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Atomkatastrophe in Japan:Horten, warten, bangen

Langsam setzt sich in Japan die Gewissheit durch, dass das Land auf lange Zeit mit den Folgen des Atomunfalls leben muss: Die Region um das Kernkraftwerk ist verstrahlt, Gemüse und Milch dürfen nicht mehr verkauft werden. Und die Reaktoren strahlen weiter.

Kein einziges Mal sei der Strom abgestellt worden, erzählt Hideaki Uchitomi, der am Stadtrand der Metropole Tokio wohnt. Und er ist fast ein wenig stolz darauf. Da gibt es das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans, Teile des Landes sind verwüstet, eine Atomanlage steht vor dem GAU, Radioaktivität breitet sich aus - und in Tokio herrscht fast so etwas wie Normalität. "Sie haben zwar täglich von möglichen Blackouts gesprochen, aber erlebt haben wir das nie", sagt der 52-jährige Familienvater, denn: "So sind wir Japaner. Wenn man uns sagt, wir sollen für die Gemeinschaft 30 Prozent Strom sparen, dann sparen wir 30 Prozent Strom. Da protestiert keiner."

Japan: Krisengebiet

Im Ausnahmezustand

Um weniger Energie zu verbrauchen, lebt Tokio in der zweiten Woche nach der Havarie von Fukushima im Spargang. Die langen unterirdischen Gänge der Bahnhöfe sind düster, nur jede zweite Lampe brennt; die Leuchtreklamen und Vitrinen sind dunkel, die meisten Rolltreppen abgeschaltet. An manchen Bahnhöfen wird zu Blutspenden aufgerufen. Die Yamanote-Ringlinie der S-Bahn verkehrt mit reduziertem Fahrplan. Dennoch sind die Züge nach der ersten Welle des Berufsverkehrs schwach besetzt. Man findet, ungewöhnlich genug in Tokio, sogar einen Sitzplatz. Einige Fahrer schalten das Innenlicht aus, um noch etwas mehr Energie zu sparen.

Die meisten Menschen sind still, sie lesen oder dösen. Nur in Ebisu steigen dann fröhliche junge Mädchen in bunten Kimonos ein, sie tragen aufwendige, festliche Frisuren. Viele Mittelschulen halten an diesem Tag ihre Abschlussfeiern ab, für japanische Schüler ist das ein großer Feiertag.

Sie wollen Spaß haben - selbst wenn die Meldungen über verseuchtes Essen und verstrahltes Wasser immer häufiger werden.

Nur wenn die Angst vor der Radioaktivität in Tokio mehr als einen Monat anhalte, dann werden sich wirklich etwas ändern in Japan, glaubt Hideaki Uchitomi. "Sonst vergessen die Leute alles zu schnell." Es müsse doch möglich sein, findet er, auf erneuerbare Energien umzusteigen. "In einem Land mit so vielen Vulkan, mit heißen Quellen, da muss man doch mit dieser Wärme auch heizen können." Denn mit dem Atomstrom, damit sei es vorbei in Japan. Er selbst hatte seine Frau und die Kinder vorige Woche in aller Eile zum Flughafen gebracht, die drei sind jetzt in Hongkong. "Ich war nervös." Die Nervosität wuchs, als Tepco, die Betreibergesellschaft der zerstörten Reaktoren, bekanntgab, man ziehe sich von der strahlenden Ruine zurück. "Die haben das Atomkraftwerk einfach sich selbst überlassen." Utichomi kann es immer noch nicht glauben.

Dann bricht wieder sein Stolz auf die eigenen Leute durch: "Es war nicht die Armee, die es geschafft hat, den Reaktor zu kühlen. Und nicht Tepco. Das waren unsere Tokioter Feuerwehrmänner. Das sind unsere Helden." Ungehalten wird Uchitomi, als er hört, in Europa erzähle man sich, die Tokioter seien depressiv. "So sind wir Japaner nicht. Wir sind Rückschläge gewöhnt, wir beißen uns durch." Wie Uchitomi finden sich viele Tokioter in einer quälenden Ambivalenz zwischen Angst und Durchhaltewillen wieder.

Die Fahrt mit der S-Bahn führt nach Tsukiji, zum Fischgroßmarkt. Anders als das übrige Tokio sind die Bewohner von Tsukiji Frühaufsteher - auch in diesen schwierigen Zeiten. Wie immer haben sie ihre täglichen Auktionen schon um sechs Uhr morgens beendet. Aber an normalen Tagen herrscht hier trotzdem bis zum frühen Nachmittag Betrieb. Zumindest die Zwischenhändler offerieren gewöhnlich auch mittags noch frischen Fisch und in einer zweiten Halle Gemüse. An diesem Mittwoch jedoch wird am späten Vormittag bereits gepackt, gefegt und verladen. Das Geschäft ist mau.