits vorgesehene Verpflichtung der Anbieter zur Meldung von Lieferdefiziten an das BfArM müsse schleunigst umgesetzt werden.

In der Pandemie habe sich die schon seit Jahren prekäre Lage wegen der Handelsbeschränkungen zum Teil noch verschärft, beklagte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt. Ärzte hätten sich gesorgt, dass auch besonders wichtige Substanzen knapp werden könnten, sagte er dem Berliner Tagesspiegel: "Ich rede hier etwa von Propofol, das für eine künstliche Beatmung notwendig ist. Oder von Adrenalin, das dringend in der Intensivmedizin benötigt wird, von Reserveantibiotika, die wir zwar selten, aber in kritischen Situationen unbedingt benötigen. Wenn uns diese Mittel ausgehen, wäre das eine wirklich hochgefährliche Situation." Auch die Impfung gegen Pneumokokken, die Lungenentzündung verursachen können, sei vorübergehend kaum möglich gewesen. "Die Lieferengpässe bei Impfstoffen beunruhigen mich sehr", so Reinhardt.

Das Interesse der Industrie an manchen Medikamenten ist gering

Die Gründe dafür sind vielfältig. Manchmal stecken verunreinigte Chargen dahinter, wie sie auch bei den Covid-19-Impfstoffen zum Teil zu verzögerten Lieferungen führten. Manchmal sind einzelne Ausgangsstoffe nicht zu bekommen. Klar ist aber auch: Das Interesse der Industrie an manchen Medikamenten ist gering, zum Beispiel an Antibiotika. Manche Mittel, wie Antibiotika oder Impfstoffe, mit denen man aufgrund ihrer seltenen Verwendung (allenfalls einmal im Jahr pro Patient) nicht so viel Geld verdienen kann wie mit Medikamenten gegen chronische Krankheiten - Bluthochdruck etwa oder Multiple Sklerose. Als einer der wesentlichsten Gründe aber gilt, dass die Arzneimittelproduktion mittlerweile aus Kostengründen größtenteils in Fernost stattfindet - und dort noch dazu auf wenige Firmen ausgerichtet ist. Arbeitsbedingungen werden dort ebenso wie Umweltstandards nicht so großgeschrieben wie in Europa.

Mittlerweile werden mehr als 80 Prozent aller medizinischen Wirkstoffe in China und Indien hergestellt. Und von 500 verschreibungspflichtigen Medikamenten, die das BfArM als "versorgungsrelevant" einstuft, werden 300 nach Angaben der Behörde von drei oder weniger Unternehmen produziert. Manche Wirkstoffe haben nur einzelne Produzenten - so wie bei dem Antibiotikum Piperacillin, das zum allergrößten Teil in einer einzigen Fabrik in Ostchina hergestellt wird. Als es in dieser im Jahr 2016 einen Unfall gab, war weltweit kaum noch Piperacillin zu bekommen. Und der Blutdrucksenker Valsartan, international ein absoluter Kassenschlager, fiel monatelang aus, als die gesamte Produktion eines chinesischen Werkes mit krebserregenden Substanzen verunreinigt war.

Dass das Problem ein ernstes ist, daran zweifelt kaum mehr jemand: So sagte Noch-Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) während der Pandemie: "Es ist keine gute Idee, die Globalisierung zurückzudrehen, aber es ist die richtige Idee, in sensiblen Bereichen die nationale Souveränität zu behaupten." Das hält auch Noch-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für wichtig. Er setzt auf finanzielle Anreize, um die Produktion wichtiger Arzneimittel zurück nach Europa zu holen. "Europa muss bei Arzneimitteln wieder unabhängiger von Asien werden", erklärte er vor Kurzem. "Wir wollen neue Lieferketten aufbauen, wir brauchen mehr Transparenz über Lieferengpässe und mehr Qualitätskontrollen." In der Pandemie hatte die Bundesregierung bereits den Ausbau der Produktion medizinischer Schutzausrüstungen in Deutschland vorangetrieben, um unabhängiger zu werden.

Deutschland braucht Arzneimittelproduktion im eigenen Land

Somit hat die Pandemie noch einmal in aller Dringlichkeit gezeigt: Deutschland braucht eine gesicherte Produktion von Arzneimitteln im Land. Und am besten auch eine Vorratshaltung für längere Zeiträume. So muss der Arzneimittelgroßhandel Medikamente bislang nur für zwei Wochen auf Vorrat haben. Manche Politiker fordern, die Fristen zu verlängern. Woran es aber noch fehlt: an der innovativen Kraft, die Deutschland einst zur Apotheke der Welt gemacht hat. So beeindruckend schnell in der Pandemie auch Impfstoffe gegen das bis dahin völlig neue Virus entwickelt und hergestellt wurden: An Medikamenten gegen Covid-19 mangelt es immer noch. Verschiedene Pläne existieren daher, nationale Forschungsplattformen oder Zentren zu errichten, die schon jetzt beginnen sollen, Impfstoffe und Therapeutika gegen das nächste Pandemievirus zu entwickeln. Denn so viel ist klar: Die westliche Welt ist, als sie auf Sars-CoV-2 traf, gerade noch mit einem blauen Auge davongekommen.

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