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Klimaschutz:Wunderwaffe mit Hindernis

Batterie oder Wasserstoff - PKW mit Brennstoffzelle

Teilweise sehen die Experten Wasserstoff auch nicht als optimale Lösung an, beispielsweise für den Antrieb von Autos. Hier müssen Kraftstoffe erst aus Strom hergestellt werden.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Wasserstoff gilt als Schlüssel zur Klimaneutralität. Doch nun warnen Europas Wissenschaftsakademien: Dafür müsste erst die Begünstigung der fossilen Konkurrenz enden.

Von Michael Bauchmüller

Die Kommission war überdeutlich. Deutschland habe einen "international beachtlichen Stand" bei der Entwicklung und Erforschung einer "solaren Wasserstoffenergiewirtschaft" erreicht. Die Bundesregierung müsse ihn "festigen und konsequent weiterentwickeln". "Internationale Kooperation ist unerlässlich", fügten die Abgeordneten hinzu - all jene Parlamentarier, die sich in den frühen 1990er-Jahren in einer Enquetekommission dem "Schutz der Erdatmosphäre" gewidmet hatten.

Mehr als ein Vierteljahrhundert später ist der Klimaschutz wieder Topthema, und der Wasserstoff gleich mit. Für die Dekarbonisierung industrialisierter Volkswirtschaften scheint er eine Wunderwaffe zu sein: Stahlwerke könnten so auf klimaschädlichen Koks verzichten, Flugzeuge auf Kerosin, Schiffe auf Schweröl. Die Autoindustrie schielt auf wasserstoffbasierte synthetische Kraftstoffe, mit denen sich auch Verbrennungsmotoren antreiben lassen, und die Forschungsministerin schwärmt schon vom "Öl von morgen".

Kommt die Wasserstoff-Revolution diesmal wirklich? Den Bedingungen dafür haben sich nun Europas Wissenschaftsakademien in ihrem gemeinsamen Beratungsgremium angenommen, dem European Academies' Science Advisory Council, kurz Easac. Das Ergebnis: Die Zeit ist reif für grünen, aus erneuerbaren Energien hergestellten Wasserstoff. Doch damit er tatsächlich den Siegeszug antreten kann, müssten Weichen umgestellt werden - vor allem in der fossilen Welt.

Denn zwangsläufig konkurriert die neue Technologie mit ihren Vorläufern. Und während all die Ökostrom-Anlagen für die Erzeugung von Wasserstoff, die sogenannten Elektrolyseure, und die Infrastrukturen für dessen Transport erst entstehen müssten, sind sie bei Kohle, Öl und Erdgas schon da. Die Anlagen sind längst abgeschrieben - und profitieren nicht selten von staatlicher Förderung. "Es ist besonders wichtig, die Subventionen, Steuern, Abgaben und anderen Anreize zu beseitigen, die immer noch die Energiemärkte verzerren", heißt es in der Stellungnahme. Direkt und indirekt stützten diese Anreize fossile Energien.

"Das sendet die falschen Signale", warnt William Gillett, Direktor des Energieprogramms des Easac. Wolle die EU klimaneutral werden, müsse sie eine Führungsrolle auf den Märkten für grünen Wasserstoff übernehmen - und bei der Herstellung günstiger Elektrolyseure. Das aber verlange auch einen deutlich höheren Kohlenstoff-Preis, etwa durch eine Verschärfung der europäischen Emissionshandelsrichtlinie. Dadurch könnte der Preis für jede emittierte Tonne CO₂ steigen. Die fossilen Energien würden weniger günstig, die regenerative Alternative dagegen wettbewerbsfähiger.

Allerdings sehen die Experten im Wasserstoff nicht die Lösung für alles. So sei die Erzeugung synthetischer Kraftstoffe "inhärent ineffizient" - wegen der doppelten Umwandlung der Energie. Im Falle von Autos etwa müssten aus Strom erst Kraftstoffe hergestellt werden, die dann wiederum einen Motor antreiben; während sie bei einem Elektroauto, gespeichert in Batterien, gleich den Motor unter Strom setzen können. Deswegen würden durch die sogenannten E-Fuels mehr Ressourcen beansprucht und höhere Kosten anfallen, als würde die gleiche erneuerbare Energie direkt genutzt.

Am grundsätzlichen Weg aber hat das Gremium keinen Zweifel. Wichtig sei nun Sicherheit für Investoren in die neue Technologie, aber auch ein sicherer Zugang zu Wasserstoff außerhalb Europas. Wie schon die Enquete einst befand: Kooperation bleibt unerlässlich.

© SZ
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Luisa Neubauer, 25, kommt aus Hamburg, wo sie 2014 Abitur machte. Danach arbeitete sie in Tansania für ein Hilfsprojekt und in England auf einem Biobauernhof. Im Sommer 2020 hat sie in Göttingen ihren Bachelor in Geografie abgelegt. Sie ist Mitglied der Grünen und Aktivistin an der Front von Fridays for Future. Aus der Bewegung eine Partei zu machen, lehnt sie ab.

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