Deutschland Betriebe müssen immer öfter Aufträge schieben oder ganz ablehnen

Experten der DZ Bank beschreiben in einer Studie die wesentlichen Gründe für die Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen: Es gebe zu wenige Bewerber, und die wenigen seien oft unzureichend beruflich qualifiziert. Betriebe müssten immer öfter Aufträge schieben oder ganz ablehnen, weil qualifizierte Kräfte fehlen, was dem Wachstumspotenzial der ganzen Volkswirtschaft schade.

Verkehr, Bauhandwerk und Pflegebranche seien besonders betroffen. Allerdings seien die Engpässe in Deutschland ungleich verteilt. In Bayern und Baden-Württemberg kämen die wenigsten Arbeitslosen auf die freien Stellen, und die Vakanzzeiten lägen in diesen Bundesländern überdurchschnittlich hoch.

Über dem Durchschnitt liegt auch jene oft übersehene Region, in der Jan Scheftlein arbeitet. Als stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Südthüringen in Suhl erlebt er seit Jahren, wie sich die Klagen der dort ansässigen Mittelständler häufen. In der jüngsten Umfrage sagten 72 Prozent der Unternehmen in dem Kammerbezirk, ihnen fehlten Fachkräfte. Das Potenzial, das die Bevölkerung vor Ort den Unternehmen biete, sei weitgehend ausgeschöpft, viel mehr als eine Umwandlung von Teilzeit- in Vollzeitstellen sei vielerorts nicht mehr drin. Ohne weitere Zuwanderung gehe es nicht mehr, sagt Scheftlein: "Ein Stück weit sind wir Opfer unseres eigenen Erfolgs geworden."

Die Unternehmen im Süden Thüringens reagieren ähnlich wie das Bettengeschäft in der Frankfurter Innenstadt: Sie übernehmen Kosten für Fortbildungsprogramme, versprechen mehr Urlaubstage, zahlen Prämien oder finanzieren Kitaplätze. "Inzwischen benutzen die Firmen die gesamte Klaviatur an Möglichkeiten, um Arbeitskräfte zu gewinnen", sagt Scheftlein.

Auch die Landesregierung verspricht Unterstützung: Im April reist eine thüringische Delegation nach Vietnam, auch um dort für Berufsausbildungen in Thüringen zu werben. Bereits seit drei Jahren beginnen 40 vietnamesische Jugendliche pro Jahr eine Ausbildung in der Kammer, erzählt Scheftlein, innerhalb einer halben Stunde seien sie jedes Jahr verteilt. Bei derzeit 3,5 unbesetzten Stellen je thüringischem Betrieb ist Platz für deutlich mehr.

Die Deutschen ziehen nicht so gerne um

So extrem die Lage in Südthüringen ist, so groß sind die regionalen Unterschiede. "Einen flächendeckenden Fachkräfteengpass gibt es nicht", sagt Alexander Kubis vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Er ist für die IAB-Stellenerhebung zuständig und sieht Monat für Monat, wo sich Lücken auftun zwischen Angebot und Nachfrage. Knapp seien Arbeitskräfte vor allem in den Gesundheitsberufen, gesucht werden Meister im Handwerk, Techniker, Ingenieure. "Aber es gibt auch immer noch viele Arbeitslose in anderen Berufen", sagt Kubis. Langzeitarbeitslose hätten es weiter schwer, Fuß zu fassen, auch wenn sich deren Zahl in neun Jahren Aufschwung deutlich verringert habe.

Bei Helfern kämen 445 Arbeitslose auf 100 offene Stellen, bei Fachkräften nur 144. Insgesamt gab es im dritten Quartal 2018 mehr als 1,2 Millionen offene Stellen; fünf Jahre zuvor waren es nur 763 000 gewesen. Und während 2017 nur noch zwei Arbeitslose auf eine offene Stelle kamen, waren es 2005 mehr als zehn. Ende vergangenen Jahres lag die Arbeitslosigkeit in Deutschland bei 4,9 Prozent.

Dass Arbeitslose und offene Stellen nicht immer zueinander finden, liege unter anderem an der geringen regionalen Mobilität in Deutschland, sagt Kubis. Die Deutschen ziehen nicht so gerne um. Hinzu kommt die sogenannte friktionelle Arbeitslosigkeit: Irgendjemand ist immer zwischen zwei Jobs. Und Ungelernte in Fachkräfte zu verwandeln, ist weder einfach, noch geht es schnell. Eine Arbeitslosigkeit von null gibt es deshalb noch nicht einmal in der Theorie.

Und dann ist da noch eine klassische Diskrepanz zwischen Konzernen und Betrieben: Generell hätten es große Unternehmen mit bekannten Namen leichter, genug gute Leute zu bekommen, sagt Kubis. "Aber 94 Prozent unserer Firmen sind Kleinbetriebe." Weil es viel weniger Arbeitslose gibt als früher, wird heute mehr als jede zweite offene Stelle von jemandem besetzt, der schon einen Arbeitsplatz hat.

Zum einen verlängert das die Suchzeiten für Unternehmen. "Zum anderen führt es dazu, dass die Ansprüche der Arbeitnehmer steigen, weil sie sich aus einer sicheren Position heraus bewerben", sagt Kubis. Oder sie bewerben sich überhaupt nicht, so wie im Fall des Hüsler-Nest-Geschäfts in Frankfurt. Inzwischen sind die Fenster zugeklebt, es wird renoviert, bald eröffnet die Filiale einer vegetarischen Restaurantkette in den Räumen. Das Essen werden ungelernte Aushilfskräfte servieren.

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