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Windpark in der Nordsee:Grüne Batterie für Europa

FILE PHOTO: An offshore wind farm near the windswept Danish island of Samso

Dänemark will bis 2033 für 28 Milliarden Euro einen riesigen Windpark in der Nordsee bauen.

(Foto: Bob Strong/REUTERS)

Dänemark plant das größte Bauvorhaben seiner Geschichte: eine Energieinsel in der Nordsee, deren Windparks einmal Strom für zehn Millionen Haushalte liefern sollen.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

1991 waren die Dänen die Ersten, die Windkraftanlagen auf dem offenen Meer bauten. Nun hat das Land ein Projekt verkündet, das alles in den Schatten stellt, was im Moment weltweit an Windkraftprojekten in Planung ist: Vergangene Woche beschloss das Parlament in Kopenhagen mit großer Mehrheit den Bau einer "Energieinsel" in der Nordsee, deren angeschlossene Windparks einmal Strom liefern soll für zehn Millionen Haushalte, viermal so viele, wie Dänemark zählt: Der Strom soll auch nach Deutschland und in andere Länder Europas geliefert werden. Mit einem Preis von umgerechnet mehr als 28 Milliarden Euro wird es das größte Bauprojekt in der Geschichte Dänemarks sein.

Es ist das seltene Beispiel eines Projekts, dem von fast allen Seiten in der dänischen Gesellschaft applaudiert wird. Klimaminister Dan Jørgensen von den Sozialdemokraten nannte es ein "zentrales Leuchtturmprojekt" für den von der Regierung beschlossenen grünen Wandel des Landes. Die Umwelt-Denkfabrik Concito sprach von einem "historischen" Schritt, Troels Ranis vom Industrieverband Danske Industri nannte es Dänemarks "Mondlandungsprojekt" mit großen Chancen für Wirtschaft und Arbeitsplätze: "Die Amerikaner flogen zum Mond, in Dänemark fahren wir 80 Kilometer in die Nordsee."

Die Energieinsel ist geplant als künstliche Insel etwa 80 Kilometer westlich vor der Küste Jütlands. Die Insel soll dann logistisches Zentrum und Knotenpunkt sein für mehrere angeschlossene Offshore-Windparks. Als Zeitpunkt der Fertigstellung war ursprünglich 2030 angepeilt worden, realistischer scheint nun eine Inbetriebnahme im Jahr 2033. Dann sollen zunächst etwa 200 der 260 Meter hohen Windräder ans Netz gehen und zunächst Strom für drei Millionen Haushalte liefern. Die künstliche Insel selbst soll anfangs 120 000 Quadratmeter groß sein. Sowohl die Zahl der Windräder als auch die Größe der Insel soll sich in anschließenden Bauphasen dann noch mehr als verdreifachen. Diskutiert wird auch, ob man auf der Insel zusätzlich Kapazitäten schafft für die Produktion umweltfreundlicher Kraftstoffe mithilfe des Stroms direkt vor Ort.

Die Planungen stehen allerdings noch am Anfang. Machbarkeitsstudien müssen zuerst den besten Standpunkt identifizieren. Unter anderem soll die Insel so weit draußen im Meer liegen, dass die gewaltigen Windräder vom Ufer aus unsichtbar bleiben. Gleichzeitig stehen sowohl die Details der Finanzierung als auch die Anteilseigner und Kooperationspartner des Projekts aus der Wirtschaft noch nicht fest: Der Staat wünscht sich eine öffentlich-private Partnerschaft, möchte mit 50,1 Prozent allerdings Mehrheitseigner bleiben.

Für manche Akteure kommt der Windpark zu spät

Mit Ausnahme der rechtspopulistischen Partei der "Neuen Bürgerlichen" hatten alle Fraktionen im Parlament dem Projekt am vergangenen Donnerstag zugestimmt. Neben dem Projekt in der Nordsee wurde gleichzeitig eine zweite, kleinere Energieinsel in der Ostsee beschlossen: Dort sollen die Windparks um die Insel Bornholm herum gebaut werden. Die Kritik, die bislang laut wurde, zielt auf die Verzögerung im Zeitplan ab. Einige Akteure zeigten sich enttäuscht über die Fertigstellung erst im Jahr 2033. Das nämlich bedeutet, dass die Windparks in der Nordsee drei Jahre zu spät kommen, um noch Einfluss zu haben auf das ehrgeizige dänische Klimaziel, das eine Senkung der Treibhausgase um 70 Prozent bis zum Jahr 2030 vorsieht. Die Branchenverbände Wind Denmark und Danske Energi etwa mahnten ein größeres Tempo an, sie versprechen sich viele neue Aufträge für ihre Mitglieder.

Dänemarks größte Zeitung, die liberale Politiken, nannte das Projekt "zu Recht mutig": Dänemark sei stets "Experimentierraum und Vorbild" gewesen, das sei schon immer der größte Beitrag des Landes zum Kampf ums globale Klima gewesen. Gleichzeitig seien solche Projekte alles andere als blauäugiger Idealismus: "Sie schaffen Wachstum und Chancen für Geschäfte."

Wichtig für den Erfolg der Energieinseln wird sein, dass andere Länder den Strom auch abnehmen. Man sei unter anderem in Gesprächen mit Deutschland, Polen, Belgien und den Niederlanden, hieß es vonseiten der Regierung. Das Projekt der Dänen sei eines "für den grünen Übergang in Europa", sagte Christian Ibsen, Direktor der Denkfabrik Concito: "Die Energieinsel kann die Nordsee zu einer grünen Batterie für Europa machen."

© SZ
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