Volksabstimmung über Zuwanderung Diese Schweizer Branchen brauchen Einwanderer

Die Gesundheitsindustrie in der Schweiz, hier ein Hörgerätehersteller

Sie forschen in der Pharmaindustrie und schneiden Schnittlauch: Die Schweizer Wirtschaft warnt, dass sie ohne Einwanderer kaum arbeiten kann. Welche Branchen besonders betroffen sind - ein Überblick.

Von Charlotte Dietz

Für die Schweizer Wirtschaft ist es ein Schock. Um Arbeitsplätze und Wohlstand zu schaffen, bräuchte man die nötigen Fachkräften - und die müssten auch von Außen kommen, betonten die großen Wirtschaftsverbände der Eidgenossen noch im Januar. Vergeblich. Die Schweizer haben in einer Volksabstimmung entschieden, die Zuwanderung zu begrenzen.

Das könnte dem Staat Probleme bereiten. Noch ist es laut World Economic Forum das wettbewerbsfähigste Land der Welt. Nun fürchten Wirtschaftslobbyisten Nachteile: "Der Entscheidung hilft uns nicht gerade, im Wettbewerb um die besten Köpfe zu punkten", sagt Jan Atteslander vom größten Wirtschaftsverband der Schweiz, Economiesuisse. "Wir leiden unter einem massiven Fachkräftemangel, bisher haben wir den durch ausländische Arbeitskräfte abgedeckt", sagt auch Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands.

Jährlich ziehen 80 000 EU-Bürger in die Schweiz. Rund 300 000 Deutsche lebten im vergangenen Jahr dort. Zudem pendeln täglich 56 000 Grenzgänger aus Baden-Württemberg in die Eidgenossenschaft. Insgesamt hat mittlerweile jeder vierte Einwohner der Schweiz keinen Schweizer Pass - diese Quote liegt damit drei Mal so hoch wie in Deutschland.

Besonders stark betroffen von einer Einschränkung der Zuwanderung sind das Gesundheitswesen, die Gastronomie, die Pharma-Branche, die Landwirtschaft, sowie die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie. Welche Auswirkungen erwarten die einzelnen Branchen von der neuen Regelung?

Gesundheitswesen: Ein Drittel kommt von außerhalb

Die Schweizer Kliniken sind dringend auf spezialisierte Mitarbeiter aus dem Ausland angewiesen. Jeder dritte Mitarbeiter stammt nicht aus der Schweiz, jeder zehnte kommt aus Deutschland. Besonders gefragt sind ausländische Ärzte: 39 Prozent kommen aus dem Ausland, jeder vierte Arzt ist Deutscher. "Engpässe gibt es vor allem bei Spezialärzten und beim Pflegepersonal mit Zusatzausbildungen", sagt Conrad Engler vom Verband der Schweizer Spitäler. Um den Betrieb aufrecht erhalten zu können, sei eine gewisse Anzahl ausländischer Kräfte dringend nötig.

Gastronomie und Hotellerie: Saisonarbeit braucht Flexibilität

In der Gastronomie- und Hotelbranche sind 40 Prozent der Mitarbeiter Ausländer, fast jeder Dritte kommt aus EU-Ländern. "Sie sind ein zentraler Erfolgsfaktor für unsere Branche", sagt Susanne Daxelhoffer vom Verband Hotelleriesuisse. Sie befürchtet, dass eine Begrenzung der Zuwanderung die Flexibilität der Betriebe einschränke. Gerade die starken Saisonschwankungen in der Branche erforderten, spontan Fachkräfte aus anderen Ländern rekrutieren zu können.

Pharmaindustrie: Fast die Hälfte sind keine Schweizer

Die Schweizer Pharmaindustrie verzeichnet seit Jahren enorme Handelsüberschüsse und ist eine der wichtigsten Exportbranchen des Landes. Sie hat 67 000 Mitarbeiter, fast 45 Prozent von ihnen sind Ausländer. Gerade in den Forschungsbereichen ist die Industrie stark auf sie angewiesen. "Da haben wir schlichtweg zu wenig hochqualifizierte Leute und müssen weltweit suchen", sagt Marcel Sennhauser vom Pharmaverband Scienceindustries.

Landwirtschaft: Arbeiter für den Gemüsebau gesucht

Auch für die Schweizer Landwirtschaft sind Ausländer von Bedeutung. Ein Fünftel der Arbeiter stammen aus anderen Ländern, vorwiegend aus Osteuropa. Sie sind meist im Gemüseanbau tätig. "Wenig qualifizierte Arbeiten wie Schnittlauchschneiden sind bei den meist recht gut ausgebildeten Schweizern nicht sonderlich gefragt", sagt Urs Schneider, stellvertretender Direktor des Schweizer Bauernverbands. Die Landwirtschaft stehe auch in der Schweiz unter Druck, könne keine Spitzenlöhne zahlen. Er befürchtet, dass bei den Gesetzesverhandlungen die hochqualifizierten Branchen geschont werden - und die Landwirtschaft eher leiden muss. "Dann haben wir am Ende zu wenig Leute für unsere Arbeit."

Maschinenbau: Ruf der Schweiz in Gefahr

Etwa 28 Prozent der Angestellten in der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie stammen nicht aus der Schweiz. "Unsere Branche ist auf die Personenfreizügigkeit angewiesen. Unseren Bedarf deckt der Schweizer Arbeitsmarkt einfach nicht, egal ob es um Ingenieure, ein Facharbeiter oder ein Auszubildende geht", sagt Ivo Zimmermann vom Branchenverband Swissmem. Er fürchtet, dass durch einen Bruch mit dem wichtigsten Absatzmarkt EU Investoren verschreckt werden. Auch der gute Ruf der Schweizer Arbeitgeber stehe auf dem Spiel. Und die hohen Bürokratiekosten für die Begrenzung der Zuwanderung würden die Kosten in die Höhe treiben, fürchtet er.