Krise in Venezuela Wenn Banknoten nur noch gewogen werden

Die Scheine kommen auf die Waage: der Zahlvorgang in einer Bäckerei in Venezuela.

(Foto: Bloomberg)
  • Venezuela steht vor einer der schlimmsten Hyperinflationen der Weltgeschichte - ähnlich wie Deutschland 1923.
  • Das ist nicht nur eine wirtschaftliche Katastrophe, sondern schadet auch dem gesellschaftlichen Zusammenhalt massiv.
  • Die Schuldigen an der Situation - die sozialistischen Machthaber des Landes - suchen nach Sündenböcken.
Von Nikolaus Piper

Die Tragödie Venezuelas hat einen weiteren Namen bekommen: Hyperinflation. Das eigentlich wohlhabende und mit riesigen Ölreserven gesegnete Land wird nach einer langen Wirtschaftskrise gegen Jahresende vermutlich eine Rate der Geldentwertung von einer Million Prozent erreichen, schrieb jetzt Alejandro Werner, Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) für die westliche Hemisphäre, in einem Überblick. Das ohnehin niedrige Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird um 18 Prozent schrumpfen, nachdem das Land bereits 2016 und 2017 einen zweistelligen Rückgang der Wirtschaftsleistung erdulden musste. Der Zusammenbruch der Ökonomie, die Knappheit an Lebensmitteln und öffentlichen Gütern wie Gesundheitsleistungen, Strom, Wasser, öffentliche Transportmittel, führt zu Migrationsströmen, durch die auch die Nachbarländer nach und nach in die Krise hineingezogen werden, so der IWF.

Venezuela steht damit vor einer der schlimmsten Hyperinflationen der Weltgeschichte. Sie ist nur vergleichbar mit der großen Inflation in Deutschland 1923 oder der in Simbabwe 2009. Nach der Definition des amerikanischen Ökonomen Phillip Cagan wird aus einer galoppierenden Inflation eine Hyperinflation, wenn die monatliche Rate der Geldentwertung 50 Prozent übersteigt, was auf eine Jahresrate von 13 000 Prozent hinausläuft. In Deutschland kam die Geldentwertung im November 1923 auf gut 30 000 Prozent.

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Präsident Nicolás Maduro kündigte jetzt ein Programm der "wirtschaftlichen Erholung" an, das am 20. August starten werde. Geplant sei dabei auch eine "Geldumstellung": "Fünf Nullen weniger". Ursprünglich hatte Maduro die Streichung von drei Nullen angekündigt.

Die Schuldigen an der Katastrophe Venezuelas machen es ähnlich wie andere Verantwortliche vor ihr - sie suchen nach Sündenböcken. Maduro, der zusammen mit einer sozialistischen Militärclique das Land regiert, sagt, sein Land befinde sich in einem Wirtschaftskrieg, den die Vereinigten Staaten angezettelt hätten. Demonstranten, die gegen die Politik Maduros auf die Straße gingen, bezeichnete er als "faschistische Banden".

Diesen Wirtschaftskrieg gibt es nicht. Dafür ist es klar, wo die Ursachen der Hyperinflation in Venezuela liegen. "Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen", postulierte der Nobelpreisträger Milton Friedman einst. Will sagen: Inflation entsteht, wenn Notenbanken oder Regierungen zu viel Geld in Umlauf bringen. In Deutschland begann der Weg zur Zerstörung der Mark im August 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die kaiserliche Regierung finanzierte den Krieg zunächst solide durch Ausgabe von Kriegsanleihen und Steuererhöhungen. Ein Teil jedoch wurde durch Gelddrucken aufgebracht, und dieser Teil wurde mit der Zeit immer größer, weil die Regierung Proteste und Kriegsmüdigkeit fürchtete. Nach dem verlorenen Krieg musste die Notenpresse noch schneller arbeiten, bis im November 1923 ein Dollar 4,2 Billionen Mark kostete.

Venezuela leidet an der "Holländischen Krankheit"

In Venezuela war es kein verlorener Krieg, sondern der unermessliche Ölreichtum des Landes, der den Marsch in die Katastrophe auslöste. Alles begann am 6. Dezember 1998, als Maduros Vorgänger, der charismatische Offizier Hugo Chávez, die Präsidentschaftswahlen in Venezuela gewann. Chávez rief die "Bolivarische Revolution" aus, die auch in den Industrieländern unter der Bezeichnung "Sozialismus für das 21. Jahrhundert" begeisterte Zustimmung fand. Der ökonomische Kern dieses Sozialismus bestand darin, die Rohstoffrente aus der Ölförderung, also das, was nach Abzug von Lohn- und Kapitalkosten von den Öleinnahmen übrig bleibt, an das Volk, genauer: an die Anhänger des Präsidenten, zu verteilen.

Was passiert, wenn man das tut, haben schon andere Länder durchgemacht. Zum Beispiel die Niederlande. Dort wurde in den 1960er Jahren Erdgas entdeckt. Die Rohstoffrente, die dabei entstand, nutzten die Niederländer, um ihren Sozialstaat auszubauen. Die Löhne stiegen und mit ihnen die Kosten der heimischen Produktion, wodurch niederländische Industriegüter an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Als die Gaspreise dann einbrachen, stürzte das Land in eine schwere Wirtschaftskrise. Bis heute nennt man diesen Krisenverlauf "Holländische Krankheit". Die Krankheit wurde erst geheilt, als die Tarifparteien 1982 das legendäre "Abkommen von Wassenaar" unterzeichneten, bei dem die Gewerkschaften einem Deal zur Lohnzurückhaltung für neue Arbeitsplätze zustimmten.