Umwelt:Falsche Priorität

Dead fish on the shores of Murcia's Mar Menor

Die toten Fische des Mar Menor werden an die Ufer gespült.

(Foto: STRINGER/REUTERS)

Das Fischsterben im spanischen Mar Menor zeigt einmal mehr, welch geringen Stellenwert Meeresschutz hat. Das ist gefährlich.

Von Tina Baier

Die größte Salzwasserlagune Europas, das Mar Menor im Süden Spaniens, ist etwas ganz Besonderes. Tintenfische leben dort, Flamingos, Seepferdchen und viele Tiere und Pflanzen, die es anderswo im Mittelmeer nicht gibt. Zu Recht steht es unter dem Schutz der Vereinten Nationen und der spanischen Regierung. Trotzdem werden dort seit Tagen massenhaft tote Fische und Meerestiere an den Strand gespült - mehr als vier Tonnen in einer einzigen Woche. Wie kann das sein?

Das Fischsterben im Mar Menor zeigt einmal mehr, welche Priorität der Schutz der Meere in Europa hat: gar keine. Theoretisch finden es zwar die meisten Menschen wichtig und richtig, die Ozeane nicht weiter zu überfischen, mit Abwässern zu vergiften und mit Plastik zuzumüllen. Doch in der Praxis ist Meeresschutz nicht mehr als ein Nice-to-have, eine Art Luxus, den man sich leisten kann, wenn gerade nichts Wichtigeres ansteht.

Landwirtschaft und Fischerei haben Vorrang

Das ist falsch und gefährlich. Unter anderem, weil Meere eine essentielle Rolle im Klimasystem der Erde spielen und für kontinuierlichen Sauerstoffnachschub in die Atmosphäre sorgen. Rein rechnerisch stammt der Sauerstoff in jedem zweiten Atemzug, den jeder Mensch tut, aus den Ozeanen. Wenn diese Kreisläufe nicht mehr funktionieren, ist das Überleben der Menschheit und vieler anderer Lebewesen auf der Erde gefährdet.

Es sollte also in unserem ureigensten Interesse liegen, den Schutz der Meere weit oben auf die Prioritätenliste zu setzen und die Ozeane nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis zu schützen. Ansatzpunkte dafür gibt es viele, aber die meisten wirklich wirksamen Maßnahmen erfordern ein drastisches Umdenken und Umsortieren in der Prioritätenliste.

Beispiel Landwirtschaft: Eine der Hauptursachen des Fischsterbens im Mar Menor ist die intensive Landwirtschaft in der Region, durch die Unmengen von Stickstoff und Phosphor aus Düngemitteln in die Lagune gelangen. Intensive Landwirtschaft in der Nähe des empfindlichen Ökosystems zu verbieten, würde bedeuten, dass auch die Deutschen auf Obst und Gemüse aus einer der wichtigsten Anbauregionen Europas verzichten müssten.

Beispiel Fischerei: Es wäre schon viel gewonnen, wenn wenigstens die industrielle Fischerei in Meeresschutzgebieten verboten wäre. Absurderweise ist das nicht der Fall. Deutschland ist da keine Ausnahme: In der Nordsee etwa dürfen große Fischtrawler mitten in Schutzgebieten riesige Grundschleppnetze auswerfen und damit alles zerstören, was auf dem Meeresgrund lebt. Offensichtlicher kann falsche Prioritätensetzung eigentlich gar nicht sein.

© SZ
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