Venezuela Das Land der schwangeren Kinder

Familienplanung ist ein von den UN verbrieftes Menschenrecht, doch in Venezuela existiert es nicht.

(Foto: Reuters)
  • Nahezu alle 30 Millionen Venezolaner sind von der Hyperinflation und dem damit verbundenen Kollaps der Infrastruktur betroffen.
  • Auch sicherer Sex ist zu einem nahezu unerschwinglichen Luxus geworden.
  • Zu den am stärksten betroffenen Gruppen der Mangelwirtschaft gehören Frauen im gebärfähigen Alter.
Von Boris Herrmann, Caracas/Rio de Janeiro

Vor wenigen Tagen ist ein kleines Wunder geschehen in Venezuela: Der autokratische Präsident Nicolás Maduro räumte ein, dass es "Probleme im Gesundheitssektor" gibt. Bislang hatte er das hartnäckig geleugnet, obwohl das Wort "Problem" der dramatischen Lage nicht ansatzweise gerecht wird. Das Land befindet sich laut der International Crisis Group in einer "komplexen humanitären Krise". Um zu verstehen, was das bedeutet, genügt es, in der Hauptstadt Caracas eine Apotheke aufzusuchen.

Mit etwas Glück findet man dort Cola, Streichhölzer und Kernseife. Nicht erhältlich sind in der Regel Medikamente. Neben den wichtigsten Grundnahrungsmitteln fehlen im ölreichsten Staat der Erde auch Nasentropfen, Schmerzmittel, Antibiotika, Betablocker, Insulin und Antibabypillen. An der Kasse hängen manchmal zwei, drei Päckchen Kondome der Marke "Sex USA". Die kosten dann aber fünf Millionen Bolívares. Das entspricht etwa dem Monatsgehalt eines Oberarztes in den nicht mehr funktionsfähigen Krankenhäusern.

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Komplexe humanitäre Krise bedeutet, dass nahezu alle 30 Millionen Venezolaner von der Hyperinflation und dem damit verbundenen Kollaps der Infrastruktur betroffen sind. Und es ist keineswegs ein Randproblem, dass neben einer ausreichenden Ernährung und einer menschenwürdigen Gesundheitsversorgung auch sicherer Sex zu einem nahezu unerschwinglichen Luxus geworden ist. HIV galt bis vor wenigen Jahren als gut kontrolliert in Venezuela. 2017 aber starben dort laut dem Virologen Julio Castro mindestens 5000 Menschen an Aids.

Der Präsident hält sich für einen Feministen

Präsident Maduro bezeichnet sich gerne als Feminist - eine seiner bizarrsten Lügen. Denn zu den am stärksten betroffenen Gruppen der Mangelwirtschaft gehören Frauen im gebärfähigen Alter. Familienplanung ist ein international verbrieftes Menschenrecht, das in Venezuela nicht mehr existiert. "Keine Kondome, keine Pillen, keine Geburtenkontrolle", sagt Zobeida Barradas, die beim venezolanischen Roten Kreuz seit 23 Jahren für Sexualerziehung zuständig ist. An Präventionskampagnen sei nicht zu denken. Vor allem die rasant steigende Zahl der Schwangerschaften von Minderjährigen bereitet ihr große Sorgen.

Statistiken der Regierung gibt es dazu keine, einem UN-Bericht von 2016 zufolge war jede zehnte schwangere Venezolanerin noch nicht erwachsen. Die BBC zitierte unlängst aus einer Studie, wonach inzwischen jedes vierte Baby von einem Teenager geboren wird. Barradas sagt: "Fest steht, das Problem ist völlig außer Kontrolle, und es wird immer schlimmer."

Barradas versucht, den Mädchen und jungen Frauen in Caracas zu helfen, so gut es geht. Aber oft geht es eben nicht. Sie hat beim Gesundheitsministerium gerade 200 Packungen Kondome angefordert. Antwort: Es gibt keine. Alle Fälle, die sie betreut, sind Risikoschwangerschaften, nicht nur wegen der haarsträubenden hygienischen Zustände in den Krankenhäusern und Geburtenkliniken, wo es mitunter nicht einmal Wasser und Strom gibt. Die Nahrungsmittel- und die Gesundheitskrise verstärken sich gegenseitig. "Viele der werdenden Mütter sind unterernährt, fast alle haben Angst vor der Zukunft", sagt Barradas. Sie kennt Mädchen, die ihre Kinder gerne verschenken möchten, und Mädchen, die schwanger sind, weil sie Sex gegen Essen angeboten haben.

Barradas beobachtet bei ihrer Arbeit auch einen starken Anstieg von Geschlechtskrankheiten wie Tripper und Syphilis sowie von illegalen Abtreibungen. Verlässliche Statistiken gibt es auch dazu keine in Venezuela. Dafür gibt es einen Präsidenten, der nach den jüngsten Massenprotesten von Ärzten und Krankenschwestern überhaupt erstmals öffentlich ein "Problem" einräumt und gleichzeitig behauptet: "Wir werden alles Notwendige ändern. Unser Ziel ist, das beste Gesundheitssystem der Welt zu haben." Realitätsverlust im Endstadium, muss man da wohl diagnostizieren.

Zu deutlich besseren Zeiten der chavistischen Revolution wurden Verhütungsmittel kostenlos verteilt. Inzwischen produziert Venezuela aber keine Medikamente und Hygieneartikel mehr, und wegen der Devisenknappheit wird auch fast nichts mehr importiert. Humanitäre Hilfe lehnt Maduro aus Prinzip ab. Immer mehr Jugendliche, erzählt Zobeida Barradas, informierten sich deshalb im Netz über alternative Verhütungsmethoden. Dort finden sich zum Beispiel "15 Hausmittel, um nicht schwanger zu werden". Etwa dieses: Nach jedem ungeschützten Sex zwei bis drei Feigen essen!

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