Rote Liste Das große Verschwinden

Der Chambo sichert die Ernährung vieler Menschen in Afrika. Zumindest im Malawisee sind die Fische jetzt vom Aussterben bedroht.

(Foto: Alamy/mauritius images)

Schutzprogramme können prominenten Spezies wie Walen oder Gorillas helfen. Doch die Rote Liste zeigt auch: Jedes Jahr sterben Zigtausende Tiere aus - mit unabsehbaren Folgen, auch für den Menschen.

Von Tina Baier

Zuerst die guten Nachrichten: Den Finnwalen geht es wieder besser, und auch für die Berggorillas gibt es Hoffnung. Das geht aus der neuen Version der Roten Liste hervor, welche die Weltnaturschutzunion (IUCN) am Mittwoch veröffentlicht hat. Die Zahl der Finnwale hat sich demnach seit den 1970er-Jahren verdoppelt. Geschätzt gibt es derzeit etwa 100 000 fortpflanzungsfähige Tiere dieser Spezies. "Die Wale erholen sich, weil die kommerzielle Jagd auf sie verboten wurde und weil internationale Abkommen zu ihrem Schutz abgeschlossen wurden", sagt Randall Reeves, der bei der IUCN für die Meeressäuger zuständig ist.

Ähnliches gilt für die Berggorillas, deren Status sich in der aktuellen Roten Liste von "vom Aussterben bedroht" auf "stark gefährdet" verbessert hat. Mittlerweile gibt es geschätzt wieder etwa 1000 Berggorillas in den Wäldern von Ruanda, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo.

Das ist schön, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gesamtzahl der Arten weltweit dramatisch zurückgeht. Niemand weiß, wie viele Arten jedes Jahr aussterben, Schätzungen zufolge sind es mindestens 20 000, vielleicht sogar 60 000. Die meisten sind nicht so prominente Wesen wie Finnwale und Berggorillas. Und viele sterben aus, bevor sie überhaupt entdeckt wurden. "Wir wissen nicht, wie viele Arten es auf der Erde gibt, deshalb können wir auch nicht sagen, wie viele davon gerade aussterben", sagt Michael Schrödl, Artenforscher an der Zoologischen Staatssammlung in München. An der katastrophalen Gesamtlage hat sich nach Einschätzung der Umweltschutzorganisation WWF nichts verändert. "Das Erreichte ist mager und wird den unglaublichen Dimensionen des Massenaussterbens nicht gerecht", sagt Christoph Heinrich vom WWF Deutschland. Nach Ansicht vieler Biologen ereignet sich gerade das sechste großen Artensterben in der Erdgeschichte - vergleichbar dem Exodus der Dinosaurier vor etwa 65 Millionen Jahren, den die Biologen als das fünfte Artensterben führen. Um Zeuge der aktuellen Vorgänge zu werden, muss man gar nicht nach Afrika oder Asien schauen. "Es passiert direkt vor unserer Haustür", sagt Schrödl.

Das Massensterben findet direkt vor unserer Haustür statt - nur merkt es kaum jemand

Der Wissenschaftler hat sich unter anderem auf die Suche nach den vielen verschiedenen Schneckenarten gemacht, die es der Literatur nach in Bayern gibt. "Wir haben nur noch die Hälfte der beschriebenen Spezies gefunden", sagt er. Das ist noch kein Beweis, dass die anderen Arten ausgestorben sind. Aber Anlass zur Sorge bietet es, denn wenn Lebewesen sehr selten werden, kommen sie ziemlich schnell an einen Punkt, von dem an sie sich nicht mehr erholen können und früher oder später ganz verschwinden. Das hat einen ganz praktischen Grund: Seltene Tiere haben Schwierigkeiten, einen Partner für die Fortpflanzung zu finden, weil sie sich schlicht nicht mehr begegnen. Der zweite Grund ist etwas komplizierter: Wenn es nur noch wenige Exemplare einer Art gibt und sich immer wieder dieselben Individuen miteinander paaren, geht mit der Zeit die genetische Vielfalt der Spezies verloren. Bei jeder Paarung werden immer wieder dieselben Erbanlagen weitergegeben. Es entsteht eine Art Inzucht, die auf Dauer dazu führt, dass die Tiere anfälliger für Krankheiten werden. Außerdem können sich solche Arten nicht mehr so schnell anpassen, wenn sich ihr Lebensraum verändert. Es fehlen die Gene, mit denen sich eine Population erhalten kann.

Anders als die vorangegangenen Massensterben, ist der jetzige Artenschwund menschengemacht. "Wir Menschen verbrauchen bereits viel mehr Ressourcen als zur Verfügung stehen, überfischen und vergiften die Ozeane, verbauen und veröden riesige Landflächen", schreibt Schrödl in seinem soeben erschienen Buch "Unsere Natur stirbt".

Die Konsequenzen sind vielerorts bereits spürbar - zu diesem Ergebnis kommen auch die Autoren der neuen Roten Liste. Nach ihren aktuellen Daten sind mittlerweile neun Prozent der 458 Fischarten im ostafrikanischen Malawi-See kurz vor dem Aussterben. Der Grund ist die starke Überfischung des drittgrößten afrikanischen Sees, an den neben Malawi auch Tansania und Mosambik grenzen. Zu den Arten, die stark zurückgegangen sind, gehören viele Speisefische, etwa der Chambo. "Die Chambo-Fischerei steht kurz vor dem Zusammenbruch", schreiben die Autoren der Liste. Das könnte schon sehr bald dramatische Auswirkungen haben, schließlich hängt die Ernährung von mehr als einem Drittel der malawischen Bevölkerung von den Fischen im Malawi-See ab. Weltweit seien mindestens zwei Milliarden Menschen auf Nahrung aus Süßwasser-Seen angewiesen, um zu überleben", sagt William Darwall, der bei der Weltnaturschutzunion für diesen Bereich zuständig ist. Wenn es in den Seen der Welt keine Fische mehr gibt, verhungern auch diese Menschen.

"Wir steuern auf biologische Kipp-Punkte zu", sagt der Experte

Nicht immer sind die Folgen des Artensterbens für den Menschen so direkt zu erkennen. Warum ist es zum Beispiel schlimm, wenn irgendeine Flügelschnecke im Südlichen Ozean ausstirbt? Der Punkt ist, dass in der Natur alles mit allem zusammenhängt. Die Flügelschnecke beispielsweise wird vermutlich von einem Fisch gefressen, der von einem größeren Fisch gefressen wird. An der Spitze dieser Kette steht mitunter der Mensch. "Wir wissen nicht in jedem Einzelfall, welche Arten wichtig oder gar unersetzlich für bestimmte Ökosysteme sind", sagt Schrödl. "In der momentanen Dimension ist der Artenverlust aber mit Sicherheit gemeingefährlich." Klar ist, dass der weltweite Schwund verschiedene Systeme empfindlich für Veränderungen macht. Und Veränderungen wie etwa ein Anstieg der Temperatur werden wegen des Klimawandels immer häufiger. "Wir steuern auf biologische Kipp-Punkte zu, an denen riesige Ökosysteme versagen, die uns alle mit Luft, Wasser und Nahrung versorgen", sagt Schrödl.