Psychologie:Verbrecher der Herzen

Psychologie: In den 1920er- und 1930er-Jahren beherrschte der Mafiaboss Al Capone die Unterwelt Chicagos. Er fand, er sei trotzdem ein guter Mensch, dem Dank und Anerkennung verwehrt werde.

In den 1920er- und 1930er-Jahren beherrschte der Mafiaboss Al Capone die Unterwelt Chicagos. Er fand, er sei trotzdem ein guter Mensch, dem Dank und Anerkennung verwehrt werde.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Schlechten Menschen gelingt es, sich für moralisch erhaben zu halten, auch Al Capone brachte das fertig. Woraus speist sich diese Fähigkeit zur Selbstbeweihräucherung?

Von Sebastian Herrmann, München

Wie so viele zählte sich auch der Gangsterfürst Al "Scarface" Capone zum großen Heer verkannter Menschen. Heute würde der einstige Mafiapate von Chicago wohl sagen, er fühle sich nicht wertgeschätzt. "Ich habe die besten Jahre meines Leben damit verbracht, anderen leichte Vergnügungen bereitzustellen und eine gute Zeit zu ermöglichen", klagte er einmal in einem Interview. Zum Dank werde er beschimpft und gezwungen, das Leben eines gejagten Mannes zu führen. Statt Capone also für die Bereitstellung von Alkohol, Trinkstätten sowie Prostituierten zu danken, fällte die Öffentlichkeit ihr Urteil aufgrund von ein paar Dutzend Morden, Erpressungen, Bandenkriegen und dem gelegentlichen Gebrauch des Baseballschlägers abseits des dafür gedachten Spielfelds. Der arme Al!

Capone pflegte ein Selbstbild als guter Mensch. In Interviews, der Mann war ein geschickter PR-Manager seiner selbst, räumte er zwar ein, gelegentlich mal grob hinzulangen. Aber immer wieder betonte er, dass in ihm deutlich mehr gute als schlechte Seiten steckten. Capone sei damit alles andere als eine Ausnahme, sondern vielmehr die Regel, schreiben nun Psychologen um Charlotte Cease und William Hart von der University of Alabama. Selbst schlimmste Gewalttäter betrachteten sich in der Regel nicht als verwerfliche Menschen, so die Forscher im Fachjournal Personality and Individual Differences.

Diese Form der Selbstbeschönigung gehört wohl zu den menschlichen Werkseinstellungen. So beobachtete das Team um Cease und Hart in seiner Studie, dass Probanden mit abgründigen Charaktermerkmalen sich selbst zwar im Verhältnis zu freundlicheren Gemütern als etwas weniger gut einschätzten. Doch wer laut Persönlichkeitstests stärker zu Narzissmus, egoistischer Manipulation, Psychopathie oder Sadismus neigte, attestierte seinem Ich dennoch deutlich mehr gute als schlechte Facetten. Wenn also etwas realistische Selbsterkenntnis in die dunklen Gemüter leuchtete, dann lediglich in stark eingeschränkter Lichtstärke.

Das ethische Eigenlob speise sich aus mehreren Quellen, argumentieren die Psychologen. Das Selbstbild als guter Mensch sei ein egoistisches Grundbedürfnis, das eben zur Not mithilfe motivierten Denkens erzeugt oder aufrechterhalten werde. Es finden sich ja zum Beispiel fast immer andere Menschen, die noch schlechter und damit ein willkommener Vergleichsmaßstab sind: Seht her, die da, die sind noch unehrlicher, noch gemeiner und brutaler. Dagegen sind wir ja harmlos! Zudem bleibe hartes, antisoziales Verhalten eine sehr seltene Ausnahme, so die Psychologen. Selbst Verbrecher wie Al Capone finden in ihren Erinnerungen also deutlich mehr Begebenheiten, in denen sie gut statt gewalttätig waren. Capone soll zum Beispiel ein loyaler und großzügiger Mensch gewesen sein. Auch so lässt sich das ethische Ich polieren.

Die alte Frage, wie so jemand nachts schlafen oder in den Spiegel blicken könne, erübrigt sich also. Selbst Verbrechern gelingt es, sich ihr Ich überzeugend schönzureden. Es ist wie in einem verwandten Feld: Der echte Depp weiß wirklich nicht, dass er ein Depp ist.

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