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Archäologie:Per Boot sicher ins Jenseits

Schiffsgrab

Das Gjellestad-Schiff, digital rekonstruiert: Ein solches Begräbnis war für die Wikinger auch Symbol für Macht und Reichtum.

(Foto: Gjellestadstory.no/Østfold University College/Viken County Council/Institute for Energy Technology/Nordic Media Lab)

Im Südosten Norwegens wurde ein spektakuläres Schiffsgrab aus der Wikingerzeit zusammen mit anderen Grabhügeln, einer Festhalle und weiteren Bauten entdeckt. Der prachtvolle Friedhof könnte einst ein wichtiger Kultplatz gewesen sein.

Von Hubert Filser

Mitten im Feld, knapp unter der Grasnarbe, lag ein Schiff. Von oben war nichts zu sehen gewesen. Doch als Lars Gustavsen und seine Kollegen die Daten ihres Bodenradars auswerteten, waren sie sehr überrascht. Klar zeichneten sich die Umrisse eines mächtigen Boots ab.

Der Besitzer der Felder nahe dem Ort Gjellestad im Südosten Norwegens hatte Anfang 2017 die Archäologen angefordert, er wollte einen neuen Entwässerungsgraben bauen. Da inmitten der sonst flachen Wiesen mit dem Jellhaugen ein mächtiger Grabhügel aus der Eisenzeit liegt und es auch historische Hinweise auf drei weitere Gräber gab, sollten die Forscher aus Oslo Klarheit schaffen. Mithilfe der Radartechnik entdeckten sie direkt unter der Oberfläche aber nicht nur das mehr als tausend Jahre alte Grab mit dem mächtigen Wikingerschiff darin, sondern auch die Überreste von zwölf weiteren Grabhügeln und die Grundrisse mächtiger Häuser, einer gewaltigen Festhalle und weiterer Großbauten.

Gustavsen und seine Kollegen vom Norwegischen Institut zur Erforschung des Kulturerbes (Niku) waren an der Ostseite des Oslofjords auf eine bislang unbekannte Kultstätte gestoßen. Die Archäologen hoffen, dass Gjellestad Hinweise auf das Leben an den norwegischen Küsten in der Zeit nach dem Untergang des Römischen Reiches bis zum Ende der Wikingerzeit gibt, wie sie kürzlich im Fachmagazin Antiquity berichteten. "Wir wussten zwar, dass auf dem Feld wichtige archäologische Funde gemacht wurden", sagt Gustavsen. "Aber von der Ausdehnung und der Art der Strukturen im Boden hatten wir keine Ahnung."

Vor mehr als 1000 Jahren könnte in der Nähe ein Wikingerhafen gewesen sein

Das Feld liegt in der Nähe des Meeres. Vor mehr als 1000 Jahren stand das Wasser dort noch mehrere Meter höher, weil sich das Land seit dem Ende der jüngsten Kaltzeit aufgrund des schwindenden Eises anhebt. Und so vermuten die Forscher sogar einen Hafen der Wikinger in der Nähe. In Richtung Meer fanden sie Hinweise auf Handel und Handwerksstätten, etwa Bleigewichte, Teile von Spindeln und Münzen mit Prägung, die wohl aus Franken stammen. Auf dem Gelände fand sich zudem ein goldener Anhänger, der auf Beziehungen bis in den Mittelmeerraum hindeuten könnte.

Das Schiff im Boden ist aber der spektakulärste Fund. Vom Schiff sei zwar nur noch der Teil unterhalb der Wasserlinie erhalten, sagt Gustavsen. Der Rest ist wie viele der anderen Grabhügel in der Vergangenheit weggepflügt worden, vermutlich schon im 19. Jahrhundert. Es gibt alte Berichte, dass der damalige Besitzer der Felder in der Gegend Holzreste, wohl Teile des Schiffs, gefunden und in einer Scheune gelagert habe. "Leider ist das Material längst verloren", sagt Gustavsen.

Goldanhänger, gefunden mit Metalldetektoren in der Nähe des Jellhaugen.

(Foto: Kirsten Helgeland, Museum of Cultural History, University of Oslo)

Die Daten des Bodenradars, die von Alois Hinterleitner vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie in Wien ausgewertet wurden, und eine aktuell laufende Ausgrabung machen aber die einstigen Dimensionen des Schiffs sichtbar. Es war wohl 22 Meter lang und vier Meter breit. Und damit nur einen Meter kürzer als das berühmte Osebergschiff, das Archäologen vor mehr als einem Jahrhundert am westlichen Ufer des Oslofjords ebenfalls unter einem Grabhügel gefunden hatten und das bis heute als eine der wichtigsten Entdeckungen aus der Wikingerzeit gilt. Hinter dem Schiffsmast waren dort zwei Frauen in einer Grabkammer beigesetzt worden.

Die Wikinger beherrschten von etwa 750 bis 1050 von den Küsten Skandinaviens aus die nördlichen Meere. Ein Schiffsbegräbnis symbolisierte für sie eine Art sicheren Übergang ins Jenseits. Für sie war die Größe ein Zeichen für hohen Status, Reichtum und politische Verbindungen.

Noch können die Forscher nicht sagen, wer hier begraben wurde

Der Schiffshügel von Gjellestad wird auf die Zeit um 800 bis 900 nach Christus geschätzt, stammt also bereits aus der Wikingerzeit. Die Ausgrabungsstätte über dem Schiff ist durch ein Zelt geschützt, ein Kamerateam dokumentiert derzeit die Arbeiten. Dunkel heben sich die Umrisse des Boots gegenüber der Umgebung ab. Immer mehr Details tauchten in den vergangenen Wochen auf, Eisennägel etwa, aus deren exakter Position die Archäologen die Form des Schiffsrumpfs zumindest teilweise rekonstruieren können. Oder Knochen von geopferten Tieren, vermutlich von einem Ochsen oder einem Pferd. Nach Jahrhunderten im Boden sind sie wie viele andere organische Überreste stark verwittert.

Menschliche Knochen fanden sich bislang noch nicht. Für die Forscher ist es daher schwer zu sagen, wer in dem Schiff begraben war. Die Begräbnisbräuche der Wikingerzeit seien sehr unterschiedlich gewesen, sagt Gustavsen. Klar aber sei, dass die Gesellschaft, die das Schiff begrub, Zugang zu wertvollen Ressourcen wie Holz in solchen Mengen hatte, dass sie solch ein mächtiges Gefährt in einer Bestattung opfern konnte. Das Schiff wurde zudem in Tonnen fruchtbaren Bodens begraben, der von einem anderen Ort hergebracht wurde, was den Status des Hügels ebenfalls hervorgehoben haben dürfte.

Der norwegische Archäologe begreift das Schiffsbegräbnis zwar als "erstaunlichsten Einzelfund". Aber eigentlich begeistere ihn etwas anderes noch mehr: "Es ist die Kombination aus den großen und reichen Grabhügeln und dem Festsaal", sagt Gustavsen. Der Ort ist mehr als ein Friedhof, es sei ein Kultplatz, ein "zentraler Ort", wie es der Archäologe nennt.

Und ein Ort mit langer Geschichte. Offenbar gab es dort nämlich seit der frühen Eisenzeit um 500 v. Chr. erste Nutzungsspuren. Von da an entwickelte sich Gjellestad von einem kleinen Hügelfriedhof zu einem rituellen Ort von überregionaler Bedeutung. So entstand in der späten Eisenzeit um 500 n. Chr. der große Jellhaugen, mit einer Länge von gut achtzig Metern der zweitgrößte Grabhügel in ganz Skandinavien. Vermutlich errichteten die Menschen damals auch bereits die vier großen Häuser mit einzelnen Räumen von mehr als 60 Quadratmetern, darunter die Festhalle und das langgezogene Kulthaus. Es waren gewaltige Bauten: Die Festhalle etwa war einst 38 Meter lang und sieben Meter breit, die Pfostenlöcher für die Stützbalken des Daches hatten einen Durchmesser von einem Meter.

Die Gegend um den Jellhaugen war kultureller Mittelpunkt einer ganzen Region

Sehr wahrscheinlich lebten die Menschen damals nicht in diesen Langhäusern, es finden sich keine Siedlungsspuren wie Kochstellen oder Essensreste. "Die Häuser hatten rituelle oder Statusfunktionen", sagt Gustavsen. Die Forscher glauben, dass die eigentlichen Siedlungen weiter landeinwärts lagen.

So ergibt sich Stück für Stück ein größeres Bild. Die Spuren im Boden zeigen, dass die Gegend um den Jellhaugen zu einem kulturellen Mittelpunkt für eine ganze Region wurde. "Wir sehen hier, wie einzelne Familien sich um die Vorherrschaft streiten und lokal ihr Einflussgebiet ausdehnen", sagt Gustavsen. Und dafür offenbar keine Kosten und keinen Aufwand scheuen, um ihren Einfluss zu demonstrieren. Entlang der Küsten entstanden während der Eisenzeit schon vor Ankunft der Wikinger viele Dörfer, an denen jeweils lokale Herrscher das Sagen hatten. "Viele kleine Stammesführer und Elitefamilien kämpften untereinander um die Kontrolle über das Gebiet und schlossen sich später zu größeren Einheiten zusammen", sagt Gustavsen.

Die Entwicklung der Region um Gjellestad scheint kein Einzelfall zu sein, schreiben die Forscher in Antiquity. Offenbar war die späte Eisenzeit an den Küsten des Oslofjords insgesamt sehr turbulent. Wie genau die Wikinger in der Region ab dem 8. Jahrhundert Einfluss gewannen, ist noch unklar. Jedenfalls übernahmen sie, wie die archäologischen Daten aus Gjellestad zeigen, den strategisch ideal am Oslofjord gelegenen Kultplatz. Künftig will das Team um Gustavsen noch landeinwärts nach einer Siedlung fahnden.

Eine animierte Darstellung der Gjellestad-Anlage ist unter https://gjellestadstory.no abrufbar.

© SZ/weis
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