Wirecard:Markus Braun kommt vor Gericht

Lesezeit: 2 min

Wirecard: Das Gericht will über sämtliche Anklagepunkte gegen den ehemaligen Wirecard-Chef Markus Braun verhandeln.

Das Gericht will über sämtliche Anklagepunkte gegen den ehemaligen Wirecard-Chef Markus Braun verhandeln.

(Foto: Pool/Getty Images)

Das Landgericht München I hat die Anklage gegen den früheren Konzernlenker und zwei weitere Wirecard-Manager unverändert zugelassen. Der Prozess könnte Anfang 2023 beginnen.

Von Jan Diesteldorf, Frankfurt

Im Wirecard-Skandal steht der erste Strafprozess bevor. Das Landgericht München I hat am Mittwoch die Anklage gegen den früheren Konzernchef Markus Braun, den ehemaligen Wirecard-Manager Oliver Bellenhaus und den einstigen Leiter der Konzernbuchhaltung Stephan E. zugelassen. Nach mehrjährigen Ermittlungen geht die Aufarbeitung des wohl größten Betrugsfalls der deutschen Wirtschaftsgeschichte damit vor der 4. Strafkammer des Landgerichts weiter. Beteiligte rechnen mit einem Beginn der Hauptverhandlung Anfang 2023.

Die Staatsanwaltschaft München I wirft Braun und teils den beiden anderen Ex-Managern gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Untreue in mehreren Fällen, Bilanzfälschung und Marktmanipulation vor. Die 474 Seiten lange Anklageschrift liegt seit Mitte März bei Gericht. Demnach sollen Braun und weitere Beteiligte von 2015 an die Konzernbilanzen manipuliert und kreditgebende Banken um insgesamt 3,1 Milliarden Euro geschädigt haben. Dazu hätten sie "angeblich äußerst ertragreiche Geschäfte, vor allem in Asien" erfunden, so die Ermittler.

Die Anklage sei nun "unverändert" zur Hauptverhandlung zugelassen worden, teilte die Justizpressestelle des Oberlandesgerichts München mit. Das Wort ist entscheidend: Trotz massiver Gegenwehr vor allem der Verteidigung von Ex-Konzernchef Braun wird das Gericht somit über sämtliche Anklagepunkte verhandeln.

Für Braun ist die Zulassung der Anklage eine Niederlage

Für Braun, der seit mehr als zwei Jahren in Untersuchungshaft sitzt, ist das eine Niederlage. Er bestreitet jeden einzelnen der gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Von den mutmaßlichen Machenschaften des flüchtigen Ex-Vorstands und Hauptverdächtigen Jan Marsalek habe er nichts gewusst. Brauns Verteidiger hatten parallel zu den Ermittlungen und nach Anklageerhebung eigene Recherchen angestellt zu bislang nur teilweise aufgeklärten Geldflüssen rund um Wirecards Partnerfirmen in Asien, deren angebliche Geschäfte im Zentrum des mutmaßlichen Betrugs stehen.

In umfangreichen Schriftsätzen warfen die Anwälte Brauns den Ermittlern schwere Defizite vor und forderten, ihren Mandanten freizulassen. Die dubiosen Konten und Geldflüsse, deren Hintergründe bislang nicht ausermittelt seien, ließen darauf schließen, dass Marsalek und weitere Verdächtige erhebliche Summen aus dem Wirecard-Geschäft veruntreut hätten. Der Verbleib der Gelder sei nicht aufgeklärt worden. Mithin habe es die laut Staatsanwaltschaft erfundenen Geschäfte tatsächlich gegeben, und etwaige Manipulationen hätten vielmehr dazu gedient, die Veruntreuung von Wirecard-Einnahmen zu verschleiern. Die Staatsanwaltschaft hatte dem widersprochen. Die Richter sind der Auffassung der Ermittler nun offenbar gefolgt.

Es steht ein langwieriger Prozess bevor

Vor Gericht dürften sich Brauns Anwälte entsprechend gegen die Vorwürfe wehren. Es zeichnet sich ein langes, schwieriges Verfahren ab, das mehrere Jahre dauern könnte. Brauns Verteidiger Alfred Dierlamm war für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar. Der bisherige Kommunikationsberater von Braun, Hessens früherer Regierungssprecher Dirk Metz, hat jüngst sein Mandat niedergelegt.

Außer Markus Braun sitzt auch Oliver Bellenhaus nach wie vor in Untersuchungshaft. Der frühere Statthalter von Wirecard in Dubai hatte in mehreren Vernehmungen umfangreich ausgesagt und Braun schwer belastet. Die Staatsanwaltschaft hält seine Aussagen für glaubwürdig und stützt Teile der Anklage auf sie. Stephan E. ist als einziger der drei Beschuldigten auf freiem Fuß.

Der Zahlungsdienstleister und einstige Dax-Konzern Wirecard war Mitte 2020 spektakulär zusammengebrochen. Dem waren jahrelange Recherchen vor allem der britischen Financial Times vorausgegangen, wonach das Unternehmen unter anderem Kunden und Geschäfte erfinde, Bilanzen fälsche und elektronische Zahlungen für illegale Geschäfte abwickle. Nachdem die Wirtschaftsprüfer dem Konzern das Testat verweigert hatten, ging Wirecard im Juni vor zwei Jahren innerhalb von einer Woche pleite. Ex-Vorstand Jan Marsalek ist seitdem auf der Flucht und wird weiterhin in Russland vermutet.

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