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Janet Yellen:Bidens großer Coup

Chair of the Federal Reserve Janet Yellen - Washington, DC

Trägt gerne Perlenketten und hält soziale Schieflagen auch für ein zentrales Thema der Geldpolitik: Janet Yellen, die baldige Finanzministerin der Vereinigten Staaten.

(Foto: Matt McClain/Washington Post/Getty Images)

Donald Trump entließ Janet Yellen einst als Notenbankchefin. Nun holt Joe Biden die als integer und empathisch bekannte Ökonomin als Finanzministerin aus dem Ruhestand zurück - und setzt damit ein deutliches politisches Zeichen.

Von Claus Hulverscheidt

Als Donald Trump im Sommer 2017 darüber nachdachte, wen er wohl mit der Leitung der Notenbank Fed betrauen sollte, gingen dem neuen US-Präsidenten Beratern zufolge vor allem zwei Fragen durch den Kopf: wie er, Trump, der Fed eine "eigene Handschrift" verpassen könnte - und ob es tatsächlich zu den ruhmreichen Vereinigten Staaten von Amerika passe, wenn ihre wichtigste geldpolitische Institution von einer Frau geführt werde, die es nicht einmal auf 1,60 Meter Körperlänge bringe. Die Antwort ist bekannt: Die klein gewachsene Amtsinhaberin Janet Yellen verlor den Job und wurde durch ihren Vorstandskollegen Jerome Powell ersetzt.

Yellens Körpergröße ist tatsächlich ein Merkmal, das sie signifikant vom 1,90-Meter-Koloss Trump unterscheidet - aber nicht das einzige. Ja, man könnte so weit gehen zu sagen, dass die Yale-Absolventin in jeder Hinsicht eine Art Gegenentwurf zum scheidenden US-Präsidenten darstellt: klug, verschmitzt, belesen, integer, kompetent, empathisch - das sind einige der Zuschreibungen, die man hört, wenn man in Washington Politiker, Ökonomen und Beobachter nach der Doktorin der Wirtschaftswissenschaften fragt. Als das Wall Street Journal vor Jahren führende Volkswirte bat, das Wirken der 2018 abgesetzten Notenbankchefin mit einer Schulnote zu versehen, war der Tenor zumindest eindeutig: 60 Prozent der Befragten vergaben die Note Eins, 30 Prozent entschieden sich für eine Zwei, acht für eine Drei.

Insofern muss man es wohl als echten Coup bezeichnen, dass es Trumps Nachfolger Joe Biden offensichtlich gelungen ist, die mittlerweile 74-jährige Ökonomin aus dem Ruhestand zurückzuholen und sie zu überreden, als erste Frau überhaupt die Führung des US-Finanzministeriums zu übernehmen. Das gilt umso mehr, als der künftige Präsident mit seiner Entscheidung auch strategisches Geschick beweist: Anders als etwa ihre Mitbewerberin Elizabeth Warren, die linksgerichtete Senatorin aus Massachusetts, genießt Yellen sowohl bei der großen Mehrheit der Demokratischen Partei als auch beim gemäßigten Flügel der Republikaner Respekt. Und anders als Lael Brainard, die zwar der Fed-Spitze angehört, den Sprung nach ganz oben aber bisher nicht geschafft hat, wird Bidens Kandidatin vom ersten Tag an eine Finanzministerin sein, der ihre Amtskollegen in aller Welt mit höchster Achtung begegnen.

Sie forschte zu Straßengangs und zu Währungsproblemen im Zuge der deutschen Einheit

Vor allem aber: Mit Yellens Berufung, die der US-Senat Anfang 2021 noch bestätigen muss, macht der künftige Staatschef nach innen wie außen deutlich, welches Motiv nach den Trumpschen Chaosjahren seine Präsidentschaft leiten soll: Rückkehr zu einer seriösen, stetigen Regierungsarbeit, Einbindung erfahrener, weltweit angesehener Persönlichkeiten, Wiederannäherung an internationale Partner und Verbündete. Dabei wird es im Bereich Finanzen zwar wie beim Klima, bei der Gesundheit und auf den meisten anderen Feldern eine politische Linksverschiebung geben, nicht aber den von jüngeren Demokraten geforderten radikalen Linksruck.

Und doch könnte sich ausgerechnet die Seniorin Yellen für den ungeduldigen Parteinachwuchs noch als Glücksfall erweisen. Die künftige Ministerin wuchs auf in Bay Ridge, einem ordentlichen, aber keineswegs stinkreichen Viertel im New Yorker Stadtteil Brooklyn; der Vater betrieb im Erdgeschoss ihres Elternhauses eine Arztpraxis, die Mutter arbeitete als Grundschullehrerin. Yellen erwies sich als blitzgescheite Schülerin, Studentin und später Hochschullehrerin, die das stark männerdominierte Feld der Wirtschaftswissenschaften mit klugen Bemerkungen immer wieder aufmischte. Wie breit gefächert ihre Interessen sind und waren, zeigen ihre akademischen Veröffentlichungen: Sie reichen vom Umgang mit Straßengangs in den USA bis zu Währungsproblemen im Zuge der deutschen Einheit.

Auch als Politikberaterin zu Zeiten des Präsidenten Bill Clinton und als Ökonomin bei der Fed war sie oft die erste Frau, die auf einen Posten berufen wurde, der bis dato Männern vorbehalten gewesen war. Nach ihrer Ernennung zum Vorstandsmitglied und schließlich zur Chefin der Notenbank im Jahr 2014 machte sie die Benachteiligung von Frauen im Berufsleben sowie die soziale Ungleichheit in den USA offiziell zum Thema der Geldpolitik - und zwar nicht nur, weil sie beides für ungerecht hält, sondern auch, weil die Schieflagen aus ihrer Sicht die wirtschaftliche Entwicklung behindern. Die Zahl der Frauen und Minderheitenvertreter in führenden Wirtschafts- und Wissenschaftspositionen müsse allein deshalb erhöht werden, so erklärte sie einst, "um den Blick auf bekannte Probleme durch neue und innovative Perspektiven" zu verändern. Das Magazin Forbes kürte sie, ebenfalls im Jahr 2014, zur zweitmächtigsten Frau der Welt - hinter Angela Merkel.

Zu Yellens Universitätslehrern zählten die Ökonomen James Tobin und Joseph Stiglitz, die später jeweils den Wirtschaftsnobelpreis gewannen - eine Ehre, die auch ihrem Ehemann George Akerlof zuteil wurde. Yellen und Akerlof lernten sich in der Cafeteria der Fed kennen und entdeckten nicht nur ihr Herz füreinander, sondern auch ihre Bewunderung für den wachen Geist des jeweils anderen. "Es war nicht nur so, dass unsere Persönlichkeiten perfekt zueinanderpassten", schrieb Akerlof 2001, "wir sind vielmehr auch in Fragen der Makroökonomie praktisch immer einer Meinung." Dass sich beide für das Sammeln von Steinen und Briefmarken interessierten, erleichterte darüber hinaus auch die gemeinsame Freizeitgestaltung.

Was die Grand Dame mit dem schlohweißen Bubikopf und dem Faible für Perlenketten und dunkle Kostüme darüber hinaus auszeichnet, ist ihre Gabe, komplizierte Dinge verständlich zu erklären und unterschiedliche Meinungen zu Kompromissen zusammenzuführen. Das wortreiche Umgarnen politischer Gegner dagegen zählt bisher nicht zu ihren Stärken. Ein Manko, denn als Finanzministerin wird sie in den Hinterzimmern des Kongresses manch windiges Geschäft eingehen müssen, sollten die Republikaner ihre Mehrheit im Senat behalten.

Ihre größte Herausforderung: Die US-Wirtschaft befindet sich gerade in einer Abwärtsspirale

Dabei ist die Aufgabe, die Yellen bevorsteht, schon schwierig genug: Weil Trump die Gefahren der Corona-Pandemie bis heute kleinredet und die Ausarbeitung eines schlüssigen Konzepts zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen verweigert, sind die USA in den vergangenen Wochen erneut in eine Abwärtsspirale aus Unternehmenspleiten, Arbeitslosigkeit, Privatinsolvenzen und Räumungsklagen geraten. Hinzu kommt der drastische Anstieg der Staatsverschuldung, der vor allem Trumps teurer Steuerreform aus dem Jahr 2018 geschuldet ist, durch die Corona-Krise aber befeuert wird. Das Land auf einen soliden finanzpolitischen Pfad zurückzuführen, dürfte ähnlich schwierig werden wie der Ausstieg der Fed aus der ultra-lockeren Geldpolitik der Jahre 2008 bis 2015, den Yellen als Notenbankpräsidentin moderieren musste.

Allerdings kann Bidens Ministerkandidatin auf ihre Erfahrungen zurückgreifen, die sie seinerzeit gewonnen hat. Eine davon lautet: In einer veritablen Wirtschaftskrise darf der Staat seine finanzielle Unterstützung nicht vorschnell zurückfahren, will er nicht Gefahr laufen, auf Jahre hinaus mit äußerst schwachen Wachstumsraten leben zu müssen. Genau das nämlich passierte nach den Bankenzusammenbrüchen der Jahre 2008 und 2009, als der republikanisch dominierte Kongress dem demokratischen Präsidenten Barack Obama die Unterstützung verweigerte.

Dass manche Kritiker der einstigen Harvard-Dozentin vorwerfen, für eine Politikerin eigentlich viel zu dröge zu sein, wird Yellen mutmaßlich kaum kümmern. Das gilt umso mehr, als es eine ganz andere Zuschreibung gibt, die in US-Medien viel häufiger zitiert wird und die ihr deutlich besser gefallen dürfte: die "kleine Lady mit dem großen IQ". Man könnte auch sagen: das glatte Gegenteil jenes Präsidenten, der sie einst als zu zwergenhaft verschmähte.

© SZ/jyb
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