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Umwelt:Katastrophaler Artenschwund

Westlicher Flachlandgorilla-Nachwuchs im Audubon Zoo

Nicht nur der Östliche, auch der Westliche Flachlandgorilla ist vom Aussterben bedroht.

(Foto: Jonathan Vogel/dpa)

Die Vielfalt auf der Erde verringert sich in einem katastrophalen Tempo. Doch es gibt Möglichkeiten, dagegenzuhalten.

Von Tina Baier

Es war nicht anders zu erwarten, trotzdem ist es ein Schock: Der neue Living Planet Report der Naturschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) zeigt, dass es Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien noch nie so schlecht ging wie jetzt. Seit 1970 ist der Bestand der untersuchten Wirbeltierpopulationen weltweit um 68 Prozent zurückgegangen. Die gute Nachricht ist, dass es noch nicht zu spät ist, den Artenschwund wenigstens zu verlangsamen. Das zeigt eine Untersuchung, die Teil des WWF-Reports ist und zeitgleich im Wissenschaftsjournal Nature erschien.

Alle zwei Jahre berechnet der WWF den "Living Planet Index", der ausdrücken soll, wie es um die Artenvielfalt auf der Erde bestellt ist. Die Indexkurve zeigt die durchschnittliche prozentuale Veränderung der erfassten Tierbestände seit 1970. In die aktuellen Berechnungen flossen Daten von etwa 4400 Wirbeltierarten aus 21 000 Populationen ein. Bei etwa der Hälfte der untersuchten Spezies schrumpfen die Lebensgemeinschaften. Die Bestände der anderen Hälfte sind stabil oder wachsen.

In der Summe ergibt sich jedoch ein deutlicher Abwärtstrend. "Die Kurve der Tierbestände zeigt inzwischen eine dramatische Entwicklung", sagt Christoph Heinrich vom WWF. "Wäre der Living Planet Index ein Aktienindex, würde er die größte Panik aller Zeiten auslösen."

Am schnellsten schwinden dem Bericht zufolge Tiere, die im Süßwasser leben. Im Vergleich zu 1970 sind demnach die Bestände unter anderem von Süßwasseramphibien, Reptilien und Fischen um durchschnittlich 84 Prozent zurückgegangen. Betroffen sind laut WWF alle Regionen der Erde. Die Ursachen dafür sind nach Aussage der Artenschützer vielfältig, doch es gibt eine Gemeinsamkeit: Von der Verschmutzung des Wassers bis hin zur Flussbegradigung - sie hängen sämtlich mit Aktivitäten des Menschen zusammen.

Den Waldelefanten in Ghana geht es besser. Das zeigt, dass es möglich ist, den Abwärtstrend zu stoppen

Als besonders stark gefährdete Spezies stuft der Bericht unter anderem den Östlichen Flachlandgorilla im Kongo ein, dessen Bestand seit 1994 um 87 Prozent geschrumpft ist, außerdem Lederschildkröten in Costa Rica (84 Prozent Rückgang seit 1995) und Störe im Jangtse (97 Prozent seit 1970). Doch es gibt auch Positivbeispiele, wie etwa die Waldelefanten im Bia-Nationalpark in Ghana, die zeigen, dass der Abwärtstrend gestoppt werden kann.

Ist es möglich, dieses Ziel nicht nur für einzelne Arten zu erreichen, sondern für viele Spezies gleichzeitig - so dass die Living-Planet-Kurve nicht mehr nach unten fällt, sondern stabil bleibt oder vielleicht sogar wie ein steigender Aktienkurs wieder nach oben klettert? "Auf der UN-Biodiversitätskonferenz in Sharm El-Sheikh im Jahr 2018 hat sich die internationale Gemeinschaft darauf geeinigt, die globale Zerstörung der Natur und den Verlust der Biodiversität aufzuhalten", sagt Hermann Lotze-Campen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Er ist Mitautor der Nature-Studie, die zeitgleich mit dem Living-Planet-Report erschienen ist. Die beteiligten Wissenschaftler präsentieren darin einen konkreten Plan, wie dieses Ziel erreicht werden könnte.

Anhand verschiedener Modelle und Szenarien identifizierte das Team um David Leclère vom International Institute for Applied Systems Analysis zwei Schlüsselbereiche. Erstens müssten demnach 40 Prozent des Festlands bis zum Jahr 2050 unter Schutz gestellt werden. Zusätzlich sollten auf acht Prozent degradierte Böden so restauriert werden, dass sie ihre ursprüngliche Funktion wieder erfüllen können.

Zweitens müsste die Menschheit ihre Ernährung umstellen: "einschließlich einer deutlichen Verringerung unserer Lebensmittelabfälle, einer nachhaltigeren Intensivierung der Landwirtschaft und einer Verringerung des Anteils tierischer Produkte auf unserem Speiseplan", sagt PIK-Forscher Florian Humpenöder, der ebenfalls an der Untersuchung beteiligt war.

Nur beides zusammen konnte in den verschiedenen Zukunftsszenarien, die die Wissenschaftler durchspielten, das Artensterben aufhalten. "Diese Studie zeigt, dass es noch möglich ist, den Verlust der Natur zu stoppen", sagt Mitautor Mike Barrett vom WWF. "Wenn wir das nicht schaffen und weitermachen wie bisher, wird die Erde das Überleben der Menschen jetzt und in Zukunft nicht mehr sichern können."

© SZ/zint
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