Start-up Verimi:Absturz eines Vorzeigeprojekts

Start-up Verimi: Vertreter der zehn Verimi-Gesellschafter mit Geschäftsführerin Donata Hopfen beim Selfie. Hopfen ist inzwischen weg, die Verluste häufen sich.

Vertreter der zehn Verimi-Gesellschafter mit Geschäftsführerin Donata Hopfen beim Selfie. Hopfen ist inzwischen weg, die Verluste häufen sich.

(Foto: Wolfgang Kumm/picture alliance)

Verimi sollte ein digitaler Vorreiter sein, an den unter anderen die Deutsche Bank und die Allianz glaubten. Inzwischen türmen sich die Verluste. Das Vorhaben steht auch für halbherzige Digitalprojekte in Europa.

Von Meike Schreiber und Nils Wischmeyer, Frankfurt/Köln

Das Start-up Verimi ist einst mit großen Hoffnungen gestartet. Als die Identitäts- und Datenplattform 2018 loslegte, ließ sich die damalige Chefin Donata Hopfen mit den Worten zitieren: "Der Start der Plattform ist ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte von Verimi und für die Digitalwirtschaft in Europa." Endlich, so die Hoffnung der Gesellschafter damals, sollte es eine europäische Alternative zu einem universellen Login (Single-Sign-on) von Google oder Facebook geben. Mit diesen können sich Nutzer bei vielen verschiedenen Webseiten anmelden, indem sie einfach ihr Online-Konto damit verknüpften, was den US-Unternehmen einen unglaublichen Datenschatz verschaffte. Verimi nun sollte die europäische Antwort darauf sein. Ein Log-in für ganz viele Webseiten, rechtskonform, sicher - und von namhaften Firmen unterstützt. Neben der Bundesdruckerei waren beispielsweise die Deutsche Bank, die Allianz, Axel Springer oder die Deutsche Telekom dabei.

Fünf Jahre später ist von großer Hoffnung genauso wenig übrig wie vom ursprünglichen Geschäftsmodell. Der "grüne Verimi-Button" ist auf kaum einer Webseite zu finden, große Erfolgsmeldungen fehlen schon lange, in der breiten Bevölkerung kennt den Namen der Firma trotz großer Partner von Mercedes über Samsung bis DZ-Bank kaum jemand - und das Start-up scheint nach wie vor nach einer zündenden Geschäftsidee zu suchen. Der Plan des universellen Log-ins zündete nämlich nicht. Vermutlich auch deshalb, weil sich viele Verbraucher längst an Anbieter wie "Facebook Connect", "Login with Google" oder "Sign-in with Apple" gewöhnt zu haben scheinen.

2019 erfolgte daher der Schwenk hin zu "digitalen Identitäten", die man braucht, um beispielsweise ein Bankkonto zu eröffnen oder sich online auszuweisen. Seither kamen immer neue Anwendungen dazu. Heute bietet Verimi beispielsweise an, sich online auszuweisen, einzuloggen, zu unterschreiben und auch zu bezahlen. Etwa wenn man eine Versicherung der Allianz oder einen Vertrag mit der Telekom abschließen will. Die Liste der Anwendungen ist aber immer noch recht überschaubar.

Die verzweifelte Suche nach einem Geschäftsmodell für das Start-up mit den Promi-Gesellschaftern spiegelt sich nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung auch in den aktuellsten Zahlen, die öffentlich zugänglich sind. So summierte sich der Verlust des Unternehmens laut Geschäftsbericht von 2021 inzwischen auf fast 100 Millionen Euro. Bereits bis 2020 hatte das Unternehmen einen Verlustvortrag von fast 80 Millionen Euro angehäuft, worauf 16 Millionen Euro an Jahresfehlbetrag für 2021 dazukamen. Mehr als sieben Millionen Euro gab das Start-up demnach für sein Personal aus.

Auf der anderen Seite aber kommt kaum Geld über das Kerngeschäft herein. Wenn Kunden sich bei einem Geschäftspartner identifizieren, um sich online auszuweisen, erhält Verimi von diesem eine Gebühr. Die Provisionen, welche die 70 Mitarbeiter von Verimi mit diesen Identitätsdiensten erwirtschafteten, lagen 2021 bei übersichtlichen 147 000 Euro. Ein Jahr zuvor waren es sogar nur 50 000 Euro. Ob sich das im Jahr 2022 geändert hat? Es wäre zumindest verwunderlich. Verimi beantwortet Fragen zu den Zahlen aus den Jahren 2022 und 2023 nicht konkret. An großen Plänen mangelt es aber weiterhin nicht: "Für die kommenden Jahre ist ein kontinuierliches Wachstum geplant", teilt ein Sprecher mit.

Deutsche Unternehmen wurden erst aktiv, als es bereits zu spät dafür war

Verimi ist damit ein weiteres Beispiel dafür, wie Europas Unternehmen im Kampf um Marktanteile bei Digitalprojekten hinterherhinken. Auch das Bezahlsystem Paydirekt sollte sich als Online-Bezahldienst der deutschen Banken und Sparkassen gegen Paypal durchsetzen, aber eben erst, als eigentlich schon alles zu spät war. Während die US-Unternehmen vorangegangen sind und fleißig Marktanteile gesammelt haben, ignorierten die deutschen Banken das Thema Zahlungsverkehr zunächst und konnten sich dann auf kein gemeinsames Verfahren einigen. Inzwischen sind drei vorhandene Dienste technisch verschmolzen und werden seit Sommer 2022 unter der Marke Giropay beworben. Im Vergleich zu Paypal führen sie jedoch ein Nischendasein.

Verimi wiederum fiel öffentlich sogar eher mit Negativmeldungen auf. So zeigten Hacker zuletzt im August 2022 Schwächen der App auf. Dazu gab es Ärger mit der Bafin um die Frage, ob Mitarbeiter die Finanzaufsicht beim Bezahldienst Verimi Pay getäuscht haben. Der Aufsichtsratsvorsitzende des Start-ups, Stefan Imme von Volkswagen Financial Services, sah sich entsprechend dazu genötigt, öffentlich klarzustellen: "Die Gesellschafter stehen uneingeschränkt zu Verimi." Es ist wie bei Fußballtrainern: Dass ein Aufsichtsrat so etwas betonen muss, spricht nicht gerade dafür, dass dieser Zusammenhalt selbstverständlich wäre. Auch nun heißt es auf Anfrage, die Gesellschafter stünden hinter Verimi.

Zahlreiche Zielkonflikte

Die Probleme dürften auch darauf zurückzuführen sein, dass die Gesellschafter sich lange nicht einig waren, wie viel Verantwortung und Freiheit sie der Verimi-Führung geben wollen. Das jedenfalls kann man aus einer öffentlich bislang nicht bekannten Stellenbeschreibung für den Posten der "Spokesperson of the Board" herauslesen, also quasi des Vorstandschefs, welche die SZ einsehen konnte. Die Stellenausschreibung ist aus dem Jahr 2018. Damals hatte Vorstandschefin Donata Hopfen gerade hingeschmissen. Nun brauchte es einen neuen Chef, einen, der das Vorzeigeprojekt zu einem ebensolchen machen sollte.

Die Headhunter notierten darin: "Der Bewerber muss die Fähigkeit besitzen, als Visionär und Stratege zu denken und als ergebnisorientierter Manager zu handeln." Eine Seite später halten sie dann fest, er oder sie solle Erfahrung darin haben, eine "komplexe und anspruchsvolle" Aktionärsgruppe zu managen. Visionäres Denken auf der einen, Aktionärsbespaßung auf der anderen und irgendwo noch Geld verdienen? Das klingt nach zahlreichen Zielkonflikten. Noch dazu offenbaren diese Sätze, wie schwierig es werden dürfte, die Interessen der vielen verschiedenen Partner von Banken über Automobilkunden bis hin zu Luftfahrtunternehmen unter einen Hut zu kriegen, was seither der frühere Miles&More-Geschäftsführer Roland Adrian bewältigen muss. Er hatte die T-Systems-Managerin Jeannette von Ratibor abgelöst, die wiederum interimistisch für die ehemalige Springer-Managerin Hopfen eingesprungen war. "Bäumchen, wechsle dich" in Manager-Deutschland.

Zwar investierten 2021 die Deutsche Bank, Allianz, VW Financial Services und Samsung noch einmal gut zehn Millionen Euro und wollten die Führung unter den Gesellschaftern übernehmen. Im Herbst 2022 fusionierte Verimi sogar mit Yes, dem Identitätsdienst der Volksbanken und Sparkassen. Was zunächst nach einer sinnvollen Bündelung der Kräfte aussah, brachte bislang allerdings auch nicht den Durchbruch. Zwar stocken die Volks- und Raiffeisenbanken ihren Anteil an dem fusionierten Dienstleister deutlich auf; die nun zusammengeführte Infrastruktur von Verimi und Yes wickele im Jahr 2022 bereits weit mehr als zehn Millionen Transaktionen ab, verkündete man. Kurz darauf aber gingen etliche Sparkassen schon wieder auf Abstand, strichen die Yes-Funktion aus ihrem Angebot und führten dafür datenschutzrechtliche Bedenken an. Die Bündelung der Kräfte löste sich erst einmal wieder auf. Verimi, so hieß es damals noch, sollte die Chance zu einem Neustart bekommen. Zu sehen ist davon bisher wenig.

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