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Wirecard:"Ich habe 300 000 Euro verloren"

DAX Corporations, Das Logo von Wirecard ist in dieser Illustration zu sehen. Das Unternehmen gehört zum Deutschen Aktie

Das Wirecard-Logo ist einer Illustration zum Thema Aktienhandel und Börse.

(Foto: imago images/Alexander Pohl)

Privatanleger hatten Wirecard hochgejubelt, nun stehen viele vor dem Ruin. Sie hielten dem Vorstand trotz aufkommender Zweifel am Geschäftsmodell die Treue. Ein Fehler, wie heute klar ist.

Von Harald Freiberger und Victor Gojdka

Als Peter Wischer gerade 300 000 Euro verloren hatte, war er einfach nur erleichtert. Binnen Stunden war Wischers stattliches Vermögen auf einen Bruchteil eingedampft, aus seinem Ruhestand war soeben eine unruhige Wackelposition geworden. Doch als der Aktienkurs des Zahlungsdienstleisters Wirecard endgültig kollabiert war, da machte sich bei Wischer Erleichterung breit: "Es ist jetzt einfach vorbei", sagt Wischer, der wie auch die anderen genannten Anleger nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen möchte.

An jenem 18. Juni, als die Wirtschaftsprüfer von EY dem Zahlungsdienstleister Wirecard das Testat verweigern und der Milliardenskandal beim Aschheimer Konzern ans Licht kommt, da scheinen sich nicht nur bei Wirecard Finanzlücken aufzutun - sie klaffen fortan auch in den Depots vieler Privatanleger, die große Summen auf die Aktie gesetzt hatten. Viele von ihnen fragen sich nun: Wie konnten wir uns so blenden lassen? Jeden Tag hatte sich Anleger Wischer ein, zwei Stunden mit Wirecard auseinandergesetzt - Börsenforen gelesen, Twittermeldungen studiert. Dass ausgerechnet ein Bilanzskandal das Vermögen des Rechnungslegungsexperten vernichtet: bittere Ironie.

Auch der Münchner Kunsthändler Helmut Dachs, 60, kennt diese zwiespältige Gefühlslage. Noch zwei Tage vor dem großen Skandal warnte Dachs seinen Bruder: "Lass die Finger von der Wirecard-Aktie, das ist viel zu unsicher." Am Tag darauf aber hielt er sich selbst nicht mehr an den Rat: Er kaufte 100 Papiere zum Kurs von 102 Euro. Es war der Tag, bevor die Wirtschaftsprüfer von EY das Testat verweigerten und die Aktie zum Einsturz brachten. "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass das bei einem Dax-Konzern passieren kann", sagt Dachs. Der Irrtum würde bestimmt ausgeräumt und die Aktie danach steigen, dachte er. Selbst als sie an dem Tag mehr als 50 Prozent verlor, wollte er nicht daran glauben. Er kaufte 200 Aktien nach, zum Kurs von 55 Euro. "Natürlich war das spekulativ, aber ich dachte, selbst wenn 1,9 Milliarden Euro fehlen, funktioniert das Geschäftsmodell von Wirecard immer noch", sagt Dachs. Doch es funktionierte nichts mehr. Die Aktie fiel weiter, erst bei einem Kurs von zwölf Euro sagte er sich: "Das hat jetzt keinen Sinn mehr." Er verkaufte - mit einem Verlust von 16 000 Euro.

Dachs will sich nun beim Anlegeranwalt Peter Mattil einer Klage gegen Wirecard-Verantwortliche und möglicherweise auch Wirtschaftsprüfer anschließen. Mattil bereitet diese gerade vor, es könne aber noch Monate dauern. Mehrere Hundert geschädigte Anleger haben sich bereits gemeldet, sie erlitten Verluste zwischen 10 000 und einer Million Euro. "Mein Eindruck ist, dass es sich oft um erfahrene Anleger handelt, nicht wie bei der Telekom-Aktie vor 20 Jahren", sagt Mattil.

Auch Karl Bergmeier war Finanzprofi, kein Anlagelaie. Der 51-Jährige arbeitete früher bei einer Onlinebank und kennt daher die deutsche Finanzaufsicht. "Deshalb hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ein solcher Betrug an der Bafin vorbei geschehen kann", sagt Bergmeier. Die Wirecard-Aktien liegen übrigens immer noch in seinem Depot, der Verlust beläuft sich inzwischen auf 98 Prozent.

Finanzpsychologin Monika Müller hat eine Erklärung für die enorme Treue vieler Wirecard-Anleger: "Es gab gute Gründe, die Aktie zu kaufen, schließlich ist sie über Jahre stark gestiegen", sagt sie. Wer eine Aktie kaufe, gehe eine persönliche Bindung ein zu dem Unternehmen und den Managern, identifiziere sich und baue Vertrauen auf. "Dieses Grundvertrauen ist für unser soziales Leben und unsere Wirtschaft auch wichtig."

Habe ein Anleger aber einmal starkes Vertrauen aufgebaut, müsse viel passieren, um es zu erschüttern. Das könnte erklären, warum Wirecard regelrechte Fans hatte, die den Chef in sozialen Medien und auf Hauptversammlungen verteidigten, bis zum bitteren Ende. "Danke, Herr Dr. Braun", sagten mehrere Redner auf dem - wohl letzten - Aktionärstreffen vor genau einem Jahr.

© SZ vom 04.07.2020

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