Arbeitsmarkt:Viele Frauen stecken beruflich zurück

Arbeitsmarkt: Wenn der Nachwuchs kommt, geben viele Frauen ihre Führungsposition auf.

Wenn der Nachwuchs kommt, geben viele Frauen ihre Führungsposition auf.

(Foto: Annette Riedl/picture alliance/dpa)

Obwohl sie sich ebenso für Karriere interessieren, geben Mütter öfter Führungsjobs auf und kümmern sich weitaus stärker um Haushalt und Kinder als Männer. Lässt sich daran etwas ändern?

Von Alexander Hagelüken

Viele Frauen stecken beruflich zurück, obwohl ihnen Gehalt und Karriere meist genauso wichtig sind wie den Männern. Das zeigt eine neue Studie, die auch belegt, wie mächtig traditionelle Rollenbilder nach wie vor sind. Demnach erledigt jede zweite berufstätige Frau in einer Partnerschaft den Haushalt alleine oder überwiegend. 70 Prozent übernehmen Care-Arbeit wie Kinderbetreuung alleine oder zum großen Teil.

"Die Arbeitswelt wurde vor langer Zeit so konstruiert, dass der Mann als Hauptversorger abends von der Arbeit heimkommt und jemanden hat, der sich zu Hause um alles kümmert", sagt Alexandra Wuttig von der IU Internationale Hochschule, von der die Studie stammt. "Frauen mussten sehen, wie sie eine Berufstätigkeit irgendwie mit Kindern vereinbaren. An dieser Grundkonstruktion hat sich oft wenig geändert."

Welche Unterschiede es gerade in Deutschland gibt, zeigen schon offizielle Daten. So arbeiten nur gut zehn Prozent der Männer Teilzeit, aber die Hälfte der Frauen - weit mehr als der europäische Durchschnitt (30 Prozent). Und das, obwohl sich die beruflichen Wünsche wenig unterscheiden, wie die IU-Hochschule in einer Befragungsreihe herausgefunden hat. Demnach findet eine Mehrheit von Männern wie Frauen den Verdienst wichtig. Und nur eine Minderheit macht sich nichts aus Führungspositionen.

"Frauen haben genauso wie Männer Interesse, Geld zu verdienen und in der Karriere voranzukommen", berichtet IU-Kanzlerin Wuttig. "Dass sie etwa keine Führungsjobs möchten, wie lange zu hören war, stimmt einfach nicht." Gleichzeitig gebe es mehr und mehr Männer, die keine beruflichen 80-Stunden-Wochen mehr wollten. "Wir müssen die Arbeit neu denken", fordert die Professorin.

In der Realität ist noch ziemlich viel althergebrachtes Rollenverhalten zu sehen - gerade wenn der Nachwuchs kommt. So haben elf Prozent aller befragten Frauen ihre Führungsposition aufgegeben, weil sie Mütter wurden. Jede fünfte verändert ihre beruflichen Ziele wegen der Kinder. In der Regel arbeiten sie weniger oder verzichten auf einen Karrierejob. "Durch Elternschaft verfestigen sich oft Rollenbilder", beobachtet IU-Personalprofessor Malte Martensen. "Väter möchten mehr Geld verdienen, Frauen überdenken ihre beruflichen Ziele. Gesellschaftlicher Druck, Strukturen und Klischees verstärken diese Verhaltensweisen, die sich auch nach Jahren in Erwerbsquoten und Karrierewegen niederschlagen."

Das berufliche Zurückstecken vieler Frauen ist keine Überraschung, weil sie nach eigenen Angaben einen Großteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit übernehmen. Wobei sich die Sicht darauf nach Geschlecht unterscheidet. Deutlich mehr Männer als Frauen geben zu Protokoll, man teile sich Familien- oder Hausarbeit gleichwertig auf. Was mathematisch nicht aufgeht. Mann Martensen appelliert: "Männer müssen sich stärker engagieren." Er sieht weitere Hindernisse für berufstätige Frauen. Etwa eine "eklatante Lücke im Angebot an Kinderbetreuung, die durch nichts zu rechtfertigen ist und fast immer von Frauen ausgeglichen wird". Daher schlägt er vor, massiv in die Ausbildung von Erziehungs­personal und den Ausbau von Kindertagesstätten zu investieren.

Alexandra Wuttig wünscht sich einen Schulterschluss von Firmen mit dem Staat, um die Berufstätigkeit von Frauen zu erleichtern - ob durch mehr Betreuung oder flexibles Arbeiten etwa im Home-Office oder mit freierer Zeiteinteilung. "Als ich beruflich anfing, war man eine umso bessere Mitarbeiterin, je später man im Büro das Licht ausmachte. So sollte es nicht mehr sein." Zwar gingen viele Unternehmen den Wandel an. Manche könnten aber noch aufholen. Nur jeder zehnte Beschäftigte bekommt von der Firma Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Und jeder fünfte Beschäftigte erlebt keinerlei Anstrengungen der Firma, flexibles Arbeiten zu ermöglichen. Wuttig wirbt für eine Kulturveränderung zu echter Familienfreundlichkeit. Mit Vorstößen wie vom SAP-Konzern, der Väter nach der Geburt der Kinder sechs Wochen bezahlt zu Hause sein lässt.

Eine Elternzeit sollte die Chancen auf Beförderung erhöhen, fordern Wissenschaftler

Initiativen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern sollen, erreichen nur teils ihr Ziel. So fürchten etwa 40 Prozent der befragten Männer und Frauen, dass sich eine Elternzeit negativ auf Gehalt und Karriere auswirkt. Nur jeder vierte Vater nimmt die Auszeit für seine Kinder, während es in Schweden jeder zweite ist. Den Wissenschaftlern schweben stärkere finanzielle Anreize vor. Und sie richten einen ungewöhnlichen Appell an die Firmen: Diese sollen Müttern und Vätern nach einer Elternzeit eine höhere Chance auf Beförderung eingestehen, da die Kinder-Auszeit "eine Weiterbildung in sozialen Fähigkeiten" sei.

Wuttig will monetäre Fehlanreize beseitigen, die gegen weibliche Berufstätigkeit wirken. Etwa durch eine Reform des Ehegattensplittings, das Alleinverdiener-Ehen den höchsten finanziellen Vorteil gewährt: "Bisher ist die klassische Ehe, in der nur der Mann arbeiten geht, steuerlich am besten." Gesellschaftlich werde es oft nicht wohlwollend betrachtet, wenn Mütter bald nach der Geburt wieder in den Beruf zurückkehrten. Wuttig schlägt vor, neue Gesetze immer daraufhin zu untersuchen, wie diese sich auf die Gleichberechtigung auswirken. Und sie plädiert für mehr finanzielle Bildung schon in den Schulen. "Vielen Frauen scheint nicht klar, was es bedeutet, wenn sie weniger Stunden arbeiten, finanziell vom Partner abhängig werden und später keine eigene Altersversorgung haben."

Der demografische Wandel mache es dringlich wie nie, die Berufstätigkeit von Frauen zu ermutigen, ohne das Kinderkriegen zu verleiden. "Wir haben Arbeitskräftemangel. Wir können weder auf die Frauen auf dem Arbeitsmarkt verzichten noch auf Kinder, die später als Erwachsene in den Beruf einsteigen und in die Rentenkassen einzahlen."

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