Artenschwund Jede dritte Wildpflanze in Deutschland gefährdet

Werden bunte Sommerwiesen bald zu einer Seltenheit? Fast ein Drittel aller in Deutschland heimischen Wildpflanzen ist gefährdet.

(Foto: dpa)
  • Der siebte Band der "Roten Listen gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands" dokumentiert ein großes Pflanzensterben.
  • Insbesondere hohe Nährstoffbelastungen, etwa durch landwirtschaftlichen Dünger, machen vielen Arten zu schaffen.
  • Das Bundesamt für Naturschutz will die Ursachen jetzt genauer untersuchen.
Von Kathrin Zinkant

Ob die leuchtend gelbe echte Arnika, das hübsche rote Sommer-Adonisröschen oder aber der unscheinbare grüne kleinblättrige Klee: Zahlreichen blühenden Gewächsen und anderen Wildpflanzen in Deutschland geht es schlecht. Insgesamt ist jede dritte Art in ihrem Bestand gefährdet. Das dokumentiert der nunmehr siebte Band der "Roten Listen gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands", den das Bundesamt für Naturschutz (BfN) am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat.

Das knapp 800 Seiten starke Buch beschreibt Vorkommen und Gefährdung von 8650 verschiedenen Farn- und Blühpflanzen, Moosen und Algen. Demnach konnten sich zwar einige wenige Pflanzenarten durch Schutzmaßnahmen in ihrem Bestand erholen. So ist die pinke Kornrade als Ackerwildkraut zwar noch stark gefährdet, aber nicht mehr vom Aussterben bedroht. Auch der blaue Fransenenzian ist wieder häufiger in Deutschland zu finden.

Ein wenig Hoffnung, viel Verzweiflung

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Insgesamt hat sich die Situation für Wildpflanzen in den vergangenen Jahrzehnten aber weiter verschärft. Ein gutes Drittel der Pflanzenarten sind heute seltener in Deutschland anzutreffen als noch in den 1990er-Jahren. Besonders stark betroffen sind die sogenannten Zieralgen. Es handelt sich um einzellige, jedoch oft Millimeter große Pflanzenverwandte in Gewässern. Mehr als die Hälfte der knapp 1000 bekannten Zieralgenarten ist mittlerweile in ihrem Bestand gefährdet.

"Es sind vor allem hohe Nährstoffbelastungen, die vielen Arten zu schaffen machen", sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel in Berlin. Insbesondere der hohe Stickstoffeintrag durch Düngemittel in der Landwirtschaft sei ein Problem für die vielen Pflanzen, die nährstoffarme Böden oder Binnengewässer benötigten. Auch einer der Autoren, Günter Matzke-Hajek, erkennt in der intensiven Landwirtschaft einen wichtigen Grund für den Artenschwund. Im kommenden Jahr wird das BfN eine detaillierte Analyse der Gefährdungsursachen vorlegen.

Die aktuelle Bestandsaufnahme ist die erste seit 22 Jahren, zuletzt war die Artenvielfalt von Wildpflanzen 1996 erfasst worden. Erstellt wurde die neue Liste von 63 zumeist ehrenamtlich tätigen Autoren und mehr als 1000 freiwilligen Helfern mit pflanzenkundlichen Kenntnissen. Wie Matzke-Hajek betonte, sind allerdings auch die Naturkenner in ihrem Bestand bedroht. "An den Hochschulen wird Artenkenntnis nicht mehr vermittelt."

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